Dem Griechen gelang die Sensation

Jungstar Tsitsipas entthronte Federer in Melbourne

Sonntag, 20. Januar 2019 | 14:30 Uhr

Der Titelverteidiger ist entthront, ein Star ist geboren: Stefanos Tsitsipas sorgte am Sonntag im Achtelfinale der Australian Open für die große Sensation. Der 20-jährige Grieche eliminierte Superstar Roger Federer, den 20-fachen Grand-Slam-Sieger, nach 3:45 Stunden mit 6:7(11),7:6(3),7:5,7:6(5). Für den 37-jährigen Schweizer ist der Traum vom 7. Rekordtitel in Melbourne zumindest vorerst zu Ende.

Tsitsipas ist der erste Grieche bei Herren und Damen überhaupt, der das Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers erreicht hat. Er trifft nun am Dienstag auf den Spanier Roberto Bautista Agut. Der Aufsteiger und Weltranglisten-15. konnte sein Glück nach seinem bisher größten Triumph kaum fassen. “Ich kann es nicht beschreiben Ich bin im Moment der glücklichste Mann auf der Welt”, sagte Tsitsipas im Court-Interview mit US-Legende John McEnroe.

Der 17 Jahre ältere Federer hatte zuvor allerdings auch einige Chancen ausgelassen und nicht sein allerbestes Tennis gezeigt. So vergab der Eidgenosse, der in Melbourne nun den Titel-Hattrick verpasst hat, bei 5:4 im zweiten Satz nicht weniger als vier Satzbälle bei Aufschlag Tsitsipas. Die verpasste 2:0-Satzführung war die entscheidende Wende zugunsten des enorm aggressiv spielenden Griechen, der danach das Tiebreak gewann und mit dem einzigen Break des gesamten Matches zum 7:5 selbst 2:1 in Sätzen in Führung ging.

Im Schluss-Satz stand Federer bei 5:5 im schon dritten Tiebreak des Spiels nach 3:44 Stunden zwei Punkte vom fünften Durchgang entfernt, doch Tsitsipas nutzte dann bei 6:5 gleich seinen ersten Matchball zur Sensation. Federer hat zuvor, ebenfalls sehr ungewöhnlich, von insgesamt zwölf Breakbällen gegen Tsitsipas nicht einen einzigen nutzen können.

Für Tsitsipas, der von seinem Vater Apostolos gecoacht wird, aber auch in der Akademie von Serena-Williams-Trainer Patrick Mouratoglou trainiert, spielte das keine Rolle. “Ich habe so viel Respekt vor Roger. Seit ich sechs war, habe ich geträumt, hier gegen ihn zu spielen. Und jetzt habe ich sogar gewonnen.” Mitgefreut haben sich mit Tsitsipas tausende griechische Fans im Melbourne Park und Hundertausende in der Region. Melbourne gilt als drittgrößte “griechische” Stadt bzw. größte außerhalb Griechenlands. “Ich habe noch nie so eine laute Menge erlebt”, meinte Tsitsipas dazu.

“Diese Niederlage tut mir sehr weh. Es mag nicht so aussehen, aber so ist es. Ich hätte den zweiten Satz gewinnen müssen, das hat mir das Match gekostet”, analysierte Federer. Auch die vielen vergebenen Breakbälle ärgerten den Schweizer.

Und trotzdem hatte der Schweizer dann noch eine gute Nachricht für seine Fans, vor allem jene in Frankreich. Der 37-jährige Superstar hat sich im Spätherbst einer Karriere entschlossen, dieses Jahr wieder bei den French Open anzutreten. Es wird das erste Antreten des 20-fachen Major-Siegers in Roland Garros seit 2015. Zuletzt hatte er die kraftraubenden Ausflüge auf Sand auch zugunsten von Wimbledon immer ausgelassen.

“Ich bin in einer Phase oder ich denke, in der ich mir Freude bereiten will. Das hat mir gefehlt. Ich kann das vielleicht nur noch einmal machen”, erklärte Federer. Er wolle diesmal nicht diese “Megapause” machen. “Ich habe nicht das Gefühl, dass das wirklich sehr notwendig ist”, sagte Federer, der in Paris nur einmal (2009) den Titel geholt hat.

Zum Match gegen Tsitsipas versicherte Federer, dass er sich nach seiner ersten Australian-Open-Niederlage seit dem Halbfinale 2016 hervorragend fühle.

Ein bisschen erinnert die Spielweise und auch der Look vom langmähnigen Tsitsipas an den jungen Federer, der in seinen früheren Jahren auch noch eine längere Haarpracht gezeigt hatte. “Er hat die einhändige Backhand und ich hatte auch lange Haare. Ja, ein bisschen”, gestand Federer, der nun zweiten Mal en suite im Achtelfinale eines Grand-Slam-Turniers ausgeschieden ist. Bei den US Open war ihm der Australier John Millman zum Stolperstein geworden.

Auf eine Aussage von Court-Interviewer John McEnroe an das Publikum (“Sie haben die Wachablöse gesehen”) reagierte Federer schlagfertig: “Diese Geschichte habe ich in den vergangenen zehn Jahren gehört.”

Von: apa