Die Freude der Mexikaner kannte keine Grenzen

Mexiko düpierte den Weltmeister “aus Liebe zum Sieg”

Montag, 18. Juni 2018 | 18:48 Uhr

Das 1:0 über Weltmeister Deutschland zum Auftakt der Fußball-WM hat Mexiko am Sonntag in kollektiven Freudentaumel versetzt. Juan Carlos Osorio mahnte freilich, auf dem Boden zu bleiben. “Das war nur das erste Spiel”, sagte der Trainer. Und doch geriet er zumindest leicht ins Schwärmen. “Heute haben wir aus der Liebe zum Sieg heraus agiert und nicht aus der Angst vor der Niederlage”, sagte er.

Im Prinzip ließe sich das Geschehen im Moskauer Luschniki-Stadion mit jenem Social-Media-Sujet zusammenfassen, das nach dem Spiel von zahlreichen mexikanischen Fans geteilt wurde: Ein Chihuahua, der mit lautem Gebell einen mindestens doppelt so großen Schäferhund in die Flucht schlägt. Allerdings wird das Motiv zwar der Ausgangsposition, nicht aber der Leistung im Spiel gerecht.

Das fing bei Tormann Guillermo Ochoa an und hörte beim Goldtorschützen Lozano auf. Der 22-jährige Linksaußen erwischte mit seinem Tor (35.) und seinen Finten Joachim Löws Team eiskalt, so wie “Chucky – die Mörderpuppe” seine Opfer im gleichnamigen Horrorfilm, dem Lozano seinen Spitznamen verdankt. “Es ist das wichtigste Tor meines Lebens”, sagte er. Seine Klasse hatte sich bereits in der abgelaufenen Saison angedeutet. Lozano startete bei PSV Eindhoven gleich in seiner ersten Saison in Europa richtig durch. Der Flügelflitzer erzielte 17 Ligatore und trug damit maßgeblich zum Titelgewinn seines Teams in der niederländischen Eredivisie bei. Tritt er bei der WM weiter so auf, dürfte er sich für noch höhere Aufgaben empfehlen.

In der Mitte lieferte der agile Offensivmann Carlos Vela eine starke Partie ab, auf der rechten Seite machte Miguel Layun, der immer wieder den Abschluss suchte, ebenfalls ein gutes Spiel. “Wir hatten einen Plan entworfen”, sagte Osorio, einst u.a. Co-Trainer bei Manchester City sowie Coach von NY Red Bulls, Chicago Fire und dem FC Sao Paulo. “Die Idee war immer, zwei schnelle Außenspieler zu haben.” Das Vorhaben ging auf und stellte den Weltmeister vor große Probleme. “Den Spielplan haben wir vielleicht schon vor sechs Monaten aufgestellt”, verriet der Kolumbianer.

Defensiv war Ochoa ein sicherer Rückhalt, lenkte einen Freistoß von Toni Kroos an die Latte (39.) und strahlte auch sonst große Ruhe aus. Ob Distanzschüsse oder Flanken: Ochoa war zur Stelle und hielt seinen Kasten sauber. Seine direkten Vordermänner leisteten ebenfalls hervorragende Arbeit. Im Abwehrzentrum ließen Hector Moreno und Hugo Ayala so gut wie nichts zu. Einmal wurde Moreno sogar offensiv gefährlich, scheiterte mit seinem Kopfball in der 14. Minute jedoch an Manuel Neuer.

Veredelt wurde die Partie für Oldie Rafael Marquez mit einem Rekord. Der 39-Jährige wurde mit seiner Einwechselung im Finish zum dritten Spieler mit Einsätzen bei fünf Weltmeisterschaften, zog mit seinem Landsmann Antonio Carbajal (1950, 1954, 1958, 1962, 1966) und dem Deutschen Lothar Matthäus (1982, 1986, 1990, 1994, 1998) gleich. Für den ehemaligen Verteidiger des FC Barcelona bedeutete das 1:0 schlicht den “wichtigsten Triumph in der mexikanischen Geschichte”.

Doch Vorsicht ist geboten: Sollte am Ende das Vorrunden-Aus stehen, dürfte die Einordnung des Triumphs etwas anders ausfallen. Seit 1994 gelang den Mexikanern allerdings sechsmal in Folge der Aufstieg ins Achtelfinale, in dem dann jedoch jeweils Endstation war. “Schweden wird auch ein harter Gegner sein”, warnte Osorio mit Blick auf das letzte Gruppen-Duell. Und auch Südkorea werde nicht leicht zu besiegen sein.

Osorio weiß, wie schnell es geht. 2016 wurde nach einem 0:7 gegen Chile bei der Copa America Centenario sein Kopf gefordert. Auch beim Confed-Cup 2017 wurde viel Kritik laut, die erst mit der recht sicheren WM-Quali verstummte. “Er hat viel einstecken müssen, und keiner außer uns hat an ihn geglaubt”, sagte Marquez. “Er hat das sehr gut geplant.”

Von: APA/dpa/ag.