Trump wettert weiter gegen Sportler, die bei der Hymne knien

Hymnenstreit in US-Sport und Gesellschaft wogt weiter

Mittwoch, 27. September 2017 | 15:37 Uhr

Ungeachtet heftiger und prominenter Gegenmeinungen hält US-Präsident Donald Trump an seiner scharfen Kritik fest, mit der er während des Abspielens der Nationalhymne aus Protest kniende Footballspieler brandmarkt. Am Dienstag (Ortszeit) pflichtete ihm Chefankläger und Justizminister Jeff Sessions bei und stimmte in die Kritik an Spielern der National Football League NFL ein.

Trump sagte, so viele Menschen seien im Kampf für die USA gestorben. Dies nicht zu respektieren, indem man bei der Hymne niederknie statt zu stehen, sei eine Schande. “Man darf unser Land nicht verächtlich behandeln”, sagte Trump. “Ich war beschämt von dem, was passiert ist.” Er sei in dieser Frage alles andere als voreingenommen. “Es ist sehr wichtig, dass die NFL das Knien nicht mehr erlaubt.” Die Aktionen hatten 2016 als Symbol gegen Polizeigewalt, Rassismus und soziale Ungerechtigkeit begonnen.

Sessions sagte in Washington, die Spieler würden mit ihren Aktionen während der Hymne einen großen Fehler machen. Sie hätten zwar das Recht auf freie Meinungsäußerung, sagte Sessions. Aber: “Auch wenn die Spieler nicht Gegenstand einer Anklage sind – wenn sie provozieren, müssen sie damit rechnen, verurteilt zu werden. Der Präsident hat dazu das Recht, und auch ich verurteile ihre Aktionen.”

Der Schauspieler und Filmregisseur George Clooney schloss sich indes als jüngster Prominenter dem Kreis der Unterstützer der “#TakeAKnee”-Bewegung an. In einem Kurzgedicht schrieb der Oscar-Gewinner, dass er für die Menschen in dem USA bete und dass “Dissens in diesem großartigen Land” immer unter Schutz stehen wird. “Ich bete dafür, dass wir mehr finden, das uns zusammenbringt als uns spaltet. Ich bete für die Führer unserer Nation, dass sie dasselbe tun”, erklärte der Clooney, der Trump nicht namentlich erwähnte. “Und wenn ich bete, knie ich”, beschloss er das Gedicht.

Jüngste Umfragen, wie der Hymnenprotest in den USA aufgenommen wird, ergeben kein klares Bild. Es gibt sowohl Erhebungen, in denen die Befragten die Aktionen mit großer Mehrheit ablehnen, weil sich so etwas im Angesicht der Flagge nicht gehöre. Andere Umfragen ergeben überwiegende Zustimmung für die Spieler, wieder andere ein geteiltes Echo. Oft sagten Befragte, der Protest müsse ein klareres Ziel haben, damit sie ihn besser einordnen könnten.

Nach seinen Verbalattacken gegen die Sportprominenz schlägt Trump nicht nur eine Welle des Protestes entgegen: Während die Solidarität mit den während der US-Hymne knienden Footballern groß ist, empfinden einige Fans die Protestaktion auch als ein Affront gegen das Land: Sie verbrennen nun reihenweise Fan-Utensilien und Eintrittskarten.

Es begann mit Colin Kaepernick. Am 26. August hatte der damalige Backup-Quarterback der San Francisco 49ers sich während des “Star-Spangled Banner” niedergekniet, um auf den anhaltenden Rassismus, Ungleichbehandlung und Polizeigewalt gegen Afroamerikaner im Land hinzuweisen. Seitdem gehen die Wogen im US-Sport hoch. Kaepernick erhielt viel Zuspruch für seine Aktion, aber auch jede Menge Kritik: Zuletzt schaltete sich auch Präsident Trump ein und befeuerte die angespannte Situation zusätzlich.

“Würdet ihr es nicht liebend gerne sehen, dass, wenn jemand die Flagge nicht respektiert, ein NFL-Teambesitzer sagen würde, ‘Nehmt den Hurensohn vom Feld. Weg damit! Er ist gefeuert'”, polterte Trump unter lautem Applaus in einer Wahlkampfrede für den republikanischen Senator Luther Strange. Die Folge war eine Welle des Protests aus dem gesamten US-Sport.

Doch vielen Football-Anhängern, unter ihnen wohl auch einige Trump-Wähler, sprach der US-Präsident offensichtlich geradewegs aus der Seele. Unter dem Hashtag “NFLBurnNotice” halten erboste Fans auf sozialen Netzwerken mittlerweile fest, wie sie Kleidungsstücke und Karten ihrer Lieblingsmannschaft verbrennen.

“Ich werde nicht mehr dafür zahlen, ich kann mir das nicht mehr anschauen”, sagt Brandon Finn, ein laut eigenen Aussagen langjähriger Saisonkartenbesitzer der NY Giants in einem YouTube-Video und verbrennt anschließend seine Tickets. “Polizisten lassen für unser großartiges Land ihr Leben und diese Typen protestieren dagegen? Ohne mich.”

Für einen anderen, Robert Williams, überschreiten die Spieler beim Niederknien während der Hymne vor dem Spiel eine rote Linie. “Ihr werdet unser Land nicht verachten, ihr werdet unsere Flagge nicht verachten und ihr werdet auch all die Menschen nicht verachten, die für dieses Land ihr Leben gelassen haben. Also schaut euch an, wie das Zeug brennt”, sagt Williams.

Doch es gibt auch noch aus Überzeugung stramm stehende Profis – oder zumindest fast. Denn Football-Profi Alejandro Villanueva von den Pittsburgh Steelers war am Sonntag als einziger dem Beispiel seiner in der Kabine bleibenden Kollegen nicht gefolgt und stand während der Hymne alleine am Rande des Feldes. Seit dem Sonntag ist das Steelers-Trikot von Villanueva das meistverkaufte im gesamten NFL-Katalog.

Doch die Aktion des ehemaligen Soldaten, der in Afghanistan stationiert war, sei gar nicht beabsichtigt gewesen. “Es sieht so aus, als ob ich alleine da stehen würde, jeder glaubt, dass das Team nicht hinter mir stünde und ich nicht hinter ihm. Genau das Gegenteil ist aber der Fall”, sagte ein “beschämter” Villanueva. Er habe einfach nur den kollektiven Gang des Teams in die Kabine verpasst.

Trump hingegen ging bisher nie auf die Hintergründe der Geste ein. Am Dienstag versuchte er neuerlich auf Twitter seinen Standpunkt zu erklären. “Sogar Usain Bolt aus Jamaika, einer der größten Läufer und Athleten aller Zeit, hat Respekt für unsere Nationalhymne gezeigt”, twitterte Trump über einen Videoausschnitt, der Bolt zeigt, wie er ein Sieger-Interview nach Ertönen der US-Hymne unterbricht.

Ohnehin liegt der Verdacht nahe, dass Trump mit seinem Gepolter nur von anderen politischen Brandherden ablenken will. Da wären etwa die Nordkorea-Krise, eine humanitäre Katastrophe in Puerto Rico, die sich ziehende Untersuchung einer möglichen russischen Einmischung in den US-Wahlkampf 2016 oder die nicht gelingen wollende Abschaffung der Gesundheitsvorsorge “Obamacare”.

Von: APA/dpa/ag.