Wie geht es mit Jogi Löw weiter?

DFB-Team nach historischer Pleite vor Umbruch

Donnerstag, 28. Juni 2018 | 11:17 Uhr

Im deutschen Nationalteam steht nach der historischen Pleite bei der Fußball-WM in Russland ein Umbruch an. Ob Teamchef Joachim Löw nach dem erstmaligen Ausscheiden in der WM-Gruppenphase diesen Umbruch leiten wird, soll sich erst in ein paar Tagen klären. Einige Weltmeister stehen indes vor dem Ende ihrer Teamkarriere.

Die Debatten um die Zukunft des deutschen Fußballs, etlicher Spieler und natürlich auch des “geschockten” Langzeit-Bundestrainers Löw haben unmittelbar nach dem 0:2 gegen Südkorea eingesetzt, mit dem die Blamage besiegelt worden ist. Löw erbat sich direkt nach dem K.o. in Kasan Bedenkzeit. “Wie es jetzt weitergeht – da muss man mal in Ruhe darüber reden. Für mich ist das jetzt noch ein bisschen zu früh”, sagte der ehemalige Tirol- und Austria-Trainer.

DFB-Präsident Reinhard Grindel will das Thema ebenfalls in Ruhe besprechen. “Ich habe gestern Abend auf dem Rückflug mit Jogi Löw gesprochen. Wir sind so verblieben, dass wir in den nächsten Tagen besprechen, wie es weitergeht”, erklärte der Verbandschef.

Grindel nahm sich zunächst einmal aus der unmittelbaren Verantwortung. Er erwartet vielmehr Antworten von Teammanager Oliver Bierhoff und Löw. “Es ist nicht Aufgabe des Präsidenten, das Aus zu analysieren. Da würde ich mich überheben”, sagte Grindel: “Dafür haben wir die sportliche Leitung. Die werden uns das erklären müssen und dann werden wir Konsequenzen ziehen.”

Grindel hatte den Vertrag mit Löw erst vor dem Turnier in Russland bis zur nächsten WM 2022 verlängert, weil die DFB-Führung in ihm den “geeignetsten Kandidaten” für den Umbruch von der goldenen Weltmeister-Generation zur “tollen jungen Truppe” des erfolgreichen Confed Cups 2017 gesehen habe. Das Debakel in Russland erzwingt eine Überprüfung einer Ansicht, die vorher gerechtfertigt war. “Es war ja in der Vergangenheit immer so, dass Turniere Zeitpunkte waren für Veränderungen”, sagte Mittelfeldspieler Toni Kroos ganz allgemein. “Es wird alles hinterfragt”, sagte Bierhoff.

Ein Vorrunden-Aus bei einer WM gab es in der DFB-Geschichte noch nicht. Aber dreimal bei Europameisterschaften: Jupp Derwall (1984), Erich Ribbeck (2000) und Rudi Völler (2004) saßen danach nicht mehr auf der Trainerbank.

Der Kapitän will auf dem Tiefpunkt der deutschen WM-Geschichte aber auf jeden Fall an Bord bleiben. “Ich habe jetzt nicht vor, aufzuhören”, sagte Manuel Neuer. “Ich habe immer versucht, Verantwortung zu übernehmen, die Mannschaft mitzunehmen und zu motivieren. Aber natürlich gehöre ich mit dazu und bin auch ein Gesicht derjenigen, die dafür mitverantwortlich sind.”

Der 32-jährige Torhüter gehört zu den wenigen DFB-Spielern, die nicht versagten. Neuer ist wohl auch der einzige aus der aktuellen Ü30-Generation, der selbst über seinen Verbleib in der Nationalelf entscheiden kann. Stürmer Mario Gomez (32) und Mittelfeldmann Sami Khedira (31) stehen alleine vom Alter her schon nicht für den Neuaufbau. “Ich brauche jetzt erstmal ein paar Tage, um das zu verarbeiten”, sagte Teamsenior Gomez.

Das Ende einer goldenen Generation rückt näher. Die nach der Erdogan-Affäre in die Kritik geratenen Mesut Özil (29) und Ilkay Gündogan (27) müssen sich erst wieder als sportlich unverzichtbar erweisen, um nach der WM-Aufarbeitung noch fixe Größen sein zu können. Die Weltmeister Mats Hummels (29), Jerome Boateng (29), Toni Kroos (28) und Thomas Müller (28) sind wie auch Marco Reus (29), Sebastian Rudy (28) oder Jonas Hector (28) noch im guten Alter.

“Jetzt habe ich zwei Weltmeisterschaften gespielt: Eine war der größte Erfolg meines Lebens, eine die größte Enttäuschung. Das ist schwer zu verarbeiten”, sagte Hummels. Boateng und er konnten die Defensivlücken nicht schließen. Niklas Süle (22) deutete als bester DFB-Akteur gegen Korea an, dass er zur Stammkraft reifen könnte.

In der Offensive ist der “Müller spielt immer”-Müller nicht mehr unantastbar. “Ich werde jetzt hier nicht eine halbe Stunde nach einem WM-Aus meinen Rücktritt erklären”, antwortete der Bayern-Angreifer genervt auf eine entsprechende Nachfrage.

Der nach mehr Einfluss strebende Joshua Kimmich (23) ist ebenso ein Mann für die Zukunft wie der zumindest zeitweise überzeugende Timo Werner (22). Julian Draxler (24), Leon Goretzka (23) oder Julian Brandt (22) können ebenfalls noch lange spielen. Auch der im Trainingslager aussortierte Leroy Sane (22) oder der nicht berücksichtige Finaltorschütze von 2014, Mario Götze (26), könnten wieder ins Blickfeld rücken.

Im Fokus stehen aber nicht allzu viele junge Spieler, die jetzt nicht dabei waren. Von den im Vorjahr gefeierten U21-Europameistern drängte sich im WM-Jahr keiner auf. Nur der nach Hoffenheim verliehene Münchner Serge Gnabry (22) war überhaupt ein Russland-Kandidat, musste aber verletzt passen. Dass Deutschland sich nicht für die U19-EM in diesem Jahr qualifizierte und die U17 bei der EM in der Vorrunde scheiterte, ist alarmierend.

Von: APA/dpa