Sergejewa reiste bereits aus Südkorea ab

Zweiter russischer Dopingfall perfekt – Druck auf IOC wächst

Samstag, 24. Februar 2018 | 11:13 Uhr

Der zweite russische Dopingfall während der Olympischen Winterspiele in Pyeongchang ist perfekt – und kommt für die stolze Sportnation zur Unzeit. Unmittelbar vor der Exekutivsitzung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), auf der über ein mögliches Ende des Russland-Banns debattiert werden sollte, sorgte die Ad-hoc-Kammer des Internationalen Sportgerichtshofes am Samstag für Klarheit.

Demnach hat Bobpilotin Nadeschda Sergejewa einen Dopingverstoß eingeräumt. In ihrer A-Probe war die verbotene Substanz Trimetazidin gefunden worden, auf die Öffnung der B-Probe verzichtete die 30-Jährige. Der zwölfte Platz von Sergejewa im Zweierbob wurde annulliert, sie muss ihre Akkreditierung zurückgeben und das olympische Dorf verlassen. Für den Zeitraum der Winterspiele ist sie suspendiert, anschließend wird der Fall zwischen dem Bob-Weltverband IBSF und der Athletin vor dem CAS weiterverhandelt.

Zuvor hatte der russische Curler Alexander Kruschelnizki seine Bronzemedaille aus dem Mixed-Wettbewerb zurückgeben müssen. Nach dem Doping-Skandal von Sotschi 2014 ist in Pyeongchang nur das Team Olympischer Athleten aus Russland unter neutraler Flagge am Start.

“Der Fall wird sorgfältig untersucht, Mitarbeiter der Welt-Anti-Doping-Agentur stehen in engem Kontakt mit unseren Medizinern”, sagte Sergej Schurkin, der Bob-Trainer der Russinnen, laut Nachrichtenagentur Tass. “Alle versuchen herauszubekommen, was zu der Regelverletzung geführt hat. Bei Nadeschda wurden hier zwei Dopingtests durchgeführt: Am 13. Februar war alles normal, aber am 18. wurde eine kleine Menge der verbotenen Substanz entdeckt. Es ist sehr seltsam, alle sind schockiert.”

Die Entscheidung darüber, ob die russischen Olympia-Athleten mit ihrer Fahne am Sonntag (12.00 Uhr MEZ) zur Schlussfeier der Winterspiele einlaufen dürfen, zieht sich hin. “Wahrscheinlich fällt die Entscheidung nicht heute”, sagte IOC-Sprecher Mark Adams am Samstag. Seit dem Nachmittag (Ortszeit) berät das IOC-Exekutivkomitee im Internationalen Sendezentrum in Pyeongchang über die Ergebnisse einer Kommission unter Vorsitz von Nicole Hoevertsz von den Niederländische Antillen.

Die Hoevertsz-Kommission untersucht während der Spiele, ob die russischen Athleten “die Buchstaben und den Geist” eines Verhaltenskodex befolgen, den das IOC ihnen im Zuge des Manipulationsskandals der Winterspiele 2014 in Sotschi auferlegt hat.

Am Sonntag um 01.00 Uhr MEZ (09.00 Uhr Ortszeit) tritt die IOC-Session zusammen. Grundsätzlich liegt die Entscheidung über die Aufhebung der Sanktionen gegen Russland bei der Exekutive, wahrscheinlich holt diese sich aber noch die Rückendeckung der Session. IOC-Präsident Thomas Bach hat seine Abschluss-Pressekonferenz am Sonntag von 4.00 auf 6.00 Uhr MEZ verschoben. Auch das ist ein Hinweis darauf, dass sich der Entscheidungsprozess hinzieht und unter den IOC-Mitgliedern viel Rede- und Abstimmungsbedarf besteht.

Doping-Kronzeuge Grigori Rodschenkow hat das IOC unterdessen davor gewarnt, die Sanktionen gegen Russland aufzuheben. “Es wäre die schlechteste Entscheidung”, sagte der in die USA geflüchtete Ex-Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors in einem Interview des englischen Senders BBC. “Das IOC sollte zeigen, wie beständig es im Kampf gegen Doping ist.” Russland nun wieder zu rehabilitieren, würde laut Rodschenkow die bisherigen Errungenschaften beschädigen und wäre eine Missachtung aller Kommissionen, Schlussfolgerungen und von WADA-Ermittler Richard McLaren.

Mit Blick auf den Anti-Doping-Kampf sieht Rodschenkow, der bei den Sotschi-Enthüllungen eine Schlüsselfigur war, das IOC und die Olympischen Spiele in einer großen Krise. “Wir brauchen Reformen. Es sind wichtige Dinge zu tun. Vor allem braucht es mehr Geld.” Eines der größten Probleme seien die Sportverbände. Er sei sich sicher, dass sie Dutzende von positiven Dopingfällen vertuschten oder nicht entdeckten. Die Dopingkontrollen sollten nicht mehr den Verbänden unterliegen, sondern absolut unabhängig sein.

Rodschenkow entschuldigte sich dafür, dass er während seiner Tätigkeit in Russland sein ganzes Wissen und seine ganze Erfahrung gegen alle sauberen Athleten dieser Welt verwendet habe.

Von: APA/dpa