Luka Modric will noch mehr

Kroatien nach erneutem “Extradrama” im Freudentaumel

Sonntag, 08. Juli 2018 | 13:45 Uhr

Mit einem kühl verwandelten Elfmeter hat Ivan Rakitic Kroatien erstmals seit 1998 in das Halbfinale einer Fußball-WM geschossen und damit Russland kein Gastgeschenk gemacht. Die Freude über den Sieg gegen die “Sbornaja” kannte am Samstagabend in Sotschi keine Grenzen. “Wir möchten am liebsten jedes Jahr eine WM haben”, jubelte der Barcelona-Mittelfeldspieler nach dem 4:3 im Elfmeterschießen.

Der 30-Jährige spürte dabei die Unterstützung aus der Heimat. “In Kroatien ist die Hölle los. Und wir möchten noch weitermachen.” Im Mittelpunkt stand bei den Kroaten aber nicht nur Rakitic. Einmal mehr war es Regisseur Luka Modric, der seine Elf zum Sieg und damit ins Semifinale am Mittwoch (20.00 Uhr MESZ/live ORF eins) im Moskauer Luschniki-Stadion gegen England geführt hat. In fünf Spielen wurde der Kapitän dreimal zum “Man of the Match” auserkoren.

Mit dem überraschend offensiven Auftreten der Russen hatte die Elf von Teamchef Zlatko Dalic durchaus Mühe. “Sie haben uns mit ihrem frühen Pressing überrascht. Wir konnten unser Spiel nicht aufbauen”, konstatierte Modric. Mit Fortdauer der Partie habe man sich aber zunehmend besser auf die Spielweise der Gastgeber eingestellt. “In der zweiten Halbzeit und in der Verlängerung haben wir dominiert.”

Die mentale Stärke in der Entscheidung vom Elfmeterpunkt könnte noch zu einem wichtigen Ass im Ärmel werden. Der zweite Sieg der Kroaten im zweiten Elfmeterschießen kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie wie schon gegen Dänemark nicht in der Lage waren, ihren Gegner als favorisierte Mannschaft in der regulären Spielzeit zu bezwingen. “Wir hätten unseren Job schon vor dem Elfmeterschießen erledigen sollen. Aber vielleicht steht es in den Sternen, dass wir durch das Extradrama gehen müssen”, sagte der Real-Madrid-Akteur.

Gegen die “Three Lions” sind die Teamkollegen von Modric noch stärker gefordert, die von ihm verteilten Bälle in Zählbares umzumünzen. Andrej Kramaric, der gegen Russland den Ausgleichstreffer zum 1:1 schoss, erwartete eine harte Partie. “England war von Anfang an einer meiner WM-Favoriten.” Der Kapitän gab sich hingegen zuversichtlich. “Wir werden dieses Spiel genießen. Es bleibt genug Zeit, um uns auf diese Begegnung ordentlich vorzubereiten.” Ein Finaleinzug wäre ein Novum in der Fußball-Historie der Südosteuropäer.

In Kroatien hält dank des Triumphzugs der eigenen Mannschaft die Euphoriewelle weiter an. In vielen Städten des Landes kamen die Fans am späten Samstagabend zu spontanen Feiern auf den Straßen zusammen. Allein in der Hauptstadt Zagreb verfolgten auf dem Hauptplatz rund 15.000 Menschen den Einzug ins Halbfinale.

Auch die kroatische Presse feierte das Team: Sie bezeichnete den Sieg als “Elfer-Roulette” oder “Elfmeter-Drama”. Die starken Auftritte des Teams haben zumindest vorerst die schlechte Stimmung vertrieben, die durch einen Korruptionsprozess entstanden war, der den gesamten nationalen Fußball erschüttert hatte. Selbst Modric hatte als Zeuge vor dem Strafgericht erscheinen müssen.

Kroatien-Regisseur Modric stellt sich nach einer erneuten Top-Vorstellung an, den “Goldenen Ball” für den besten Spieler der Fußball-WM zu ergattern. Die Stimme seines Verbandspräsidenten Davor Suker hätte der Real-Madrid-Star sicher. Wenn er könnte, “würde ich für Luka drei geben”, sagte der frühere Top-Stürmer über seinen Landsmann.

Suker kann als Verbandsboss zwar nicht abstimmen, Modrics Chancen auf die durch die Technische Kommission der FIFA vergebene Auszeichnung dürften aber auch so nicht schlecht stehen. Ob er der Nachfolger des 2014 ausgezeichneten Lionel Messi wird, ist ihm selbst aber relativ egal. “Das Wichtigste ist Kroatien”, meinte der 32-Jährige nach dem 4:3-Sieg im Elfmeter-Krimi in Sotschi.

Von: APA/dpa/ag.