Beim 32-Jährigen wurde eine zu hohe Dosis Salbutamol nachgewiesen

Radstar Froome bei Vuelta mit erhöhtem Asthmamittelwert

Mittwoch, 13. Dezember 2017 | 17:24 Uhr

Radstar Chris Froome ist aufgrund eines deutlich erhöhten Wertes des Asthmamittels Salbutamol auf dem Weg zum Vuelta-Sieg in Erklärungsnot. In einer Urin-Dopingprobe des asthmakranken Briten vom 7. September sind bei der Spanienrundfahrt 2.000 Nanogramm pro Milliliter der Substanz festgestellt worden, erlaubt sind aber nur 1.000. Dem Rundfahrten-Dominator drohen Sanktionen bis zu einer Sperre.

Am Tag vor dem verhängnisvollen Test hatte der Brite auf der von Stefan Denifl gewonnenen Bergetappe nach Los Machucos viel Zeit auf seine direkten Konkurrenten Vincenzo Nibali und Alberto Contador verloren. Nach der 18. Etappe sprengte der Wert – anders als bei den Tests davor und danach, insgesamt waren es 20 – dann aber deutlich den erlaubten Rahmen. Froome und sein Team hätten sich laut Ex-Profi Michael Rasmussen wohl deshalb für “eine kleine Extra-Dosis Salbutamol” entschieden. Das mutmaßte der Däne, der 2007 wegen Doping-Verdachts im Gelben Trikot aus der Tour genommen worden war und jetzt als Journalist tätig ist, auf Twitter.

Weitere Häme und ein beträchtlicher Imageschaden scheinen Froome jedenfalls sicher zu sein. Im Zuge der vom Radsport-Weltverband (UCI) eingeleiteten Ermittlung muss er den deutlich überschrittenen Grenzwert erklären. Sein Sky-Team verwies auf Froomes langjährige Asthma-Erkrankung. Laut Sky bedeute der auffällige Test nicht, dass Regeln gebrochen worden seien. Man versuche der Ursache für den signifikant erhöhten Wert auf die Spur zu kommen und verwies auf Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten und Ernährung als mögliche Erklärungen.

Sein Team um Manager Dave Brailsford waren in diesem Jahr auch schon in die Schlagzeilen geraten, weil eine ominöse Medikamenten-Lieferung per Boten an den früheren Toursieger Bradley Wiggins 2011 nicht hinreichend erklärt werden konnte. Die britische Anti-Doping-Agentur hatte ihre Untersuchungen nach 14 Monaten kürzlich ohne Sanktionen eingestellt.

Froome, der aufkommende Verdächtigungen wegen seiner Dominanz im von zahlreichen Dopingskandalen gebeutelten Radsport stets vehement von sich wies, hat heuer nicht nur die Vuelta, sondern zum vierten Mal auch die Tour de France für sich entschieden. Zum verhängnisvollen Test gab er folgendes zu Protokoll: “Es ist bekannt, dass ich Asthma habe, und ich weiß genau, wie die Regeln lauten. Ich benutze einen Inhalator, um meine Symptome zu behandeln, und ich weiß, dass ich jeden Tag getestet werde, wenn ich das Trikot des Führenden trage”.

Seine Asthma-Beschwerden hätten sich bei der Vuelta verschlimmert, “also folgte ich dem Rat des Mannschaftsarztes, meine Salbutamol-Dosierung zu erhöhen”, meinte Froome in einer Team-Mitteilung weiter. “Wie immer habe ich mit größter Sorgfalt darauf geachtet, dass ich nicht mehr als die zulässige Dosis verwendet habe.” Die UCI habe völlig Recht, “wenn sie die Testergebnisse prüft, und ich werde zusammen mit dem Team alle Informationen, die sie benötigt, zur Verfügung stellen.”

Das bronchienerweiternde Salbutamol gilt als das Asthma-Mittel mit der höchsten anabolen Nebenwirkung. Um eine Ausnahmegenehmigung für höhere Dosierungen – wie bei schweren Asthmaverläufen möglich – hat Froome bisher noch nie angesucht.

Im Falle eines Schuldspruches drohen Froome Sanktionen, die von der Aberkennung des Vuelta-Sieges bis zur einer Sperre reichen können. Die UCI wollte sich zum laufenden Verfahren über die Bekanntmachung der auffälligen Probe hinaus am Mittwoch nicht weiter äußern. In einem vergleichbaren Fall war der ehemalige italienische Sprintstar Alessandro Petacchi 2008 für ein Jahr gesperrt worden. Sein Landsmann Diego Ulissi war 2014 mit 1.920 ng/ml Salbutamol für neun Monate aus dem Verkehr gezogen worden.

Froome, der bereits am 20. September über die auffällige Probe informiert worden ist, darf während der Untersuchung weiterhin Rennen bestreiten. Denn er wurde dem Reglement entsprechend wegen des positiven Tests auf die spezifische Substanz Salbutamol nicht vorläufig suspendiert. Für 2018 hat er den Giro d’Italia und die Tour als große Saisonziele ausgegeben.

Der deutsche Anti-Doping-Experte Fritz Sörgel fordert eine Sperre für den viermaligen Tour-de-France-Sieger Chris Froome. “Er hatte einen doppelt so hohen Wert wie gestattet – natürlich müsste er gesperrt werden”, sagte der Nürnberger Pharmakologe am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur.

Sörgel vermutet, dass Froome zur Verteidigung die bereits von dem Seriensieger vorgebrachte Strategie der Wechselwirkung mit anderen Medikamenten verfolgen wird. “Ich rechne mit einer Entlastungs-Theorie über den Stoffwechsel”, sagte Sörgel und bestätigte die “milde anabole” Nebenwirkung bei einer Salbutamol-Gabe. Nach seinem ersten Toursieg 2013 hatte Froome bekanntgemacht, an der tropischen Bilharziose, einer Wurmerkrankung, zu leiden. Damals erklärte der Radprofi, deshalb unter ständiger Medikation zu stehen.

Der bei der Vuelta zweitplatzierte Italiener Vincenzo Nibali meinte, das sei “kein großer Tag für den Radsport”. Er kenne keine Details und wolle die Erklärungen abwarten, sagte Nibali dem Internet-Portal “Tuttobiciweb”. “Aber wenn dieser Fall als positiv bestätigt wird, kann mir niemand die Emotionen zurückgeben, die ich als Vuelta-Sieger und auf dem obersten Podest in Madrid empfunden hätte.”

Die UCI und das Team Sky von Froome haben mit der Bekanntgabe des auffälligen Tests des Briten offenbar auf Recherchen der Tageszeitungen “Le Monde” und “The Guardian” reagiert. Die Blätter hatten durch ungenannte Quellen von dem bisher geheimen Testergebnis erfahren und berichteten am Mittwoch darüber.

Froome bedankte sich indes zu Mittag auf Twitter für die vielen Unterstützungsnachrichten an diesem Tag. “Ich bin überzeugt, dass wir dem auf dem Grund gehen werden. Leider kann ich bis zum Abschluss der Untersuchung keine weiteren Informationen weitergeben”, schrieb Froome an seine 1,44 Millionen Follower.

Der Vuelta-Veranstalter hat am Mittwoch mitgeteilt, dass man die Entwicklungen im Fall des auffälligen Tests von Sieger Chris Froome bei der diesjährigen Spanien-Radrundfahrt selbstverständlich äußerst genau verfolge. “Wir hoffen, dass diese Angelegenheit so schnell wie möglich gelöst wird”, verlautbarte der Rundfahrt-Organisator Unipublic weiters.

Salbutamol gehört zur Arzneimittelgruppe der Beta-2-Sympathomimetika, die bei Asthma oder Bronchitis eingesetzt werden, um die Bronchialmuskeln zu entspannen und die Bronchien zu weiten. Mittels Inhalator verabreicht, wirkt es sofort und lang anhaltend. Im Sport kann Salbutamol durch seine Wirkung aber auch leistungssteigernd eingesetzt werden und unterliegt deshalb Beschränkungen.

Salbutamol gehört gemäß dem Code der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) zur Verbotklasse der spezifischen Substanzen, die anders als etwa EPO oder Anabolika nicht per se als Dopingmittel eingestuft werden. Bei der Einnahme von Salbutamol und verwandten Asthmamitteln der Gruppe der Beta-2-Agonisten dürfen aber bestimmte Grenzwerte nicht überschritten werden. Im Fall von Salbutamol müssen Sportler keine Ausnahmegenehmigung vorweisen, schwere Asthmatiker können sich dadurch aber höhere Dosen genehmigen lassen.

Von: APA/ag./dpa/