Land Tirol zieht erste Konsequenzen

Schwere Missbrauchsvorwürfe gegen Skigymnasium Stams

Montag, 04. Dezember 2017 | 21:17 Uhr
Update

Innsbruck/Stams – In der Debatte über Missbrauch im österreichischen Sport könnte nun das Skigymnasium Stams in den Mittelpunkt rücken. In einem Interview mit der Zeitung “Der Standard” erhob ein namentlich nicht genannter Ex-ÖSV-Aktiver schwere Vorwürfe gegen die Eliteschule des heimischen Skisports, deren Absolventen bisher mehr als 300 Olympia- und WM-Medaillen sammelten.

Der ehemalige Athlet, der “in den 80ern und 90ern in Stams zur Schule ging und im Spitzensport reüssierte”, sprach über das “Pastern” im Ski-Internat, Sex als Druckmittel und zerstörte Existenzen. “Das Pastern war und ist ein zutiefst sexuelles Machtspiel, das weit über Initiationsriten hinausgeht. Für mich ist es eine Frechheit, wenn der jetzige Stamser Direktor Arno Staudacher das herunterspielt und davon spricht, dass da ein bissl Schuhpasta auf die Hinterbacken geschmiert wird.”

Außerdem berichtete der Ex-Athlet: “Das ist kein netter Initiationsritus, sondern da wurde ganzen Generationen mit Gewalt von mehreren meist älteren und stärkeren Sportlern die Hose heruntergerissen. Und je nachdem, wie aufmüpfig einer vorher war, bekam er Zahnpasta oder einen mehr oder weniger klebrigen Klister anal verabreicht. Das heißt, da wurde eine Tube eingeführt. Das Ärgste, was man erwischen konnte, war ein Nassschnee-Klister, ein Steigwachs für Langlaufski.”

Die Übergriffe seien “selten im Geheimen passiert” und “harte Gewalt” gewesen. “Die Gepasterten sind manchmal drei Stunden in der Dusche gestanden, nicht nur um sich zu säubern. Die haben vor Scham, Verzweiflung und Wut geheult.”

Er selbst sei zwar weder Opfer noch Täter gewesen, habe aber dennoch die Vorgänge mitbekommen, bei denen es “um Macht und Hierarchie” gegangen sei. “Viele Opfer sind zu Tätern geworden. Pastern war in einer perfiden Art etwas Normales, Alltägliches. Lehrer oder Erzieher waren beim Pastern nicht dabei, sie wissen aber oft, was läuft, weil sie selbst in Stams im Internat gewesen sind.”

Zahlreiche Opfer seien traumatisiert worden. “Dieses System hat viele junge Menschen gebrochen und in Identitätskrisen gestürzt – eine große Masse, über die nicht gesprochen wird. Die Aussage ‘Wer bei uns in Stams abschließt, steht besonders stabil und erfolgreich im Leben’ finde ich zum Kotzen. Viele müssen die erlebten Härten ein Leben lang aufarbeiten, Hilfe kriegen die wenigsten. Das erklärt die hohe Drogenquote bei Abbrechern”, wurde der Wintersportler zitiert.

Für Nicola Werdenigg, die das Thema Missbrauch aufs Tapet gebracht hatte, war er voll des Lobes. “Ihren Schritt an die Öffentlichkeit finde ich toll, er zeugt von großer Stärke. Endlich wird an diesen über Jahrzehnte ausgebildeten Strukturen ernsthaft gerüttelt – erst jetzt, obwohl Generationen davon etwas mitgekriegt haben. Werdenigg hilft vielen Betroffenen und trägt dazu bei, künftige Gewalttaten zu verhindern.”

“Es macht sehr betroffen”, sagte Nikola Werdenigg zu den Aussagen des ehemaligen ÖSV-Aktiven. “Diese Machtübergriffe, die durchaus auch sexualisierte Gewalt sind, sind so typisch für dieses System”, sagte Werdenigg zur APA – Austria Presse Agentur. Ohne diese Übergriffe, mit denen Neulinge, junge Leute, in das System eingeführt werden, würde das Ganze vielleicht nicht so funktionieren.

“Da werden Tabus gebrochen: Bei uns ist das so, dann gehört man dazu und schaut zu und macht möglicherweise sogar selbst mit.” Festgehalten wollte sie aber wissen, dass ihr “die Zeit in Stams nach wie vor heilig und wichtig” sei. “In meiner Zeit in Stams wäre so etwas unter den Frauen, unter den Mädchen undenkbar gewesen. Wir haben in der Zeit in den frühen Siebzigerjahren stark feministische Diskussionen geführt.” Werdenigg hatte vor knapp zwei Wochen von sexuellen Übergriffen zu ihrer aktiven Zeit berichtet, im Skigymnasium Stams habe sie aber nie etwas Verdächtiges erlebt.

“Was jetzt unabhängig von diesen groben Verletzungen betrachtet werden muss, ist dass diese Riten losgelöst vom Sportverband immer diese hierarchischen, autoritären Verhältnisse befeuern. Das gibt es seit Jahrhunderten wahrscheinlich schon, das ist in Burschenschaften gang und gäbe, das ist im Militär immer gang und gäbe gewesen. Das zeigt, wie solche Systeme Menschen brechen”, sagte Werdenigg.

Junge Menschen, die aus anderen sozialen Umfeldern kommen und sensibel seien, würden gebrochen. “Und ab dem Moment, wo sie das über sich ergehen haben lassen müssen, wenn sie es aushalten, gehören sie dazu. Es gibt auch viele, die es nicht aushalten. Das ist dramatisch.”

Der ÖSV meldete sich am Samstagabend in einer Aussendung zu Wort und sprach von “großer Betroffenheit”, mit der man die Berichterstattung “von nicht vertretbaren Vorfällen oder Übergriffen in Schulen mit sportlichen Schwerpunkten” zur Kenntnis genommen habe. Gleichzeitig wurde aber festgehalten, dass der und sprach von “großer Betroffenheit”, mit der man die Berichterstattung “von nicht vertretbaren Vorfällen oder Übergriffen in Schulen mit sportlichen Schwerpunkten” zur Kenntnis genommen habe. Gleichzeitig wurde aber festgehalten, dass der ÖSV keinerlei Verantwortung für diese Vergehen trage.

“Wir legen großen Wert auf die Feststellung, dass der Österreichische Skiverband weder Träger von Schulen oder Internaten ist, noch Einfluss auf die Auswahl von Lehrern oder Erziehern hat”, hieß es in der Mitteilung. “Selbstverständlich kooperiert der Österreichische Skiverband mit diesen Einrichtungen. Ausdrücklich wollen wir uns aber dagegen verwehren, dass der Österreichische Skiverband im Zusammenhang mit solchen Vorfällen als mitverantwortliche Institution genannt wird.”

Dass es auch im Österreichischen Skiverband zu Missbrauchsfällen gekommen sein könnte, wurde aber auch thematisiert: “Im Hinblick auf die Größe des ÖSV und die Vielzahl der Aktiven und Betreuer können auch wir nicht Vorfälle in unserem Bereich von vornherein ausschließen. Aus diesem Grunde wurde von uns eine Anlaufstelle für allfällig Betroffene eingerichtet.” Damit wurde vom ÖSV erneut auf die ehemalige Landeshauptfrau der Steiermark, Waltraud Klasnic, als vertrauliche Ansprechperson verwiesen.

Auch das Bildungsministerium hat sich nach den jüngsten Berichten über Übergriffe im Skigymnasium Stams und in der NMS Neustift (früher Skihauptschule Neustift) erschüttert gezeigt. Am Samstag sei eine schriftliche Weisung an die Tiroler Landesrätin Beate Palfrader (ÖVP), an den Landesschulratsdirektor von Tirol und an den zuständigen Landesschulinspektor ergangen.

In dem Schreiben wurde die Übermittlung einer Sachverhaltsdarstellung an die Staatsanwaltschaft angewiesen, erklärte eine Sprecherin von Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ) der APA. “Die begonnenen Erhebungen durch die Schulaufsicht und Juristen des Landesschulrats sind fortzusetzen”, hieß es. Dazu forderte das Ministerium dazu auf, mit den zuständigen Behörden – nämlich Polizei und Staatsanwaltschaft – zu kooperieren.

Erste Konsequenzen aus Prüfung der Akten durch Land Tirol und Landesschulrat für Tirol

Umgehend nach Bekanntwerden der Missbrauchsvorwürfe im Nachwuchssportbereich hat die Tiroler Landesregierung mit der Einrichtung der telefonischen Erstanlaufstelle, des Setzens von Präventivmaßnahmen durch den Landessportrat und der Aufarbeitung der Aktenlage durch die Bildungsabteilung und den Landesschulrat für Tirol konkrete Schritte gesetzt. Die Bildungsabteilung des Landes Tirol und der Landesschulrat haben in den letzten Tagen im Auftrag von Bildungslandesrätin Beate Palfrader unzählige Akten von den 1970er-Jahren bis heute durchforstet. Dabei ist man nun auf einen ersten Fall gestoßen, der eine vorläufige Suspendierung gegen einen in den 1990er-Jahren an der Skihauptschule Neustift im Schul- und Trainingsbereich tätigen Pädagogen nach sich zieht. Dem Pädagogen wird vorgeworfen, anzügliche Gespräche mit SchülerInnen geführt zu haben und sie im Zuge von Massagen und Sicherungsarbeiten im Training und Sportunterricht unpassend berührt zu haben. „Wir unternehmen alle möglichen Anstrengungen, um erhobene Vorwürfe lückenlos aufzuklären und Konsequenzen zu ziehen“, so LRin Palfrader in einer ersten Stellungnahme. Bis zur Klärung der strafrechtlichen und disziplinärrechtlichen Verantwortung bleibt der betroffenen Pädagoge vorläufig suspendiert.

Von: apa

Kommentare

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20 Kommentare auf "Schwere Missbrauchsvorwürfe gegen Skigymnasium Stams"


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wouxune
wouxune
Grünschnabel
12 Tage 1 h

“Ich war weder Opfer noch Täter”. Entschuldigung obo sich is Maul zereissn!! Wos waren ban Militär odo in do Kirche unto Ministranten gewessn? Is a um Hirachie gong. Jo1970,1980,1990…. und wos isch nocher iatz…?? Find des so an Schmorrn

durchdacht
durchdacht
Grünschnabel
11 Tage 22 h

Ja und weil es weit verbreitet war ist es ok? Das nenn’ ich Logik!

wouxune
wouxune
Grünschnabel
11 Tage 21 h

@durchdacht Im Mittelalter gagbs Hexenverbrennungen…

bon jour
bon jour
Superredner
11 Tage 20 h

aha, weil der Pfarrer den Ministranten in die Hoden gegriffen hat, darf der Trainer die Sikfahrerin vergewaltigen ??? hallooooo

denkbar
denkbar
Kinig
11 Tage 8 h

@bon jour . Bravo bon jour! Einige führen vor, wie gerne man das wegredet und sind sich wohl nicht bewusst, dass diese Haltung dem Vorschub leistet und es so schwierig macht, diesem Problem bei zu kommen. Wie ist es sonst möglich, dass man nach den großen Skandalen die katholische Kirche betreffend, in anderen Strukturen munter weiter gemacht hat.

Staenkerer
11 Tage 3 h
@denkbar wenn i den bericht richtig glesn und verstonden honn hobn ältere eingsessene stamsschüler de neuankömmlige sexuell, oder/und moralisch traktiert, des hoaßt das gefeierte sportgrößen de vergangenen jahre, de in stams worn zu tätern wurden, de meisten worn ober (wohrscheinlich) erst opfer dann täter, wos de widerlichkeit nit abschwächt, und de taten nit entschuldigt, jedoch haten auch sie nur den status eines schülers und nit (so versteh hol i den bericht) als vorgesetzter! desholb siech i decht an kloan unterschied zu de priester, de außschließlich täter waren, ihrer unantastbaren macht bewußt waren und de macht, ohne je angst auf rache… Weiterlesen »
offnzirkus
offnzirkus
Tratscher
12 Tage 1 h

Schlimm! Frage mich nur dauernd: wenn dieser exsportler des gymnasiums alles mitbekommen hat, warum hat er nicht damals schon ausgepackt? Angst, gleichgültigkeit oder ähnliches?

Leonor
Leonor
Tratscher
11 Tage 20 h

offnzirkus

Willst du, dass er a Opfer wird durchs Mobbing plus Gewalt erfährt, wenn er damals glei ausgepackt hätte? Die Drohungen und extreme Einschüchterungstaktik sind imens.

Wenn du das selber erlebt hast dann würdest du glei verstehen. Aber, wenn jemand keine Erlebnis für sowas hatte da fragen sie dauernd bis zum Kopfzerbrechen..

maria zwei
maria zwei
Superredner
11 Tage 19 h

offincirkus…….weil man ihm zur damaligen Zeit nicht geglaubt hätte….

Staenkerer
11 Tage 17 h

do geats darum dazuazughearn oder verlochter, gemobbter außenseiter in an heim zu sein, oft weit weg von dahoam und domols, ohne handys sicher ohne möglichkeit ständig von dahoam trost zu finden!
allso hätte sich a der exsportler von bericht wärend der studiumzeit schwer in die nesseln gsetzt, und danoch hat er vielen es lebn schwar gemocht weil des thema no long taubisiert und untern tisch gekehrt wurde, im gegenteil, es hot noch den ersten aufdauchen von anschuldigungen gegen prister noch jahre gedauert bis sich die sympatie von den tätern abgekehrt und den opfern zuwante!

jack
jack
Tratscher
11 Tage 20 h

so wars früher beim Militärdienst.

bon jour
bon jour
Superredner
11 Tage 20 h

Blödsinn.

jack
jack
Tratscher
11 Tage 19 h

@bon jour
ja du hosch kuan gemocht also pssst
tat enk olle guet

wouxune
wouxune
Grünschnabel
11 Tage 15 h

@jack Genau!! so schaugs aus!

ex-Moechteg.Lhptm.
ex-Moechteg.Lhptm.
Superredner
11 Tage 23 h

entweder beweise aufn tisch oder Bappm hehbm

ivo815
ivo815
Kinig
11 Tage 22 h

Wo bleiben die kritischen Kommentare?

PuggaNagga
PuggaNagga
Superredner
11 Tage 8 h

Einsperren solche Leit!

harmlos
harmlos
Tratscher
12 Tage 1 h

Des konn man gor nimmer glabm wenn man des durchlest.Wia a follscher Film.

Staenkerer
11 Tage 2 h

i denk mir wos do epper so manchem opfer durch den kopf gongen isch, wenn er seinen peiniger als gefeierten, von den moderatoren hochgejubelten, spitzensportler in den medien prahlen gheart hot …. idole der jugend von generationen deren tiefdunkle seite nie aufkemmen isch, hoffent muaß jetz so mancher rede und ontwort stien!

herbstscheich
herbstscheich
Superredner
9 Tage 3 h

mal keine katholische Einrichtung- bin gespannt ob da das Medieninteresse auch anhält…

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