Kämpfe in verschiedenen Regionen gehen unerbittlich weiter

Weitere Provinzhauptstadt in Nordafghanistan fiel an Taliban

Sonntag, 08. August 2021 | 22:23 Uhr

Nach der Großstadt Kunduz haben die militant-islamistischen Taliban am Sonntag eine weitere Provinzhauptstadt im Norden Afghanistans eingenommen. Die Sicherheitskräfte von Talokan in der Provinz Tachar hätten sich aus der Stadt zurückgezogen, sagte Provinzrat Rohullah Raufi. Die Hauptstadt der Provinz Tachar ist die dritte Provinzhauptstadt, die am Sonntag von den Taliban eingenommen wurde und die fünfte, die ihnen innerhalb von drei Tagen in die Hände fiel.

Die Aufständischen haben seit dem Beginn des Abzugs der internationalen Truppen im Mai bereits weite Teile des Landes erobert. Raufi zufolge zogen sich die Regierungskräfte in einen Bezirk rund 40 Kilometer vom Stadtzentrum zurück, um zivile Opfer und Zerstörung zu vermeiden. Die Stadt mit etwa 260.000 Einwohnern war seit mehreren Wochen umzingelt. Immer wieder hatten die Islamisten die Außenbezirke angegriffen. Tachar ist die Nachbarprovinz von Kunduz. Ein Einwohner der Stadt berichtete, Beamte und Sicherheitskräfte hätten die Stadt in langen Fahrzeugkonvois verlassen. Ein weiterer hochrangiger Beamter, der namentlich nicht genannt werden wollte, bestätigte, dass die Stadt gefallen sei.

Der Vormarsch der Taliban im Norden Afghanistans könnte sich als Wendepunkt im Kampf mit den Regierungsstreitkräften erweisen. Der Norden gilt seit langem als Hochburg des Widerstands gegen die Islamisten. Die Region ist Heimat mehrerer Milizen und für die afghanische Armee wichtiges Rekrutierungsgebiet. Zudem ist die Stadt ein wichtiges Handelszentrum nahe der Grenze zum Nachbarland Tadschikistan.

Die Taliban hatten Kunduz bereits 2015 und 2016 kurzzeitig eingenommen. Beide Male wurden die Islamisten mit US-Luftangriffen zurückgedrängt. Auch aktuell fliegen die USA Luftschläge – noch. Die US-Truppen sind praktisch schon abgezogen. Die Flieger steigen außerhalb Afghanistans auf. “Das heißt: Es gibt nicht mehr genügend Mittel, um jede angegriffene Stadt des Landes zu verteidigen”, schrieb die “New York Times”.

Nach Angaben des Verteidigungsministeriums starteten die afghanischen Truppen am Sonntag eine Offensive zur Rückeroberung wichtiger Einrichtungen in Kunduz. “Einige Gebiete, darunter jene mit den Gebäuden des nationalen Radios und Fernsehens, wurden von den terroristischen Taliban geräumt”, hieß es in einer Mitteilung. Die Stadt befinde sich im “totalen Chaos”, berichtete ein Einwohner.

Zuvor war bereits Sar-i Pul in der gleichnamigen Provinz an die Islamisten gefallen, bestätigten die Provinzräte Asadullah Khuram und Mohammad Noor Rahmani der dpa. Den Behördenvertretern zufolge haben die Taliban in Sar-i Pul nun die wichtigsten Regierungsgebäude unter ihrer Kontrolle. Alle Vertreter der Regierung hätten sich in eine Militärbasis rund einen Kilometer vom Zentrum der Stadt zurückgezogen, die belagert sei. Die Taliban würden Mörsergranaten auf die Basis feuern.

Am Freitag war die kleine Provinzhauptstadt Zaranj in Nimroz an der iranischen Grenze praktisch kampflos an die Taliban gefallen. Am Samstag folgte die Stadt Sheberghan in Jowzjan im Norden, Machtsitz des umstrittenen ehemaligen Kriegsfürsten und Ex-Vizepräsidenten Abdul Rashid Dostum, eine führende Anti-Taliban-Figur.

Die USA hatten die “neue gewaltsame Offensive der Taliban gegen afghanische Städte” schon am Samstag verurteilt. Das Auswärtige Amt in Berlin sieht nun eine zunehmende Verschlechterung der Sicherheitslage. Die Situation entwickle sich rasant, sagte ein Ministeriumssprecher am Sonntag.

Seit dem Beginn des Abzugs der US- und NATO-Truppen Anfang Mai haben die Taliban in mehreren Offensiven massive Gebietsgewinne verzeichnet. Sie eroberten zudem mehrere Grenzübergänge. Die US-Militärmission in Afghanistan endet am 31. August. Der Abzug ist US-Angaben zufolge zu mehr als 95 Prozent abgeschlossen.

Von: APA/dpa/AFP

Kommentare

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7 Kommentare auf "Weitere Provinzhauptstadt in Nordafghanistan fiel an Taliban"


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Doolin
Doolin
Universalgelehrter
1 Monat 10 Tage

…dauert net lang, dann haben sie eh das ganze Land in der Hand…
🤪

sepp2
sepp2
Superredner
1 Monat 10 Tage

wenn die Weltgemeinschaft wollte, hätten die die Taliban in 2 Wochen vernichtet.

Peerion
Peerion
Tratscher
1 Monat 10 Tage

Jetzt werden die Ergebnisse der militärischen Mission und des Friedensvertrags deutlich.
Die USA haben 2 Billionen US-Dollar in Afghanistan versenkt. Deutschland etwa 12,5 Milliarden. Viel Geld für zwanzig Jahre etwas Ruhe.

Frank
Frank
Superredner
1 Monat 10 Tage

Nicht nur Geld vernichtet, viele Zivilisten und junge Soldaten mußten für den Wahnsinn der Politik ihr Leben lassen.

brunner
brunner
Universalgelehrter
1 Monat 10 Tage

Und die ganze Welt schaut verdeppert zu…

Tattamolnia426
Tattamolnia426
Tratscher
1 Monat 10 Tage

Obo oans muaß i decht erwähnen.. Wenn mon dei freien Lauf losst wert sich es problem weit ibo Afghanistan ausbreitn.. Europa und die USA hauptsächlich werdn mit Konsequenzen rechnen miasn.. Nou isches et zi schpat.. Obo die Uhr tickt…

Tattamolnia426
Tattamolnia426
Tratscher
1 Monat 10 Tage

Pol die Amis und ondra obgezogn sein hon i in an Kommentar schun vorhergsechn.. Hon vorwiegend minus ➖ kriag.. Do gibs lai oan weg.. Obo dorzua sog i nix mehr.. Wer awian an Hausvorschond hot woas wos i moan.. Lai zuschaugn und hoffn bis sich es problem alloan löst hot höchst seltn eppas gebrocht.. Wenn net pol a deftige Reaktion kimp worn die gonzn Opfor fir die Kotz..

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