Sbornaja startete besser als erwartet

Russland nach 5:0-Auftaktsieg stolz und erleichtert

Freitag, 15. Juni 2018 | 13:44 Uhr

Fünf Tore gegen Saudi-Arabien: Russlands Fußballfans feiern den gelungenen Auftakt zur Heim-WM. Die Presse im Gastgeberland sprach nach dem 5:0-Erfolg am Donnerstag von einem “märchenhaften Start”. Teamchef Stanislaw Tschertschessow bremste die Euphorie – obwohl Präsident Wladimir Putin ihm bei einem Glückwunsch-Telefonat auftrug: “Weiter so!”

Mit Stolz und Erleichterung haben Russlands Medien auf den Traumstart ins Turnier reagiert. “Tief aufgeatmet” habe das ganze Land, schrieb etwa das Fachblatt “Sport-Express” und titelte unter Anspielung auf den international beliebten Handschlag: “Give me five!” Die Tageszeitung “Kommersant” nannte den Erfolg einen “märchenhaften Start”.

Tschertschessow warnte aber vor verfrühter Euphorie. “Die WM fängt erst an. Wir haben drei Punkte, im Grund hat sich nichts geändert”, sagte der ehemalige Wacker-Innsbruck-Trainer mit Verweis auf die weiteren Spiele der Russen gegen Ägypten und Uruguay.

Nichtsdestotrotz hatte Staatspräsident Wladimir Putin Tschertschessow noch während der Pressekonferenz angerufen und ihm aufgetragen: “Gut gemacht – weiter so!” Putin hatte das Spiel im aufwendig umgebauten Luschniki-Stadion in einer Ehrenloge zusammen mit FIFA-Präsident Gianni Infantino und dem saudischen Kronprinz Mohammed bin Salman verfolgt. Putin und Infantino hoben immer wieder entschuldigend die Schultern und blickten beinahe mitleidig zum Scheich.

Juri Gasinski (12.), Denis Tscheryschew (43., 91.), Artjom Dsjuba (71.) und Alexander Golowin (94.) besiegelten vor 78.011 Zuschauern und Millionen Fans an den Bildschirmen den höchste Sieg in einem WM-Auftaktspiel seit 1934. “Von so etwas habe ich nicht einmal zu träumen gewagt”, sagte Tscheryschew, der früh für den verletzten Alan Dsagojew eingewechselt worden war.

Der Gastgeber, der laut Weltrangliste der schlechteste WM-Teilnehmer ist, feierte ausgerechnet im Eröffnungsspiel den ersten Sieg seit 240 Tagen oder sieben sieglosen Testspielen. “Gut sein ist eine Sache. Gut zur richtigen Zeit zu sein, darauf kommt es an”, sagte Tschertschessow fast schon triumphierend, nachdem er in den vergangenen Monaten nahezu verspottet worden war.

Saudi-Trainer Juan Antonio Pizzi war restlos bedient und kritisierte sein Team: “Wir haben nicht verloren, weil sie so gut, sondern weil wir so schlecht waren.” In der Heimat schwankten Fans und Medien zwischen Ernüchterung und Schock. “Nicht einmal die größten Pessimisten haben eine so schwere Niederlage der saudischen Grünen erwartet”, schrieb die Nachrichtenseite Okaz. Die Zeitung “Al-Watan” sprach von einem “schmerzhaften Sturz”.

Der oberste Sportfunktionär des islamisch-konservativen Königreichs kündigte unmittelbar nach dem Spiel an, sein Land wolle eine neue Fußballgeneration aufbauen. Dafür sollten Nachwuchsfußballer für eine Profiausbildung ins Ausland geschickt werden, sagte der Chef der saudischen Sportbehörde, Turki al-Scheich. “Ich übernehme die volle Verantwortung vor dem Kronprinzen und dem Volk. Wir müssen zugeben: Das ist die Leistungsfähigkeit der jetzigen Generation.” Die Mannschaft habe nicht einmal zu fünf Prozent die Anforderungen erfüllt, meinte er.

Sportfunktionär al-Scheich erneuerte seine Kritik an den hohen Gehältern in der saudischen Liga, die einheimische Spieler davon abhalten, ins Ausland zu gehen, um dort Erfahrung zu sammeln: “Ich hatte gesagt, dass es kein saudischer Spieler verdient, mehr als eine Million Rial (ca. 230.000 Euro) in der Saison zu bekommen. Danach bin ich stark angegriffen worden. Aber das ist die Realität.”

Nach der Auftaktpleite will Saudi-Arabiens Fußballverband die Spieler zur Rechenschaft ziehen. Wegen der “sehr schlechten” Leistung werde mit einigen von ihnen gesprochen werden, sagte der saudische Fußballverbandspräsident, Adel Issat, am Freitag dem arabischen Nachrichtenkanal Al-Arabiya. Namentlich nannte er Torhüter Abdullah al-Majuf, Verteidiger Omar Husawi und Topstürmer Mohammed al-Sahlawi.

Ihre Vorstellung spiegle nicht die Vorbereitung auf das WM-Turnier wider, erklärte Issat weiter. Auch Trainer Juan Antonio Pizzi habe Fehler gemacht und etwa falsch und zu spät ausgewechselt.

Saudi-Arabien war nicht zuletzt wegen der nur knappen 1:2-Niederlage in der Vorbereitung gegen Deutschland mit einiger Hoffnung in die WM gegangen. Torhüter al-Majuf hatte nach der Partie in Leverkusen großes Lob bekommen, unter anderem von Oliver Kahn. Der frühere deutsche Nationaltorhüter ist seit Herbst Torhüter-Berater des saudischen Fußballverbands und sollte dessen Keeper für die WM fitmachen.

Von: APA/dpa