Marcel Hirscher auf dem Weg zurück

Hirscher schließt Start in Levi Mitte November nicht aus

Donnerstag, 28. September 2017 | 15:59 Uhr

Als “Achterbahnfahrt”, “beinhart” und “aufregende Zeit” hat Marcel Hirscher bei seinem ersten öffentlichen Auftritt seit dem Knöchelbruch im August seinen neuen Alltag beschrieben. Er werde dem linken Fuß sicher die nötige Zeit zur Heilung geben, versprach der Ski-Star am Donnerstag in Wien. “Wenn es ein kleines Wunder gibt”, könnte Hirscher aber schon im November in Levi dabei sein.

Zuletzt hatte Hirscher in seinem Blog für die Red-Bull-Internetseite einen Start Anfang Dezember in Beaver Creek angepeilt. Das bleibe auch nach wie vor das primäre Ziel, doch der Levi-Slalom am 12. November sei durchaus eine Option, hieß es dazu vor zahlreichen Medienschaffenden, unter anderem einem Reporter des norwegischen Fernsehens. “Aber das muss wirklich alles tipptipptopp funktionieren”, erklärte der Salzburger. “Da darf keine Komplikation dazwischenkommen, dann kann ich dort mitfahren.”

Im Moment sei an Schneetraining jedenfalls noch nicht zu denken. Langfristig wolle Hirscher im Jänner “parat sein”, also vor den Olympischen Spielen im Februar in Pyeongchang. Bis dahin sollte ein Großteil der Ungewissheit, die ihn aktuell quält, abgebaut sein.

“Die Fragen, die ihr mir stellt, stelle ich mir derzeit auch”, verriet Hirscher. Fragen wie: Wie wird die Bruchstelle den Druck in seinem Skischuh aushalten? Wird der Knöchel wieder so beweglich sein wie vor der Verletzung? Werden Schmerzen bleiben? “Das wird sicherlich für mich eine große Challenge werden, wieder komplett fast hemmungslos zu sein in einem Rennen”, gewährte der 28-Jährige Einblick in seine Gedanken. “Es ist schon so, dass ich meine persönliche Erwartungshaltung reduzieren muss.”

Aktuell sei er dem groben Plan für den Weg zurück aber sogar einen Schritt voraus. “Es ist ziemlich gut. Es passt”, informierte Hirscher, der weder Gips noch Schiene trägt. Am Freitag gebe es einen Röntgentermin, danach, so hoffe er, werde die Trainingsbelastung mit ärztlichem Segen weiter gesteigert. In etwa einer Woche wolle er Kniebeugen mit Skischuhen machen. “Beinharte” Arbeit sei es allerdings schon bis jetzt gewesen. “Training, Therapie, Training, Therapie, schlafen, essen – das war es. Es ist fast recht stressig gewesen”, sagt er.

Erwartungen habe Hirscher für die Saison nicht. “Meine größte Erwartung ist, wieder schmerzfrei zu sein”, formulierte er das wichtigste Ziel. Eine siebente große Kristallkugel hat er schon im Voraus abgeschrieben. “Die Helden, die Gesamtweltcup-Sieger, werden sicher andere sein heuer”, meinte Hirscher. “Unter anderem Henrik (Kristoffersen; Anm.)”, hat er vor allem den norwegischen Slalom-Dominator auf seiner Rechnung.

Eine zusätzliche Herausforderung in diesem Winter ist die Materialumstellung im Riesentorlauf, wo die Herren mit einer geänderten Taillierung unterwegs sind. Der Radius der Ski geht von 35 auf 30 Meter zurück, was Entlastung für den Rücken bringen soll, aber dafür auch wieder mehr Bänderverletzungen bedeuten könnte. Hirscher hat das neue Material bisher kaum getestet. “Wir reden da von 25, 30 Tagen, die manch andere Kollegen schon im Saldo stehen haben, ich habe einen Tag. Das ist echt sicherlich ein Nachteil, gar keine Frage.”

Seinen Sturz beim Training mit Kurzstangen auf dem Mölltaler Gletscher ließ Hirscher noch einmal kurz Revue passieren. “Den Skischuh habe ich so schnell ausgezogen… ich bin noch nicht einmal aus dem einen Ski heraußen gewesen, da habe ich den Schuh schon ausgezogen”, erzählte er. “Eigentlich habe ich geglaubt, es sind Bänder im Sprunggelenk. Das war meine Hoffnung. Ich habe mir gedacht, die Bänder werden wir zutapen, dann geht’s wieder weiter nach zwei Wochen.”

Raiffeisen-Marketingchef Leodegar Pruschak hoffte auf eine baldige Genesung des “mit Abstand werbewirksamsten Sportlers” im Land. An der Fortsetzung von Hirschers Karriere als Werbe-Testimonial wird laut Raiffeisen bereits intensiv gebastelt. Dreharbeiten für eine neue Kampagne mit TV-Spots, die im ersten Halbjahr 2018 erstmals ausgestrahlt werden sollen, würden in Kürze stattfinden, die Rehabilitation aber freilich nicht behindern.

Hirscher kann sich einen Verzicht auf die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2018 in Pyeongchang vorstellen, sollte sich der Konflikt auf der koreanischen Halbinsel in den kommenden Monaten zuspitzen. “Da bleibe ich lieber zu Hause, weil das Leben ist mehr als vielleicht eine Medaille, die dann sehr sauer schmeckt oder bitter”, meinte der Salzburger am Donnerstag.

Der Deutsche Felix Neureuther hatte sich zuvor ähnlich geäußert. “Wenn sich die Lage verschärfen würde, bin ich komplett beim Felix. Also ich würde dann genauso sagen, diese Chance, eine Medaille zu machen, ist es mir nicht wert”, sagte Hirscher auf einer Pressekonferenz in Wien. “Sollte man eine Medaille gewinnen und in der glücklichen Lage sein, würde es jetzt nicht mein Leben verändern. Mein Leben werden andere Dinge verändern.”

Hirscher warf allerdings ein, dass eine Ferndiagnose immer schwierig sei. “Es ist immer ganz schwer zu beurteilen. Wie viel wissen wir tatsächlich? Was ist die Wahrheit?”, betonte er. Die Winterspiele sollen vom 9. bis zum 25. Februar 2018 im südkoreanischen Pyeongchang stattfinden. Zum Nachbarstaat Nordkorea, das mit Raketen- und Atomtests provoziert, sind es weniger als 100 Kilometer.

Neureuther hatte vor einer Woche gemeint, es sei für ihn “extrem schade, dass das Thema eigentlich ziemlich runtergespielt wird, als ob nichts sei”. Der 33-Jährige, der demnächst zum ersten Mal Vater wird, kritisierte das Internationale Olympische Komitee (IOC) und den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) für ihre eher defensive Haltung in der Angelegenheit.

Von: apa