Chaos vor einem Krankenhaus in Kabul

Zwölf US-Soldaten unter Toten bei Anschlag in Kabul

Freitag, 27. August 2021 | 01:24 Uhr

Bei einem Anschlag beim Flughafen von Kabul sind am Donnerstag zahlreiche Menschen getötet worden. Die BBC berichtete unter Berufung auf einen Offiziellen aus dem Gesundheitswesen von insgesamt 60 Toten. Unter den Toten sind nach Angaben der US-Regierung zwölf amerikanische Soldaten. Ein in Afghanistan aktiver Ableger der Terrormiliz “Islamischer Staat” (IS) reklamierte den Anschlag für sich.

Bereits zuvor hatten die USA den sogenannten IS-Khorasan für den Anschlag verantwortlich gemacht. Das US-Militär geht nicht davon aus, dass die militant-islamistischen Taliban ihre Finger im Spiel hatten. Auch die Taliban wollten, dass die US-Truppen bis zum 31. August das Land verließen, sagte Frank McKenzie, Chef des für die Region zuständigen Central Command der USA so McKenzie. Solange man dieses gemeinsame Ziel habe, sei die Zusammenarbeit mit den Taliban bisher sehr nützlich gewesen.

Die BBC berichtete unter Berufung auf einen Offiziellen aus dem Gesundheitswesen von insgesamt 60 Toten. Der US-General Kenneth McKenzie, der das US-Zentralkommando Centcom führt, bestätigte am Donnerstag in einer Videoschaltung mit Journalisten im Pentagon, dass zwölf US-Soldaten getötet wurden. 15 US-Soldaten seien verletzt worden.

Der Angriff sei von mindestens zwei Selbstmordattentätern ausgeführt worden, so McKenzie. Nach den Detonationen hätten eine Reihe von IS-Kämpfern das Feuer auf Zivilisten und Soldaten eröffnet. Es sei mit weiteren Anschlägen der Extremistengruppe zu rechnen. Die USA würden jedoch dessen ungeachtet den Evakuierungseinsatz zu Ende führen. In Afghanistan dürften sich noch etwa 1.000 US-Bürger aufhalten, sagte McKenzie.

Insgesamt wurden zahlreiche Menschen bei dem Doppelanschlag getötet – die Taliban sprachen von 13 Todesopfern. Ersten Erkenntnissen nach gab es am Donnerstag zwei Explosionen in der Nähe des Flughafens. Eine ereignete sich an einem der Flughafentore, eine weitere bei einem nahe gelegen Hotel. Es gab Befürchtungen, dass die Zahl der Todesopfer noch signifikant ansteigt. Auf Videos waren Dutzende Opfer zu sehen.

Die nun getöteten US-Soldaten sind die ersten amerikanischen Soldaten, die seit dem Abkommen der USA mit den Taliban im Februar 2020 gewaltsam in Afghanistan ums Leben kamen.

UN-Generalsekretär António Guterres lud angesichts der chaotischen Situation und der angespannten Sicherheitslage in Afghanistan die Vetomächte zu einem Krisentreffen ein. Diplomatenkreisen zufolge sollen die Botschafter der USA, Chinas, Russlands, Großbritanniens und Frankreichs am Montag in New York mit dem UN-Chef zusammenkommen, um sich über die Lage auszutauschen.

Die US-Regierung ging davon aus, dass die Extremisten-Gruppe IS-Khorassan, der afghanische Ableger des Islamischen Staats, hinter dem Angriff am Kabuler Flughafen steckt. Das sagte ein Insider, der mit Unterrichtungen des Kongresses vertraut war. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel sagte, Terroristen hätten es auf Menschen abgesehen, die vor den Flughafentoren gewartet haben.

Ein Vertreter der Taliban verurteilte den Angriff am Flughafen. “Angriffe auf unschuldige Zivilisten sind Terrorakte”, sagt ein Vertreter der Islamisten dem türkischen TV-Sender Habertürk. Dass solche Angriffe stattfänden, liege an der Anwesenheit ausländischer Truppen.

Vor dem Flughafen hat es nach ersten Erkenntnissen zwei Explosionen gegeben – eine an einem der Flughafentore und eine bei einem nahe gelegenen Hotel. Ein auf Twitter geteiltes Bild, das offenbar vom Inneren des Flughafengeländes aufgenommen wurde, zeigte eine große Rauchwolke. Der lokale Fernsehsender ToloNews veröffentlichte auf Twitter Bilder, auf denen zu sehen ist, wie Verletzte in Schubkarren transportiert werden. Ein Augenzeuge erzählte dem TV-Sender, die Explosion sei sehr stark gewesen. Manche Menschen seien ins Wasser – an einem Gate ist ein langer Wassergraben – und mehrere ausländische Soldaten zu Boden gefallen. Er habe auch Tote gesehen.

Der gut vernetzte afghanische Journalist Bilal Sarwari schrieb auf Twitter, ein Selbstmordattentäter habe sich in einer großen Menschenmenge in die Luft gesprengt. Mindestens ein weiterer Angreifer habe danach das Feuer eröffnet. Sarwari berief sich auf mehrere Augenzeugen in dem Gebiet.

Nach der Explosion hätten US-Soldaten an einem anderen Flughafengate Tränengas eingesetzt, um die Menschen auseinander zu treiben, sagte ein Bewohner Kabuls, der an diesem Gate war. Er schätzte, zu dem Zeitpunkt seien dort 2.000 bis 4.000 Menschen gestanden. Mehrere Frauen und Mädchen seien durch das Tränengas verletzt worden.

Deutschland, Italien, Großbritannien und die Türkei erklärten, es seien keine Soldaten aus ihren Ländern unter den Opfern. Es gebe keine Hinweise, dass bei dem Anschlag am Donnerstag Österreicher zu Schaden gekommen seien, teilte das Außenministerium der APA auf Anfrage mit.

Angesichts der Terrorgefahr und den zu Ende gehenden Evakuierungsflügen wird eine Evakuierung der verbliebenen mehreren Dutzend Österreichern aus Afghanistan immer schwieriger. Die Bemühungen, Österreicher und Personen mit österreichischer Aufenthaltserlaubnis bei der Ausreise zu unterstützen, liefen mit Hochdruck weiter, sagte Außenministeriumssprecherin Gabriele Juen am Donnerstag. Die Krisenteams des Außenministeriums würden in den Nachbarländern ihre Bemühungen fortsetzen, die Österreicher vor Ort bestmöglich zu unterstützen und auch an den Grenzen zu den Nachbarländern bei einer möglichen Ausreise über den Landweg helfen.

89 Österreicher wurden bisher aus Afghanistan gebracht. Allerdings organisiert Österreich keine eigenen Evakuierungsflüge, sondern bat andere Länder – darunter Deutschland -, die betroffenen Personen mitzunehmen.

Allerdings hat Deutschland seinen Evakuierungseinsatz wegen des bevorstehenden Abzugs der US-Streitkräfte vom Flughafen und der Terrorgefahr am Donnerstag beendet. Am Donnerstagabend (Ortszeit) hoben die drei letzten Maschinen mit schutzbedürftigen Personen an Bord in Kabul ab. Es seien alle deutschen Soldaten, Diplomaten und verbliebenen Polizisten aus der afghanischen Hauptstadt ausgeflogen worden, sagte die deutsche Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer in Berlin nach dem Start der letzten Maschine.

Unter anderem Belgien, Dänemark, Polen und Kanada stellten ebenso ihre Evakuierungen inzwischen ein, Frankreich plante das für Freitag. Das US-Militär flog binnen 24 Stunden erneut mehr als 13 000 Menschen aus. Nach Angaben des Weißen Hauses flogen die USA und ihre Partner mehr als 95 000 Menschen aus.

Nach Angaben von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron standen am Abend noch 20 Busse mit französischen Staatsbürgern und anderen Personen, die geschützt werden sollen, vor den Toren des Flughafens. Eine erfolgreiche Evakuierung könne jedoch nicht garantiert werden. Auch die niederländische Regierung rechnete damit, dass am Donnerstag die letzte ihrer Maschinen für Evakuierungsflüge in Kabul abheben wird, wie es in Unterrichtung des Parlaments hieß. Auch Ungarn hat seine zwei Militärmaschinen, die an den Evakuierungen beteiligt waren, bereits abgezogen, wie das Verteidigungsministerium in Budapest mitteilte.

Die Sicherheitslage rund um den Flughafen hatte sich in den vergangenen Stunden noch einmal deutlich zugespitzt. Mehrere Länder hatten vor einer Terrorgefahr gewarnt. Die US-Botschaft hatte US-Bürger, die sich am Abbey Gate, East Gate oder North Gate aufhielten, in der Nacht zu Donnerstag dazu aufgerufen, das Gebiet “sofort” zu verlassen. Großbritanniens Staatssekretär im Verteidigungsministerium, James Heappey, sprach noch am Donnerstagmorgen von der Drohung eines “ernsthaften, unmittelbaren, tödlichen Angriffs” binnen Stunden auf den Flughafen oder die von westlichen Truppen genutzten Zentren.

Seit der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban versuchen Tausende Menschen, aus Afghanistan zu fliehen. Seit mehr als einer Woche versammeln sie sich rund um verschiedene Eingänge des Flughafens, um auf einen Evakuierungsflug zu kommen. Dabei herrschten rund um den Flughafen dramatische Zustände – mehrere Menschen sind ums Leben gekommen.

Einige internationale Partner hatten die USA zu einer Verlängerung des Einsatzes aufgefordert, um noch mehr Zeit für die Evakuierungen zu haben. Der Militäreinsatz ist von den US-Truppen abhängig. Taliban-Kämpfer sollen an ihren Kontrollstellen im Umfeld des Flughafens bereits mehrere Attentäter der Terrormiliz IS abgefangen und getötet haben, heißt es aus Militärkreisen.

Unterdessen brechen immer mehr Afghanen in Richtung Pakistan auf. Täglich überquerten mindestens 10.000 Afghanen die Grenze bei Spin Boldak/Khaman, sagte ein Grenzbeamter der dpa. Zuvor seien es an normalen Tagen etwa 4.000 gewesen. Die meisten seien auf dem Weg zu Verwandten in Städten und Regionen unweit der Grenze. Pakistan hat seit 40 Jahren Millionen afghanische Flüchtlinge aufgenommen. Aktuell sind es 1,4 Millionen Afghanen, die als Flüchtlinge offiziell registriert sind, und etwa 600.000 undokumentierte Afghanen.

Auch die Balkanländer Albanien und Kosovo erklärten ihre Bereitschaft, insgesamt etwa 6.000 Menschen zumindest vorübergehend aufzunehmen. Die EU-Innenminister wollen kommenden Dienstag zur Lage in Afghanistan beraten. Dabei soll es auch um Migrationsbewegungen in Richtung Europa gehen.

Die Taliban haben Mitte August die Macht in Afghanistan an sich gerissen.

Von: APA/dpa/Reuters

Kommentare

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13 Kommentare auf "Zwölf US-Soldaten unter Toten bei Anschlag in Kabul"


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Sag mal
Sag mal
Kinig
27 Tage 3 h

Geister hatt ein Experte auf dem Gebiet gesagt es bestehe keine Terrorgefahr. Ich finde Dass ist nur Druck machen bei der Evakuierung.

Sag mal
Sag mal
Kinig
27 Tage 2 h

Ich meinte natürlich,,, “gestern”

Storch24
Storch24
Kinig
26 Tage 18 h

Sag mal, jetzt sieht man, dass es nicht nur Fake News sind.
Aber es gibt ha soo viel schlauere

So ist das
26 Tage 23 h

…Ein Vertreter der britischen Regierung hält einen Terroranschlag am Flughafen in Kabul binnen Stunden für möglich…

Funktionieren jetzt die Geheimdienste oder sucht man nur einen Vorwand, um die Menschen noch mehr und vorzeitig im Stich zu lassen.
Ein Totalversagen des Westens.

So ist das
26 Tage 6 h

Und leider hatten dieses Mal die Geheimdienste recht und es kam zur Katastrophe in der Katastrophe eines der ärmsten Länder, dem der Westen den Rücken kehrt.

want_my_life_back
want_my_life_back
Grünschnabel
26 Tage 22 h

….liebe westliche Welt, lasst das scheinheilige Berichterstatten über Dinge die von uns provoziert und vorhersehbar sind….als würde bei den armen Leuten dort jetzt etwas passieren das Amis und Co nicht vorher wussten….

Anderrrr
Anderrrr
Universalgelehrter
27 Tage 54 Min

Do isch ols zu spat do entn

Supergscheider
Supergscheider
Superredner
26 Tage 15 h

So langsam weitet sich.diese Apokalypse zum absoluten Supergau aus,das Totalversagen sämtlicher Institutionen bekommt neue Dimensionen und stellt Alles in den Schatten.
Die kalt schneuzigen Ausreden der Verantwortlichen sind ein Frevel gegenüber Jedem der unter dieser Situation leidet.
Eines sei euch Monstern gesagt,für jeden kommt der Tag der Abrechnung.

Trina1
Trina1
Universalgelehrter
26 Tage 18 h

Gewalt ist die Logik der Macht.

Tattamolnia426
Tattamolnia426
Tratscher
26 Tage 14 h

Ehrlich gsog hon i mir so eppas schun erwortet.. Und i befürcht es kimp nou schlimmor..

Karl
Karl
Universalgelehrter
26 Tage 4 h
Diese  Art von Anschlägen gehen nach Abzug (Flucht) der ratlosen Westmächte sicher erst richtig los und zwar nicht nur in Afghanistan. Afghanistan  als Staat wird für  Jahrzehnte im Bürgerkrieg versinken. denn dass sich die dortigen Kriegsherren  auf eine Macht -Teilung einigen werden ist und bleibt ein Wunschtraum der unglaublich naiven Westmächte.  Nun werden sich die Chinesen und andere Staaten die  gesamten Rohstoffe (Eisen, Kupfer, Lithium, Gold )  des Landes unter  den Nagel reisen und  dafür gleichzeitig alle Parteien mit Waffen “füttern”. Die Attentate und die Flüchtlinge bekommt der Westen als Dankeschön für seine  “grandiose” Arbeit der letzten 20 Jahre. Übrigens… Weiterlesen »
Supergscheider
Supergscheider
Superredner
26 Tage 26 Min

Karl@nivht kostenlos sondern auf dem Rücken der Steuerzahler und dreal darfst du raten wer von dem allem profitiert hat.

pfaelzerwald
pfaelzerwald
Universalgelehrter
26 Tage 2 h

Das kann und darf USA nicht unbeantwortet lassen.

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