Southgate und Saka: Zwei tragische englische Helden.

Englischer Herzschmerz nach erneutem Elfer-Drama

Montag, 12. Juli 2021 | 13:16 Uhr

Das englische Fußball-Herz blutet wieder. Das Fußball-Nationalteam der Männer wird sein Elfmetertrauma bei großen Turnieren nicht los. Das verlorene EM-Finale im heimischen Wembley-Stadion gegen Italien am Sonntag bedeute für die “Three Lions” die siebente Niederlage im Elfmeterschießen im neunten Anlauf bei einer EM oder WM. Die Wartezeit auf einen Titel hält an, die Trauer darüber war gewaltig.

Teamchef Gareth Southgate saß am Morgen danach wie ein Häuflein Elend bei der Pressekonferenz. “Es fühlt sich heute Morgen an, als hätte man mir die Eingeweide rausgerissen”, sagte Southgate. Dies könnte auf Schuldgefühle zurück zu führen sein, bestimmte der Trainer doch für das Elfmeterschießen um die erste Krone seit dem WM-Titel 1966 mit Marcus Rashford (23), Jadon Sancho (21) und Bukayo Saka (19) drei zwar hochtalentierte, aber doch sehr junge Männer.

Frühere Größen sparten nicht mit deutlicher Kritik, nahmen dabei auch die Routiniers in die Pflicht. “Wenn du (Raheem) Sterling oder (Jack) Grealish bist, kannst du nicht dasitzen und ein junges Kind (Bukayo Saka, Anm.) vor dir den Elfmeter schießen lassen”, tadelte etwa der frühere Manchester-United-Kapitän Roy Keane. “Sie haben viel Erfahrung, Sterling hat Trophäen gewonnen, sie müssen sich dieser Verantwortung stellen.” Grealish immerhin merkte auf Twitter an, dass er für einen Elfmeter bereit gewesen sei.

Arsenal-Jungstar Saka leistete sich den entscheidenden Fehlschuss im fünften englischen Versuch – und kämpfte im Arm seines Trainers lange mit den Tränen. “Natürlich ist es herzzerreißend für die Spieler”, sagte Southgate spät am Abend. Er nahm die Schuld auf sich und stellte klar: “Es ist nicht ihre Schuld.”

Viele Enttäuschte sahen das offenbar anders und beleidigten die drei schwarzen Profis im Internet rassistisch. Über die Fehlschützen prasselten in den sozialen Medien so heftige rassistische Beschimpfungen ein, dass sich vom populistischen Premierminister Boris Johnson abwärts die Politik zum Einschreiten genötigt sah. “Die Verantwortlichen für diese entsetzlichen Beschimpfungen sollten sich schämen”, twitterte Johnson.

Laut einem Twitter-Sprecher hat die Plattform über 1.000 Tweets gelöscht und Accounts ruhend gestellt. Abseits der digitalen Sphäre kam es in London zu Ausschreitungen. Die Polizei vermeldete 49 Festnahmen und 19 verletzte Einsatzkräfte, wobei es vor dem Wembley-Stadion schon vor dem Anpfiff zu Scharmützeln gekommen war. Ebenfalls zu erwähnen: Zehntausende feierten in den Straßen rund um das von Neubauten umgebene Wembley-Stadion friedlich.

Englands oft gnadenlos Boulevardpresse verzichtete auf Polemik, der Stolz über das Erreichte überwog. “Unerträgliche Schmerzen – die heldenhaften Three Lions verlieren im Elfmeterschießen”, schrieb der “Mirror”. Selbst “The Sun” rückte das Positive in den Vordergrund: “Schon wieder Herzschmerz für die Löwen. Eine Qual, als England im Elfmeterschießen verliert. Aber die Löwen haben uns stolz gemacht. Keine Sorge Jungs, die Weltmeisterschaft ist schon im nächsten Jahr.” Die BBC meinte: “Es schmerzt für England. Das ist normal. Aber das bleibende Gefühl ist Stolz.”

Tatsächlich können die Engländer mit viel Zuversicht in die Zukunft blicken, sobald sich der Schmerz gelegt hat. Der erstmalige Einzug in ein EM-Finale ist kein Zufallsprodukt, er fußt auf einer signifikant verbesserten Nachwuchsarbeit, die sich 2017 bei den Junioren schon bemerkbar gemacht hatte. In jenem Jahr triumphierten die Young Lions sowohl bei den U20- und U17-Weltmeisterschaften als auch bei der U19-EM. Es waren die Vorboten dafür, dass es auch mit dem A-Nationalteam aufwärts gehen würde.

Southgate machte bei seiner zweiten Endrunde als Englands Manager vieles richtig. Im Finale ging aber Entscheidendes nicht auf. Sein Defensivzugang, indem er einen weiteren Spieler aus dem hochkarätigen Angriff zugunsten eines Defensivspielers opferte, ging letztlich nicht auf. Nach dem frühen 1:0 durch Luke Shaw (2.) kamen die Briten kaum mehr gefährlich vor das italienische Tor.

Southgates Vertrag läuft noch bis nach der WM 2022 in Katar, bezüglich seiner Zukunft wollte er sich am Montag nicht festnageln lassen. “Ich brauche eine Pause. Das ist eine großartige Erfahrung, aber sein Land in diesem Turnier zu führen, kostet Kraft.” Es gebe viel, worüber er nachdenken müsse. “Ich will mich zu nichts länger bekennen als ich sollte”, sagte er: “So wie ich heute hier sitze will ich die Mannschaft nach Katar führen. Diese Mannschaft ist noch nicht an ihrem Höhepunkt.”

Schon in der Nacht der Niederlage hatte er für seine Spieler nur Worte des Stolzes übrig gehabt. “Sie haben Geschichte geschrieben, mehrere Male im Turnier”, sagte Southgate. “Sie haben alles gegeben, was sie konnten. Nicht nur heute Nacht, sondern das gesamte Turnier. Sie sollten ihren Kopf oben halten. Sie haben dem Land unglaubliche Momente beschert.”

Von: APA/dpa/sda/Reuters

Kommentare

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18 Kommentare auf "Englischer Herzschmerz nach erneutem Elfer-Drama"


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Krotile
Krotile
Superredner
12 Tage 13 h

total daneben!  die Fans, die den Gegner ausbuhen und bei der Nationalhymne pfeifen, den Tormann der gegnerischen Mannschaft per Laserpointer blenden, rassistische Äußerungen für einen verfehlten Elfmeter, randalieren und prügeln auf dem Weg ins und aus dem Stadion  ….   und auch die Mannschaft finde ich total daneben!  erst Kniefall gegen Rassismus, dann die Medaille abnehmen noch während der Feier, die eigentlich sie, als Vize-Europameister ehren sollte! gehts noch?  dabei sind sie durch ein Eigentor und einen geschenkten Elfmeter überhaupt erst ins Finale gekommen … Solche Mannschaften sollten von den nächsten Tournieren ausgeschlossen werden inklusive ihrer Fans.

PeterSchlemihl
PeterSchlemihl
Universalgelehrter
12 Tage 11 h

Leider machte das nicht bloss Italien. Für mich ist das der endgültige Beweis, dass Europa versagt hat. Den Nationalismus hat es nicht getilgt; im Gegenteil, er ist stärker denn je da. Der Fussball ist dafür das beredte Beispiel.

Offline
Offline
Kinig
12 Tage 10 h

@Krotile..👍großartig geschrieben

sophie
sophie
Universalgelehrter
12 Tage 7 h

@Krotile

Ja ganz unrecht hast Du da nicht mit deinem Kommentar👍

falschauer
11 Tage 23 h

super geschrieben!!! 👏👏👏

nuisnix
nuisnix
Universalgelehrter
11 Tage 23 h

@PeterSchlemihl
oh Mann, du bisch obr komisch gepolt….

Gscheida
Gscheida
Superredner
11 Tage 22 h

@Krotile
Ganz genau, aber was wir nicht vergessen dürfen: es ist NUR Fußball!

Tantemitzi
Tantemitzi
Universalgelehrter
11 Tage 21 h

Peter …. wer bitte sprach hier von Italien? Es geht um die Engländer! die haben sich daneben benommen!

DAICH
DAICH
Tratscher
11 Tage 20 h

@PeterSchlemihl
Für den aufkeimenden Nationalismus sind halt leider auch Individuen wie Zugspitze, die ja nur die Spitze des Eisbergs darstellen, verantwortlich, die wie hier auf SN stetig einen Hetzlevel aufrecht erhalten, den mit der deutschen Selbstüberschätzung und das ständige Schlechtmachen alles Italienischen, allgemein Nichtdeutschen und permanenten Schönredens alles was deutsch ist und dazugehörende Lobhudeleien!

Peerion
Peerion
Tratscher
12 Tage 14 h

Eine Niederlage wird nicht mehr hingenommen, es müssen Schuldige her. Das ist im Fussball in den letzten Jahren zusehends aufgekommen.
Der Rassismus in diesem Zusammenhang toppt das ganze nur noch.

Storch24
Storch24
Kinig
12 Tage 7 h

Anstatt sich zu freuen , dass sie wenigstens so weit gekommen sind. Erbärmlich fand ich die Geste, wie sie sich (fast alle) die Medaille sofort wieder vom Hals rissen.

falschauer
11 Tage 23 h

dank der populisten!!! rassistische äußerungen gegen die eigene mannschaft ist echt das letzte

nuisnix
nuisnix
Universalgelehrter
12 Tage 14 h

Der Southgate hat durch die Spielweise in der zweiten Halbzeit (Miniführung und Abwehrriegel in allerbester ehemaliger Italienier-Manier) die Niederlage zu verantworten.
Da hat er so ziemlich alles falsch gemacht, was er als Trainer falsch machen konnte…

Tantemitzi
Tantemitzi
Universalgelehrter
12 Tage 11 h

Schämen sollen sie sich, Mannschaft und Fangemeinde! Fair-Play sieht jedenfalls anders aus!  Wie Kleinkinder beleidigt wenn sie nicht gewinnen!👎👎👎

6079_Smith_W
6079_Smith_W
Universalgelehrter
12 Tage 13 h

[,,,]That England’s gonna throw it away
Gonna blow it away
But I know they can play
‘Cause I remember Three Lions on a shirt
Jules Rimet still gleaming
Thirty years of hurt
Never stopped me dreaming
So many jokes, so many sneers
But all those oh-so-nears
Wear you down Through the years
[…]
aus dem Lied “Three Lions”
https://youtu.be/c6BDncfgm9s

Schade! Man hätte es ihnen gönnen können. “Thirty years of hurt” gehen weiter 🥴

Hustinettenbaer
Hustinettenbaer
Universalgelehrter
12 Tage 13 h

Krokodils-Tränen und -Herzschmerz. 
Herr Southgate war das “Fair-Play-Vorbild” für den Mob. Der schließt messerscharf: Deutschen-Aversion ist gut ? Dann kann auch Rassismus gegen die farbigen Gladiatoren nicht schlecht sein !
Pfui Deibel.

Quentin
Quentin
Grünschnabel
12 Tage 6 h

England hat zwar langweilig, aber nicht sonderlich schlecht gespielt. Gegen Italien muss es aber klar sein dass man eine 1:0 Führung nur sehr schwer über 88 Minuten halten kann.
Die Fans im Gegensatz waren eine absolute Katastrophe, kein Wunder dass jeder ausser die Engländer den Italienern den Sieg gönnen.

DAICH
DAICH
Tratscher
11 Tage 22 h

Man muss uns Deutsche ja nicht mögen, aber es gehört sich nicht die Hymne der gegnerischen Mannschaft auszubuhen!
Dass da mal etwas gepfiffen, gebuht wird …okay 😏aber das, was die Engländer gegen die Deutschen, später gegen die Dänen bei der jeweiligen Hymne aufgeführt haben , unter aller Sau!
Teilweise konnte man die deutsche Hymne gar nicht mehr hören , da ( seid ihr) sind die Italiener bei deren Auftritt noch relativ gut weggekommen.

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