Anomalien als Normalität

Datenbank dokumentiert Häufigkeit verdächtiger Blutwerte

Sonntag, 04. Februar 2018 | 07:59 Uhr

Eine internationale Recherchegruppe hat über einen Whistleblower Einblick in eine Datenbank mit mehr als 10.000 Bluttests von fast 2.000 Wintersportlern erhalten. In der Analyse kam heraus, dass hinter 46 Prozent aller Medaillengewinne im Skilanglauf bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften seit 2001 auffällige Blutwerte stehen sollen.

Laut den Daten, die die ARD-Dopingredaktion, die britischen Sunday Times, das schwedische Fernsehen SVT und das Schweizer Digitalmagazin republik.ch erhalten haben, sollen in der Vergangenheit Bluttests von mehr als 50 Langläufern, die auch für die Olympischen Winterspiele in Südkorea qualifiziert sind, verdächtige Werte zeigen.

US-Arzt James Stray-Gunderson, der in der Vergangenheit für den Skiweltverband (FIS) gearbeitet hat, meinte in dem Bericht: “Es gibt eine beachtliche Zahl von Medaillengewinnern mit ungewöhnlichen oder höchst ungewöhnlichen Blutprofilen. Das deutet auf beachtliche Verbreitung von Doping im Skilanglauf hin.”

Insgesamt 290 Langläufer sollen sich mit abnormalen Werten verdächtig gemacht haben. Die größte Anzahl stammt aus Russland, aber u.a. weiters Deutschland, Frankreich, Norwegen, Finnland und auch Österreich sollen betroffen sein. Experten zufolge liegt laut ARD die Wahrscheinlichkeit einer anderen Ursache als Doping für derartige Werte unter Topathleten bei lediglich einem Prozent.

Österreich hat in der Geschichte von Nordischen Weltmeisterschaften fünf Langlauf-Medaillen zu Buche stehen (1 Gold/1 Silber/3 Bronze), die letzten und gleich vier Stück wurden 1999 in Ramsau errungen. Bei Olympischen Spielen wurden ebenfalls bisher fünf Medaillen gewonnen (1 Gold/2 Silber/2 Bronze), die letzten 2002 und 2006.

2002 in Salt Lake City gewann Christian Hoffmann Gold über 30 km Skating mit Massenstart vor Landsmann Michail Botwinow, der ursprünglich Erstplatzierte für Spanien startende Deutsche Johann Mühlegg war wegen Dopings suspendiert worden. 2006 in Turin gab es für Botwinow Bronze über 50 km Skating.

Die Rechtskommission der Nationalen Anti-Doping Agentur sperrte Hoffmann am 5. Dezember 2011 wegen eines Verstoßes gegen Anti-Doping-Bestimmungen für sechs Jahre, beginnend mit 11. Dezember 2009. Das Gremium der Unabhängigen Schiedskommission verringerte diese im Juli 2012 auf zwei.

Die Winterspielen 2014 in Sotschi endeten für das Österreichische Olympische Komitee mit einem Langlauf-Dopingskandal, in der Nacht vor dem 50-km-Bewerb erging die Nachricht an das ÖOC, dass Johannes Dürr bei einer Trainingskontrolle positiv auf eine verbotene Substanz (EPO) getestet worden war. Er wurde vom Ski-Weltverband zwei Jahre gesperrt. ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel hatte eine Ausgliederung der Langlaufsparte in den Raum gestellt, diese aber nicht vollzogen.

Zum dritten Mal wurde damit die ÖSV-Langlaufabteilung bei Winterspielen mit dem Thema Doping konfrontiert. Zuvor gab es den “Blutbeutel-Skandal” um Langläufer in Salt Lake City 2002 und den Razzien durch die italienischen Behörden in den Quartieren der Biathleten und Langläufer in Turin 2006.

Der letzte Dopingfall in Österreichs Langlauf ist noch nicht lange her. Im März 2016 verhängte die Anti-Doping Rechtskommission eine vierjährige Sperre über Harald Wurm wegen des Verstoßes gegen diverse Anti-Doping-Bestimmungen, sie läuft noch bis 12. Dezember 2019.

Von: apa