Die erfolgreiche Sportlerin war auch ein politischer Mensch

Tschechiens siebenfache Olympiasiegerin Caslavska gestorben

Mittwoch, 31. August 2016 | 12:54 Uhr

Triumph und Tragödie lagen für die Kunstturnerin Vera Caslavska, die am Dienstag 74-jährig in Prag starb, immer dicht beisammen. Erst siegte sie dreimal bei den Olympischen Spielen in Tokio 1964, dann setzte sie ihre Erfolgsserie in Mexiko 1968 mit gleich vier Goldmedaillen fort. Die junge Tschechoslowakin gewann in den Disziplinen Pferdsprung, Stufenbarren, Boden und Achtkampf.

Die zierlich wirkende Schönheit, auch Turnkönigin genannt, wurde zusammen mit Jackie Kennedy zur Frau des Jahres 1968 gekürt. Und dann: Berufsverbot in ihrer Heimat, öffentliche Erniedrigungen, jahrzehntelanges Leben abseits der Scheinwerfer.

Was war geschehen? Als bei der Medaillenzeremonie in Mexiko-Stadt die sowjetische Hymne gespielt wurde, senkte Caslavska den Kopf hinab. Es war ein stiller Protest vor den Augen der Weltöffentlichkeit gegen den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei zwei Monate zuvor. Die Funktionäre in Moskau müssen getobt haben.

“Wir sind nach Mexiko mit der Bereitschaft gefahren, Blut und Wasser zu schwitzen, um die sportlichen Vertreter der Okkupanten zu schlagen”, sagte sie einmal über ihr Schicksalsjahr 1968. Caslavska hatte den Demokratieprozess in ihrer Heimat, der als Prager Frühling in die Geschichte einging, mit ganzem Herzen unterstützt. Sie unterschrieb das “Manifest der 2000 Worte” für eine Fortsetzung der Reformen. Das wurde ihr aus Sicht der neuen Prager Machthaber zum Verhängnis.

Die Rehabilitierung kam spät, erst nach der demokratischen Wende von 1989 und der Wahl des Schriftstellers Vaclav Havel zum Präsidenten. Dieser machte Caslavska für drei Jahre zu seiner Beraterin für Sport, Jugend, Schulen, Gesundheit und Soziales. “Auch wenn der Präsident im Leben keinen Purzelbaum gemacht hatte, so hatte er doch eine große Kondition und Ausdauer bei unzähligen Meetings”, sagte sie einmal humorvoll über Havel (1936-2011).

Im privaten Leben gab es einen schweren Schicksalsschlag: Caslavskas Sohn Martin schlug im Jahr 1993 im Streit auf seinen Vater ein, den Leichtathleten Josef Odlozil. Dieser erlag seinen Verletzungen. Wegen Körperverletzung mit Todesfolge wurde der Sohn zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, aber später begnadigt.

In den letzten Monaten ihres Lebens kämpfte Caslavska tapfer mit einer besonders tückischen Erkrankung, dem Bauchspeicheldrüsenkrebs. Bei einem ihrer letzten öffentlichen Auftritte sprach sie im Mai zum Turnernachwuchs in Decin. “Die Kinder muntern mich auf, es ist zauberhaft, ihnen beim Turnen zuzusehen”, sagte sie dem Sender “Nova”. Der Wunsch, zu den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro zu fahren, erfüllte sich für die Turnkönigin der 1960er-Jahre nicht mehr.

Mit ihren sieben Goldmedaillen war Caslavska die erfolgreichste Olympiateilnehmerin ihres Landes. “Sie war immer ein Vorbild für andere, ob als Sportlerin, aufgrund ihrer Zivilcourage oder wegen ihrer bewundernswerten Tapferkeit, auch im persönlichen Leben”, sagte der Vorsitzende des Tschechischen Olympischen Komitees, der Ex-Ruderer Jiri Kejval.

Die Dokumentarfilmerin Olga Sommerova, die über die Kunstturnerin den Film “Vera 68” gedreht hatte, sagte dem tschechischen Rundfunk: “Ich habe eine große Freundin verloren – Vera war eine der größten Tschechinnen in der Geschichte.”

Von: APA/dpa

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