Federer und sein neues Lieblingsspielzeug

Federer nach Triumph: “Fühlt sich immer noch surreal an”

Montag, 29. Januar 2018 | 14:18 Uhr

Mit seiner erfolgreichen Titelverteidigung bei den Australian Open in Melbourne hat Superstar Roger Federer nahtlos an sein Traumjahr 2017 angeknüpft. Nach dem 20. Grand-Slam-Titel seiner Karriere rückt bereits der nächste Rekord in greifbare Nähe – die älteste Nummer 1 der Geschichte. Auf Leader Rafael Nadal fehlen ihm aktuell nur 155 Zähler.

Auch eine (kurze) Nacht nach seinem Triumph konnte Federer seinen neuerlichen Triumph noch nicht richtig einordnen. “Es fühlt sich noch immer surreal an. Die Zahl 20 ist sehr speziell. Niemals hätte ich gedacht, diese jemals erreichen zu können”, sagte der Schweizer, während er am Montag mit der Norman-Brookes-Trophäe vor dem Government House in Melbourne noch einmal posierte. “Ich werde diesmal wohl etwas mehr Zeit brauchen als sonst, um das Ganze zu realisieren und zu verarbeiten.”

So erfolgsverwöhnt Federer in seiner großartigen Karriere ist, den Erfolg noch dazu mit 36 als selbstverständlich anzusehen, davon ist der bescheiden gebliebene Eidgenosse meilenweit entfernt. Im Gegensatz zu seinem Sieg vor einem Jahr in “down under”, als er bei seinem Comeback als klarer Außenseiter auf den Titel angetreten war, war er diesmal mit der Prämisse erfolgreiche Titelverteidigung zurückgekehrt.

Federer hält allerdings nichts davon, seine 20 Major-Siege zu vergleichen. “Alle Titel waren sehr speziell und unterscheiden sich voneinander.” Der Weg ins Finale, der Matchball, die Gefühle unmittelbar danach, die Siegerehrung, jeder Erfolg sei einzigartig gewesen. “Aber alle kamen aufgrund von harter Arbeit, Hingabe und Leidenschaft zustande.”

So sehr Federer auf dem Platz die Leichtigkeit des Seins symbolisiert, so sehr wird abseits der großen Arenen und des Scheinwerferlichts “der Arbeiter Federer unterschätzt”. Diese Aussage machte sein langjähriger Konditionstrainer Pierre Paganini vor dem Turnier in einem Interview mit der “NZZ am Sonntag”.

Die Emotionen unmittelbar nach dem Sieg zeigten, was für eine Last von Federers Schultern fiel. Seine Motivation, sein Ehrgeiz, sein Siegeswillen und die Leidenschaft für den Wettkampf sind auch nach fast 1.400 Partien auf der Tour und 96 Turniersiegen ungebrochen. Wohl auch deshalb wird ihm zugetraut, den Allzeit-Grand-Slam-Rekord der in den Sechziger- und Siebzigerjahren aktiven Margaret Court (24 Titel) noch zu brechen.

Er selbst glaubt aber nicht daran. “Sie ist zu weit weg.” Doch so unrealistisch die Marke der Australierin erscheinen mag, etwas hat Federer während seiner Karriere immer und immer wieder getan: sportliche Grenzen verschoben.

Den Fantasien und Träumereien der Fans und Journalisten gibt sich Federer nicht hin. “Ich wäre auch sehr glücklich, wenn ich bei 20 stehenbleiben würde.” Er kennt seinen Körper, er weiß, dass der Grat, auf dem er sich bewegt, schmal ist. “Im Gegensatz zu den US Open konnte ich hier unbeschwert aufspielen”, erklärte er am Tag nach dem Triumph.

Von August bis Anfang Oktober hatte er sich im Vorjahr mit Rückenproblemen herumgeschlagen. Aber während Federer in Melbourne wieder mit einer Frische und Inspiration aufgetreten ist, die seinesgleichen sucht, haben seine langjährigen und wesentlich jüngeren Rivalen Rafael Nadal, Novak Djokovic, Andy Murray und Stan Wawrinka auch 2018 mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen.

Auch deswegen wird Federer nichts erzwingen, denn die Gesundheit und die Frische sind die Basis seiner Erfolge der vergangenen zwölf Monate. Der nächste fix geplante Einsatz ist das Masters-1000-Turnier in Indian Wells im März, ein paar Tage früher wird er im kalifornischen San Jose das nächste “Match for Africa” gegen Jack Sock absolvieren. Ob er bereits Ende Februar in Dubai auf die Tour zurückkehren und Jagd auf die Nummer 1 im Ranking machen wird, will er in den nächsten Tagen entscheiden. Offen ist auch noch, ob er wie im Vorjahr auf die Sandplatz-Saison wieder komplett verzichtet.

Vorerst gönnt sich Federer eine wohlverdiente Auszeit. Zuhause in den Bündner Bergen will er die Erlebnisse der vergangenen Wochen verarbeiten und sich abseits des Rummels in aller Ruhe erholen. Und sollte Nadal aufgrund seiner in Melbourne erlittenen Verletzung in Acapulco noch nicht wieder antreten können, würde Federer Ende Februar so oder so mit 36 Jahren und 6 Monaten Andre Agassi als älteste Nummer 1 des ATP-Rankings ablösen. Spätestens nach Melbourne glauben viele, dass der erfolgreichste Spieler der Geschichte 2018 auch diesen Rekord an sich reißen wird.

Und die Australian Open 2019? “Ja, ich würde gerne zurückkommen, ich weiß, ich habe vergessen, das nach dem Match zu sagen”, erklärte Federer.

Von: APA/ag.