Viel Betrieb nimmt Topfahrern die Sicht auf die Rennlinie

Ski: FIS-Renndirektor plädiert für weniger Teilnehmer in Abfahrt

Mittwoch, 17. Januar 2018 | 17:05 Uhr

Die Reduzierung der Teilnehmerfelder auf 50 und die Installierung von professionellen Vorfahrern sind im Abfahrtssport laut dem Südtiroler Chef-Renndirektor Markus Waldner die wichtigsten Punkte auf der Agenda für den nächsten Kongress des Ski-Weltverbandes. Die Zirkulation auf der Piste sei eine Belastung, schließlich müsse man schauen, den Topfahrern Top-Bedingungen bieten zu können, sagte der Chef-Renndirektor der FIS.

Die Kritik vieler Rennfahrer nach dem ersten Abfahrtstraining in Kitzbühel wollten die für die Piste Verantwortlichen nicht so im Raum stehenlassen und luden deshalb am Mittwoch zu einem Informationsgespräch mit Athleten und Medienvertretern. Zuerst hätten alle die Pistenbedingungen gelobt und nach dem Training hätten die Kitzbühler eine “auf den Deckel” bekommen, sagte FIS-Renndirektor Hannes Trinkl. Rennleiter Axel Naglich wurde emotional und äußerte Mitgefühl für seinen Pistenchef Herbert Hauser.

Die erste Problematik sprachen gleich die geladenen Rennläufer Dominik Paris, zweifacher Streif-Sieger, und Romed Baumann an. Nämlich dass man bei der Besichtigung wegen des vielen Betriebs auf der Strecke oft Sprünge und Schläge nicht gut sehen könne. Das ist eine Schwierigkeit, mit der man sich aber nicht nur in Kitzbühel herumschlagen muss, wo 76 Läufer zum ersten Training angemeldet waren. In Gröden belief sich die Zahl sogar auf 96 – Österreich allein darf momentan 13 trainieren und 10 im Rennen antreten lassen.

Bei Waldner stießen die Athleten damit offenen Türen ein. “Die großen Starterfelder sind ein großes Problem geworden, vor allem auf Herrenseite. Die Topstars sehen bei Schlüsselpassagen nicht mehr die Rennlinie”, meinte der Südtiroler.

Er könne sich vorstellen, mit 50er-Starterfeldern zu agieren, mit einem dynamischen Qualifikationssystem während der Saison und beispielsweise auch die Top drei aus dem Europacup einzubeziehen (also 53er-Felder). “Das wäre eine Überlegung, die aber politisch nicht immer unterstützt ist. Meiner Meinung nach sollen aber im Weltcup die Besten dabei sein. Wir müssen Lösungen finden.” Es sei derzeit oft sehr schwierig, über die Trainingstage die Rennpiste gut rüberzuretten.

Erörtert wurde am Podium auch die Schwierigkeit der Präparierung einer Abfahrtsstrecke, vor allem auch auf dem Hahnenkamm, wo man wegen des Geländes teilweise mit schwerem Gerät arbeiten müsse. Der Wunsch der Läufer nach einer von oben bis unten gleichmäßigen Präparierung konnte heuer erfüllt werden, weil auf dem vorbereiteten harten und kompakten Grundstock der Regen das Seine tat und für eine durchgehend griffige Auflage sorgte. Nicht immer gelingt das, manche Strecken sind oben eisiger und unten weicher, bzw. gibt es eisige Flecken aufgrund von Nachbesserungsarbeiten, die Materialabstimmung ist dann sehr schwierig.

Die Präparierung heuer war demnach auch nicht das groß kritisierte Problem, sondern vor allem der hohe Luftstand bei den Sprüngen in Mausefalle und Alte Schneise aufgrund der unerwartet schnellen Schnees. Bei der Besichtigung hatten das Jury, Trainer und Läufer nicht so eingeschätzt. Zwar habe man österreichische Nachwuchsfahrer (Waldner: “Alibitests”) über die Piste geschickt, aber diese würden mit viel weniger km/h unterwegs sein als Weltklassefahrer.

“Die Profile der Sprünge haben gepasst, das Problem war der schnelle Schnee”, sagte Waldner. Der Satz “Bremsen erlaubt” fiel öfter dieser Tage in Kitzbühel als Reaktion auf wütende Fahrermeinungen. “Auf einer Abfahrt soll auch die Gelegenheit sein, Eigenverantwortung zu übernehmen. Wenn du siehst, dass es nicht machbar ist, voll durchzufahren, musst du rausnehmen”, sagte Paris.

Waldner dazu: “Hannes Reichelt beispielsweise ist der Meinung, dass es im modernen Abfahrtssport von Start bis zum Ziel immer Vollgas zum Fahren gehen muss. Steven Nyman denkt auch so.” Andere wie Paris würden indes der Meinung sein, dass smart fahren und dosieren dazugehören, um das Ganze attraktiv zu machen. “Wollen wir Autobahnen, die blattleben sind, oder dosieren und strategisch klug fahren müssen?”, stellte Waldner in den Raum.

Baumann würde sich einen professionellen Test eines Läufers am Tag vor dem ersten Training wünschen. “Mit guten Vorfahrern, die auf 80, 90 Prozent antesten. Dann sieht man, wohin die Reise geht.” Mit einem folgenden entsprechenden Feedback von den Trainern und Videostudium.

Waldner hat sich das Ganze schon einmal durchgerechnet und kam pro Saison auf je 100.000 Franken Kosten für Damen und Herren für professionelle Vorfahrer. “Es ist wieder einmal eine Geldfrage. Aber professionelle Vorläufer wären ein Superschritt in Richtung Sicherheit.”

Außerdem müsse man erst einmal zurückgetretene Topfahrer vom Kaliber eines Klaus Kröll oder Georg Streitberger finden, die die Lust haben, sich fit zu halten und bereit seien, Vollgas zu geben. Bei den Olympischen Spielen in Südkorea ist man auf der sicheren Seite, der Schweizer Didier Defago wurde verpflichtet.

Von: apa

Bezirk: Bozen