Unantastbar war Phelps über die 200 Meter Lagen

Phelps schmeckte auch 22. Gold “süß wie eh und je”

Freitag, 12. August 2016 | 10:38 Uhr

Michael Phelps kämpfte gegen die Tränen. Ergriffen lauschte der Rekord-Olympiasieger der US-Hymne, und musste wiederholt tief durchatmen. Auch für den unerreichbaren Dauergewinner sind Goldmedaillen noch lange keine Selbstverständlichkeit, wenngleich es schon Nummer 22 war. Mittlerweile wird schon 2000 Jahre in der Geschichte zurückgeblättert, um noch Superlative für den Superstar zu finden.

“Aus dem Becken zu kommen, ist mittlerweile schmerzhafter, aber auf dem Podium zu stehen und die Nationalhymne zu hören, ist süß wie eh und je”, erklärte der 31-Jährige. Phelps hatte am drittletzten Olympia-Tag seiner glorreichen Karriere feuchte Augen. Seine Verlobte Nicole Johnson und Mama Debbie jubelten auf der Tribüne wieder ausgelassen mit. Baby Boomer, im Internet längst ein Star und gern mit goldenen Schuhen abgebildet, schlief friedlich. Die Ohren waren mit einem Gehörschutz abgedeckt.

“Das war bis jetzt eine sehr spezielle Woche für mich zum Karriereabschluss”, schilderte Phelps. “Ich weiß gerade nicht, wo mir der Kopf steht.” Am Samstag klettert der Megastar zum letzten Mal auf den Startblock. “Es ist verrückt, dass ich vor über 20 Jahren begonnen habe, Wettkämpfe zu schwimmen – und in wenigen Stunden ist es vorbei.”

22 Mal Gold, zweimal Silber, zweimal Bronze: So lautete am Donnerstag die immer wieder unglaubliche Gesamtausbeute bei Sommerspielen. Phelps gewann als erster Schwimmer zum vierten Mal Olympia-Gold nacheinander über die gleiche Strecke: die 200 m Lagen. Silber ging mit fast zwei Sekunden Rückstand an Kosuke Hagino aus Japan, Bronze an den Chinesen Shun Wang. Phelps’ langjähriger und von ihm fast immer besiegter US-Rivale Ryan Lochte ging als Fünfter leer aus.

Für Lochte, immerhin sechsfacher Olympiasieger, nichts Neues. Seine Karriere wäre sicher anders verlaufen, wenn er nicht immer wieder gegen Michael Fred Phelps II hätte schwimmen müssen. “Bei Michael wundert mich nichts”, sagte Lochte. “Alles, was er im Schwimmen erreicht hat, hat er sich verdient. Ich weiß, dass er unglaublich hart arbeitet.” Lochte selbst hat mit 32 noch nicht genug: “Ich kann noch nicht sagen, dass es vorbei ist. Dieses Rennen hat mich eher motiviert”, sagte er.

Doch die Schlagzeilen gehören Phelps, der mit bisher viermal Gold bei diesen Spielen schon wieder allen die Show stiehlt. Viele hatten ein derartiges Olympia-Comeback nach dem Karriereende 2012 nicht für möglich gehalten, doch Phelps schuftete besonders hart. Zwischendurch habe er gedacht, was zum Teufel er da eigentlich mache, berichtete der Superstar. Und dankte einmal mehr seinem Trainer Bob Bowman: “Ich habe einfach Bob vertraut. Ich habe ihm vertraut, seitdem ich elf Jahre alt war, und er hat mich niemals enttäuscht.”

Die Superlative für Phelps sind längst ausgegangen – und auf der Suche nach vermeintlich neuen Bestleistungen werden nun schon Kuriositäten herausgekramt. Phelps soll nun auch Inhaber einer über 2000 Jahre alten Bestmarke sein. Historiker haben herausgefunden, dass der Läufer Leonidas von Rhodos in der Antike in drei verschiedenen Disziplinen bei vier Sommerspielen nacheinander (164 bis 152 v. Chr.) immer den ersten Platz belegt hat. Phelps hat nun 13 Einzelerfolge.

Und noch immer nicht muss der Gold-Rausch zu Ende sein: Am Freitag (3.12 Uhr MESZ in der Nacht auf Samstag) folgt das Finale über 100 m Delfin, am Samstag (4.04 Uhr MESZ in der Nacht auf Sonntag) die 4×100-m-Lagen-Staffel. In der Form, in der sich der “Flying Fish” aus Maryland zeigt, sind ihm weitere zwei Olympiasiege zuzutrauen. Gewinnt Phelps die 100 m Delfin erneut, dann egalisiert er sich selbst: Auch in dieser Disziplin hat er seine Leistung schon bei den Spielen 2004, 2008 und 2012 vergoldet.

Viermal Olympia-Gold in Folge in der gleichen Disziplin haben in der Neuzeit bisher nur zwei andere Sportler geschafft, beide stammen wie Phelps aus den USA: der legendäre Carl Lewis im Weitsprung (1984 bis 1996) und der bereits verstorbene Diskuswerfer Al Oerter (1956 bis 1968).

Von: APA/dpa/ag.

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