Whiting starb an einer Lungenembolie

Tod von Renndirektor Whiting als Schock vor Saisonauftakt

Donnerstag, 14. März 2019 | 20:25 Uhr

Wenige Stunden vor dem Saisonstart mit dem Großen Preis von Australien ist Formel-1-Renndirektor Charlie Whiting in Melbourne gestorben. Wie der Internationale Automobilverband FIA mitteilte, starb der 66-Jährige am Donnerstag an einer Lungenembolie. FIA-Präsident Jean Todd zeigte sich “zutiefst traurig” über den plötzlichen Tod Whitings, der seit 1997 Formel-1-Renndirektor war.

Der Brite sei eine “zentrale und unnachahmliche Figur in der Formel 1” gewesen, betonte Todd. Whiting habe “die Ethik und den Geist dieses fantastischen Sports verkörpert”, so der Franzose weiter. “Die Formel 1 hat mit Charlie einen treuen Freund und einen charismatischen Botschafter verloren”. Noch am Tag vor seinem Tod war Whiting in Australien im Fahrerlager gewesen und hatte die Vorbereitungen auf das Auftaktrennen überwacht.

Die Rennställe und Piloten zeigten sich in tiefer Trauer und würdigten die wichtige Rolle Whitings in der Königsklasse. Seit 1997 war er als Renndirektor für den organisatorischen Ablauf aller Grand Prix, die Sicherheit und die Klärung technischer Streitfragen verantwortlich. Formel-1-Sportchef Ross Brawn reagierte tief betroffen auf die Nachricht vom Tod seines Freundes: “Das ist nicht nur für mich ein großer Verlust, sondern für die ganze Formel-1-Familie, die FIA und den gesamten Motorsport.”

Ferrari-Pilot Sebastian Vettel berichtete, Whiting habe ihn noch am Mittwoch auf den ersten Metern seiner Streckenbesichtigung begleitet. “Man konnte ihn zu jeder Zeit alles fragen, seine Tür war immer offen”, sagte der Deutsche. Auch Weltmeister Lewis Hamilton lobte die großen Verdienste von Whiting. “Wir werden ihn vermissen”, sagte Renault-Fahrer Nico Hülkenberg.

Anstelle des verstorbenen Charlie Whiting wird in Melbourne Michael Masi als Renndirektor fungieren. Der Australier hat Erfahrung als Co-Renndirektor in der V8-Supercar-Serie und als Steward in der Formel 1 und der Formel E.

Whiting hatte seine Motorsport-Karriere wie so viele als Mechaniker begonnen. Gemeinsam mit seinem Bruder Nick arbeitete er von 1977 an in der Formel 1 beim Hesketh-Rennstall. Später wechselte er zu Bernie Ecclestones Brabham-Team und wurde dort Cheftechniker. 1988 trat er dann einen Job als Technischer Delegierter beim Weltverband an und machte sich einen Namen als penibler Regelwächter.

TV-Zuschauern wurde Whiting vor allem dadurch bekannt, dass er via Signalanlage den Start zu jedem Rennen vollzog. “Charlie hat eine Schlüsselrolle in diesem Sport gespielt, er war als Renndirektor für viele Jahre der Schiedsrichter und die Stimme der Vernunft”, sagte Red-Bull-Teamchef Christian Horner. Der Renault-Rennstall sah in Whiting “einen der Eckpfeiler und Anführer unseres Sports”, Williams nannte ihn “eine wahre Legende”.

Mercedes-Pilot Valtteri Bottas wollte die Nachricht zunächst nicht glauben. “Er hat so viel für den Sport getan, den wir lieben”, twitterte der Finne. Haas-Fahrer Romain Grosjean lobte: “Er hat den Fahrern immer zugehört und für unsere Sicherheit gesorgt.”

Der Hintergrund und die genauen Umstände des Todes von Whiting waren zunächst nicht bekannt. Als Lungenembolie bezeichnen Mediziner den Verschluss einer Lungenarterie. Die Ursache dafür ist meistens ein eingeschwemmtes Blutgerinnsel aus dem Bein- oder Beckenbereich. Eine Lungenembolie kann zu Atemnot und durch eine Überlastung der rechten Herzkammer zum Tod durch Herzversagen führen.

Offen blieb zunächst, wer als Nachfolger von Whiting den Grand Prix in Australien leitet. Sein Stellvertreter war zuletzt der Amerikaner Scot Elkins. Die WM-Saison beginnt am Sonntag in Melbourne. Dabei sind auch Neuerungen im Reglement geplant. So wird es für den Piloten mit der schnellsten Rennrunde einen Extra-Punkt geben.

Charlie Whitings langjähriger Weggefährte Bernie Ecclestone hat seinen verstorbenen britischen Landsmann am Donnerstag als “ganz, ganz, ganz großen Verlust für die Formel 1” gewürdigt. “Die Menschen reden über ihn als Renndirektor, aber das war nur ein kleiner Teil von dem, was er gemacht hat”, betonte Ecclestone. “Er war ein talentierter Mann, der es geliebt hat, das zu tun, was er wollte.”

Nach Ecclestones Einschätzung wird es eine besonders große Herausforderung, eine ähnlich starke Persönlichkeit als Whitings Nachfolger zu finden. “Ich denke, das Wort ist ‘unmöglich’, mehr oder weniger”, meinte der 88-Jährige. Whiting habe dermaßen viele Aufgaben in einer Person vereint. Ecclestone: “Wenn man dann drei oder vier verschiedene Personen hat, die das machen, wird es nicht funktionieren.”

Ecclestone hatte die Geschicke der Formel 1 mit Whiting als Regelchef für Jahrzehnte als Geschäftsführer gelenkt, ehe er im Zuge der Übernahme der Rennserie 2017 von den neuen US-amerikanischen Besitzern abgesetzt wurde. Mehrere Topteams hätten Whiting gerne als Teammanager verpflichtet, verriet Ecclestone. “Er hat aber gemeint, er kann viel mehr für alle tun, wenn er das tut, was er getan hat.”

Von: APA/dpa