Herzog bei seinem "Scheißjob"

Israel-Teamchef Herzog jubelte nach “Achterbahn der Gefühle”

Montag, 25. März 2019 | 09:59 Uhr

In der Stunde des wohl größten Triumphs seiner Trainerlaufbahn ist Andreas Herzog bemerkenswert ruhig geblieben. Während sich Israels Fußball-Nationalmannschaft inklusive Betreuerstab und Mentalcoach Markus Rogan bei der Ehrenrunde von den Fans feiern ließ, verschwand der Teamchef am Sonntag nach dem 4:2 in der EM-Qualifikation in Haifa gegen Österreich relativ schnell in den Stadion-Katakomben.

Dort gab der Wiener eine sachliche Analyse der Ereignisse ab und versuchte, die Aufmerksamkeit auf seine Spieler zu lenken. “Ich bin stolz auf meine Mannschaft. Wir wussten, dass wir eine außergewöhnliche Leistung brauchen, und die haben wir geschafft”, sagte der Wiener.

Die Freude sei groß, aber nicht überschäumend. “Vielleicht kommt das noch in den nächsten ein, zwei Tagen. Jetzt bin ich noch angespannt.” Eine kurze Party in der Kabine inklusive der israelischen Sportministerin ließ sich Österreichs Rekordteamspieler nicht nehmen, doch dann richtete er den Blick schon wieder nach vorne: “Wir müssen das Spiel noch genau analysieren.”

Herzog war sich bewusst, dass die Partie auch ganz anders hätte laufen können. “Wir haben zur Pause geführt, obwohl der Gegner besser war”, gestand er. Schließlich sei man mit Leidenschaft und Kampfgeist zum Sieg gekommen. “Die Mannschaft hat niemals aufgegeben und immer zusammengehalten, genau das will ich von ihr sehen”, meinte der 50-Jährige.

Aus dem israelischen Kollektiv ragte neben Goalie Ariel Harush vor allem Dreifach-Torschütze Eran Zahavi heraus, der zudem den vierten Treffer der Gastgeber durch “Bullen”-Profi Munas Dabbur (“Ich werde mit einem Lächeln nach Salzburg zurückkommen”) vorbereitete. Der beim chinesischen Club Guangzhou engagierte Stürmer war erst vor eineinhalb Jahren vom israelischen Verband suspendiert worden, nachdem er bei einer WM-Qualifikations-Niederlage gegen Mazedonien von den eigenen Fans ausgebuht worden war und daraufhin die Kapitänsschleife weggeworfen hatte.

Spätestens seit Sonntag ist Zahavi, der schon beim 1:1 gegen Slowenien am Donnerstag Israels Tor erzielt hatte, mit den Anhängern wieder versöhnt. “Es war das größte Match meiner Laufbahn und ich bin froh, dass ich der Mannschaft helfen konnte”, sagte der 31-Jährige und hatte noch einen Seitenhieb für seine Kritiker parat. “Mal sehen, was diejenigen jetzt sagen, die gemeint haben, ich kann dem Nationalteam nicht mehr helfen.”

Herzog war offensichtlich nicht dieser Meinung, setzte wieder auf Zahavi und bekam nun den Dank dafür. “Wir wissen, wie gut er ist, deswegen haben wir ihn zurückgeholt. Aber nicht nur er, die ganze Mannschaft war großartig”, betonte Herzog, warnte aber gleichzeitig: “Natürlich gibt es jetzt eine Euphorie, doch ich als Trainer muss die Burschen am Boden halten.”

Mit vier Punkten aus den ersten zwei Partien darf Israel von der ersten EM-Teilnahme in der Geschichte des Landes träumen. So weit wollte Herzog zwar nicht in die Zukunft blicken, “aber wir wissen jetzt, dass wir mit einer guten Leistung und Glück in wichtigen Situationen wichtige Spiele gewinnen können”.

Nun hofft Herzog auf mehr Einsatzminuten seiner bei europäischen Clubs engagierten Kicker. “Sie spielen relativ selten, dadurch wird es schwer, über eine längere Zeit konstant zu bleiben.” Deshalb werde es mit dem EM-Ticket schwer. “Es ist noch ein weiter Weg und wir wissen, dass noch viel Arbeit vor uns ist. Wir müssen in den nächsten Partien ein bisschen etwas draufpacken.”

Das gilt in noch höherem Maße für die ÖFB-Auswahl, deren Teamchef Franco Foda nach dem Schlusspfiff von Herzog innig umarmt wurde. Dabei flüsterte der siegreiche Trainer dem Deutschen tröstende Worte ins Ohr. “Ich habe ihm gesagt, dass wir eigentlich einen Scheißjob haben. In der Halbzeit hätte er hoch führen müssen und im Nachhinein feiere ich – für Trainer ist es eine Achterbahn der Gefühle. Vor der Pause hatten wir das Glück auf unserer Seite, aber am Ende hatten wir das Glück des Tüchtigen”, erzählte der Herzog.

Die israelischen Journalisten ließen den Coach wegen des angeblich größten Erfolges seit 20 Jahren – damals wurde Österreich 5:0 besiegt – hochleben. Bei seinem Amtsantritt war ihm die mediale Öffentlichkeit noch weniger positiv gesinnt. “Der Fußball ist verrückt, wie ein Hollywood-Märchen. Am Anfang wurde ich nicht freundlich aufgenommen, weil ich 2001 die Israelis aus der WM-Quali geschossen habe”, erinnerte sich der Wiener.

Von: apa