Beat Feuz beim Zielsprung der Kitzbühler Streif

Athleten-Kritik am Streif-Zielsprung

Freitag, 22. Januar 2021 | 18:04 Uhr

Nach dem schweren Sturz des Schweizers Urs Kryenbühl in der Weltcup-Abfahrt der alpinen Ski-Herren am Freitag in Kitzbühel wurden noch am Abend für das zweite Rennen am Samstag Adaptierungen am zu weit gehenden Zielsprung vorgenommen. Tägliche Nachbesserungen nach den Trainings hatten bisher nicht die gewünschte Wirkung gezeigt. Als fatal hatte sich herausgestellt, dass die Athleten mit viel höherer Geschwindigkeit als im Training dorthin gekommen waren.

Emmanuel Couder und Hannes Trinkl, die als Duo den mit Corona infizierten Markus Waldner in der Rolle des Chef-Renndirektors des Internationalen Skiverbandes (FIS) bei den Hahnenkammrennen vertreten, bedauerten den folgenreichen Sturz. “Wir wissen, dass sich die Strecke von einem Tag auf den anderen ändern kann. Wir haben nachgearbeitet, aber es kam der Wind dazu, der Speed war extrem hoch, viel höher als in der Vergangenheit”, sagte Couder. “Es tut mir sehr leid. Das ist genau das, was wir nicht in der Abfahrt wollen. Wir werden alles versuchen, um in den nächsten Tagen sichere Rennen zu haben”, erklärte Trinkl.

Nach den Trainings hatten die Rennläufer von einer im Verhältnis zu anderen Jahren angenehmer zu fahrenden Streif gesprochen. Allerdings auch stets hinzugefügt, dass die Streif die Streif bleibe. “Ich traue mich bei keiner einzigen Abfahrt zu sagen, sie ist einfach. Ich bin sehr ehrfürchtig vor jeder Abfahrtsstrecke”, sagte der 40-jährige Hannes Reichelt.

Schwere Stürze beim Zielsprung sind Teil der Kitzbüheler Geschichte, zuletzt hatte es 2008 den US-Amerikaner Scott Macartney und 2009 den Schweizer Daniel Albrecht mit jeweils u.a. Schädel-Hirn-Trauma schwer getroffen. “Man kann da einem Zyklus beobachten, mal mehr, mal weniger. Der Sprung ist echt schön, aber der Speed muss gedrosselt werden”, verlangte Reichelt wie zahlreiche andere Athleten.

Der Schweizer Sieger Beat Feuz erklärte, dass in den vergangenen Tagen die Piste betreffend immer nur über den Zielsprung diskutiert worden sei. “Dass im Training die Athleten nicht mit der tiefsten Hocke zum Zielsprung fahren, ist auch nichts Neues. Und am Renntag wurde die tiefe Hocke ausgepackt. 148, glaube ich, Topgeschwindigkeit ist nach zwei Minuten sehr schnell. Wenn dann ein Sprung leicht bergauf geht, wird das sofort gefährlich. Der Zielsprung soll gehen, aber er muss nicht so gehen.”

Eine Meinung, die Routinier Reichelt (16.) teilte. Er meisterte den Sprung mit Bravour, habe aber durch die Kompression nicht das letzte Hemd riskiert und sei eine höhere Hocke gefahren. “Ich will ihnen nichts vorwerfen, aber sie haben da zu wenig getan. Der Sprung ist halbwegs schön gebaut, aber das Problem ist der Speed durch die Traverse. Wir bekommen heuer so einen Zupf zusammen, ich hatte 149 km/h, sonst sind es 140, 145. Das ist brutal schnell.”

Da sind dann Anfahrt und Sprungausführung sehr entscheidend und der kleinste Fahrfehler kann die größten Folgen haben: im Fall von Kryenbühl sind das Gehirnerschütterung, Bruch des rechten Schlüsselbeines sowie Riss des Kreuz- und Innenbandes im rechten Knie.

Die erste der heuer zwei Abfahrten auf dem Hahnenkamm zog sich am Freitag über drei Stunden. Letztlich wurde nach 30 Läufern abgebrochen, 55 waren auf der Startliste gestanden. Stürze von Ryan Cochran-Siegle (USA) mit Startnummer 13 in der Traverse und Kryenbühl mit Nummer 17 nach dem Zielsprung hatten Helikopterbergungen zur Folge. Der aufkommende Wind sorgte für weitere Verzögerungen.

Wenn Rennläufer am Start eines nicht wollen, dann Details von Stürzen erfahren. “Ich habe nichts mitbekommen außer einmal Traverse, einmal Zielsprung”, berichtete Reichelt, der Denkanstöße für die Verantwortlichen hatte. Einerseits wegen des Zielsprungs, andererseits wegen der langen Startintervalle und daran gemessen – bei Verzögerungen nochmals viel spielentscheidender – zu späten Startzeit. “Für die Jungen ist es echt zäh, wenn es so dunkel wird”, sagte der Salzburger. Wegen des Rennabbruchs blieb am Freitag vielen diese Erfahrung erspart.

Als beispielsweise Otmar Striedinger (Nummer 20), Reichelt (22) und Daniel Danklmaier (23) aus dem Startgate gingen, ließen die Lichtverhältnisse keine Chancengleichheit mehr zu. “Ich bin zufrieden, ich habe riskiert. Es war nicht mehr die Welt drinnen”, sagte Danklmaier, der 17. wurde.

Striedinger (13.) war froh, dass er “das alles nicht gesehen” hat. Durch die lange Wartezeit und der geänderten Lichtverhältnisse schwanden zunehmend auch seine Chancen. “Ich kann aber auch nicht mit der Gondel runterfahren. Wenn es piepst, denkst du nicht, ob du gute oder schlechte Lichtverhältnisse hast, da willst einfach deinen Plan durchziehen. Sicher ist man schneller, wenn die Sonne scheint.”

Der Sprung sei “generell grenzwertig” gewesen. “Ich glaube, es hat von den Verantwortlichen keiner gedacht, dass wir um zehn km/h schneller hierherkommen. Da sieht man halt, was das ausmacht.” Da redet man immer von Zentimeter abkratzen und putzen. “Das sieht man ja bei den Skispringern auch. Wenn es eine Luke höher ist und einen halben km/h schneller, dass es gleich weiter geht. Und wir sind halt fünf km/h schneller.”

Danklmaier war nach seiner Zieldurchfahrt gefragt worden, ob er Rückenwind hatte. “Ich habe gesagt, bei 140 spürst du das nicht, ob du Rückenwind hast. Im Rennen lässt du halt Vollgas hin auf die Kante. Ich wusste, dass er extrem weit geht und ich kompakt vorne bleiben muss.”

Von: apa