Geierspichler kritisiert neue Klasseneinteilung

Geierspichler treibt Rennrollstuhl auch in Rio an

Donnerstag, 08. September 2016 | 10:59 Uhr

Thomas Geierspichler ist mit neun Medaillen der erfolgreichste Edelmetallsammler unter den österreichischen Paralympics-Teilnehmern in Rio. Der zweifache Sieger jagt bei seinen fünften Sommerspielen im Rennrollstuhl einem weiteren Podestplatz nach. Der 40-Jährige fühlt sich bestens vorbereitet, doch diverse Regeländerungen fordern ihn zu Kritik heraus.

Der Salzburger Bauernsohn hat sich einen Namen gemacht im Sport für Menschen mit Behinderung und auch weit darüber hinaus. In seinem 2011 erschienenen Buch “Mit Rückgrat zurück ins Leben” schildert er, wie er nach einem Verkehrsunfall als Beifahrer und der dabei erlittenen Querschnittlähmung als 18-Jähriger den Boden unter den Füßen verlor. Aus dem Gauben schöpfte er neue Kraft, überwand seine Depression und kam von den Drogen los.

Über Christoph Etzlstorfer kam Geierspichler zum Rennrollstuhlsport. Nur zwei Jahre nach den ersten Versuchen holt er 2000 in Sydney Bronze im Marathon. Es war der Start zu einer großen Karriere mit Paralympics-Gold über 1.500 m in Athen 2004 und im Marathon in Peking 2008 (mit noch immer gültigem Weltrekord von 1:40:07 Stunden) als Höhepunkten.

Für Rio hat sich der Anifer neuerlich akribisch vorbereitet. Das Material sei perfekt, mit der Form sei er nach den jüngsten Tests zufrieden, sagte Geierspichler. Am Freitag (17.45 Uhr MESZ) geht es mit dem 100-m-Vorlauf los. “Das ist für mich ein Aufwärmen und eine Wettkampf-Vorbelastung”, sagte der Rennrollstuhlprofi, der als einer der wenigen Sportler mit Beeinträchtigung in Österreich über eigene Sponsoren verfügt.

Seine Hauptbewerbe sind die 400 m (Vorlauf Montag, Finale Dienstag) und die 1.500 m (Donnerstag). “Da ist alles offen, ich habe in beiden Bewerben die gleiche Chance.” Sollte es wirklich mit einer Medaille klappen, wäre das eine besondere Freude für den Sportler des Jahres 2008.

Die Enttäuschung, dass es keinen eigenen Marathon (“Da hängt mein Herz dran”) mehr für seine Tetraplegiker-Klasse gibt, hat er überwunden. Doch der Ärger über die erfolgte Zusammenlegung von Klassen ist noch immer groß. “Die Schwerbehinderten sind da die Verlierer”, erklärte Geierspichler. Er müsse nun gegen Athleten antreten, die vom Ausmaß der Behinderung her Vorteile hätten.

Eine vor Rio beschlossene Neuerung könnte sogar zur Disqualifikation des Salzburgers führen. Das Internationale Paralympische Komitee will der Manipulation durch eine absichtlich herbeigeführte autonome Dysreflexie – dabei wird von Rollstuhlsportlern, deren Verletzung des Rückenmarkts über den sechsten Brustwirbel liegt, etwa durch Harndrang oder Schmerz ein unkontrolliertes Ansteigen des Blutdrucks und damit eine Leistungssteigerung provoziert – einen Riegel vorschieben. Daher hat man den Höchstwert für den systolischen Blutdruck von 180 auf 160 mmHG gesenkt.

Geierspichler hatte jedoch nach Aussage von ÖPC-Teamärztin Michaela Mödlin öfter natürliche Werte, die zwischen 160 und 180 lagen. “Es besteht das Risiko, dass er in Stresssituationen den Grenzwert überschreitet”, erklärte Mödlin gegenüber der APA. Rad-Handbiker und Rollstuhl-Leichtathleten werden jeweils vor ihren Starts getestet und bei Überschreitungen disqualifiziert.

Geierspichler erklärte, es sei ihm unverständlich, warum der Wert nun auf 160 gesenkt wurde. “Bin ich drüber, kann ich nicht starten. Jeder, der irgendeinen Wettkampf bestreitet oder vor einer Prüfung sitzt, kommt wahrscheinlich auf 160 im ersten Blutdruckwert. Und vor Paralympics ist man nicht entspannt”, erklärte der Salzburger. “Ich hoffe, dass ich mich gut darauf einstellen kann.”

Von: apa

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