ÖSV-Springer wollen positiv überraschen

ÖSV-Adler als Außenseiter in ersten Bewerb in Pyeongchang

Freitag, 09. Februar 2018 | 12:50 Uhr

Österreichs Skisprung-Team ist seit vielen Jahren nicht mehr mit einer derartig schlechten Saisonbilanz zu einem Großereignis wie den Olympischen Spielen angereist. Im ÖSV-Aufgebot von Heinz Kuttin versucht man nun aus der Not eine Tugend zu machen, und hofft, dass aus der abgelegten Favoritenrolle neue Kraft entsteht. Der erste von drei Herren-Bewerben geht am Samstag (13.35 Uhr MEZ) in Szene.

In der Einzelkonkurrenz von der Normalschanze, in der sich Stefan Kraft vor einem Jahr bei der WM in Lahti ebenso wie auch auf der Großschanze zum Weltmeister gekürt hatte, zählt der Salzburger ein Jahr später nicht mehr zu den unmittelbaren Favoriten. Lediglich drei dritte Plätze durch ihn, und noch kein Saisonsieg im Herrenlager war die magere Ausbeute der bisherigen Saison. Der Turnaround soll nun im Zeichen der Fünf Ringe gelingen.

Olympia-Debütant Kraft hat sich durch ein intensives Training an die kleine Schanze von Pyeongchang/Alpensia herangetastet. “Ich bin froh, dass ich alle Trainingssprünge mitgemacht habe. Am Anfang habe ich mir schwergetan mit der Schanze und mit mir selbst”, gestand der 24-jährige Salzburger am Freitag bei einer Pressekonferenz im Österreich-Haus. Von Sprung zu Sprung sei es ihm besser gelaufen und es habe auch mehr Spaß gemacht. “Gestern war schon sehr cool, das stimmt mich zuversichtlich”, sagte Kraft noch zu seinem fünften Qualifikationsrang vom Donnerstag.

Auch mannschaftlich, so der Doppel-Weltmeister und Vorjahrs-Gesamt-Weltcupsieger, habe jeder gezeigt, dass er gut springen könne. “Umsonst bist du nicht bei Olympischen Spielen. Wir haben gut trainiert und uns perfekt vorbereitet. Ich hoffe, dass wir einen coolen Beginn in die Spiele machen.”

Für Kraft sind es ja überhaupt die ersten Spiele und der Ex-Tourneesieger ist vom Flair angetan. “Das Olympische Dorf ist sehr cool. Für mich sind es die ersten Spiele, es ist irrsinnig cool. Alles ist sehr, sehr spannend.”

Sein Zimmerkollege und Freund Michael Hayböck zeigte vor allem im zweiten Training mit den Rängen eins und zwei einen starken Aufwärtstrend. “Es war im Training eine coole Erfahrung, dass ich mit guten Sprüngen ganz vorne landen kann. Das tut natürlich gut”, erklärte der Oberösterreicher, der sich nach einem weniger gelungenen Quali-Sprung nicht irritieren lassen will. “Das macht mir keine Sorgen. Ich kann sehr befreit drauf los springen.”

Zu seinen zweiten Olympischen Spielen ist Hayböck gereift gereist, und doch gleichzeitig nach wie vor fasziniert. “Sotschi war doch ein bisserl anders, ich bin vier Jahre älter geworden und habe in der Zwischenzeit einiges erlebt.” Die Springer wohnen dieses Mal ja im Dorf mit anderen Athleten und da überraschte ihn der eigene Bekanntheitsgrad bis nach Afrika: “Gestern haben wir Sportler getroffen, die Togo hinten oben stehen hatten. Das ist jetzt nicht unbedingt eine Skisprungnation. Die haben uns alle gekannt, das ist schon etwas Besonderes.”

Überglücklich, es mit 32 Jahren endlich auch erstmals zu Olympia geschafft zu haben, zeigte sich auch Manuel Fettner. “Ich bin seit 17 Jahren im Weltcup. Meine olympische Reise war bis jetzt eigentlich immer frustrierend. Ich habe es immer geschafft, genau im Olympia-Jahr eine richtig schlechte Saison einzubauen. Heuer war ich auch schon auf diesem Weg”, blickte der Tiroler zurück. Umso erfreuter ist er über die Teilnahme und den Aufwärtstrend im Training. Das Dabeisein allein ist ihm zu wenig. “Ich möchte schon auch gut springen, sonst macht es keinen Sinn.”

Der Veteran im ÖSV-Springerteam ist der 28-jährige Gregor Schlierenzauer, dem in seiner Erfolgsliste nur noch Olympisches Einzel-Gold fehlt. Dass dieser Traum bei seinen dritten Spielen nur schwer zu erfüllen ist, weiß wohl auch der Tiroler. Immer wieder hatte er im Training aufhorchen lassen, dann fehlte ihm aber doch die Umsetzung. “Ich kann es selber nicht mehr hören, dass es im Training funktioniert und im Wettkampf überhaupt nicht”, weiß Schlierenzauer. Aber es fehle eben noch die Konstanz. “Es gelingt mir nicht, das richtige Rezept zu finden, um auf diesem Bahngleis draufzubleiben.”

Dass es gerade für den ehrgeizigen und früher so erfolgsverwöhnten Skisprung-Star sehr schwierig ist, geduldig zu bleiben, gibt er dann auch frei zu. “Das ist aber natürlich emotional nicht einfach, wenn es was zählt, dass der Schuss nach hinten losgeht. Das ist für einen Athleten selbst die Hölle.”

Cheftrainer Heinz Kuttin, dessen vierte Saison in dieser Position sicher seine schwierigste ist, ist voller Vorfreude. “Wir haben zum Schluss gesagt, wir wollen noch einmal richtig zurück ins Gefühl gehen, was sehr gut getan hat. In den verschiedenen Phasen haben wir sehr gute Sprüngen von allen Athleten gesehen. Richtig zufrieden sind wir erst, wenn wir das Ergebnis wissen”, meinte der Kärntner.

Am fehlenden Biss mangelt es freilich keinem im Team, erläutert auch Kraft. “Man tut alles dafür, wir werden noch Video analysieren, dass wir morgen perfekt vorbereitet sind.” Auf der Schanze selbst werde “dann mit Herz skigesprungen”. “Dann denkt man nicht mehr an diesen Blödsinn. Dann heißt es einfach runter da. Wir können es alle, wir haben es drauf.” Kraft gab aber dennoch zu, dass er am Bewerbstag “ordentlich nervös” sein wird. “Topfavoriten sind wir nicht, das schadet vielleicht auch nicht.”

Aus internationaler Sicht scheint der Pole Kamil Stoch auf dem besten Weg, sein bereits drittes Einzel-Gold zu holen. Der Tournee-Sieger gilt jedenfalls als Topfavorit. Weitere Medaillenkandidaten sind u.a. sicher die Deutschen Andreas Wellinger (Quali-Sieger) und Richard Freitag. Die Deutschen hoffen auf den ersten Olympia-Einzelsieg seit Jens Weißflog 1994.

Für seine Truppe hofft Ernst Vettori, Sportlicher Leiter im ÖSV für Kombination und Skispringen, auf den Beginn eines Flows. “Wenn wir an den Start gehen, wollen wir, dass zumindest einer vorne mitspringt. Es gibt jede Menge Konkurrenz, diese drei Plätze sind von vielen Nationen umkämpft und wir wollen ein Wörtchen mitreden. Ein guter Start ist enorm wichtig.”

Von: apa