10.515 Anrufe im Jahr 2014

Caritas Telefonseelsorge: “Es braucht eine neue Zuhörkultur”

Dienstag, 23. Juni 2015 | 10:12 Uhr

Bozen – 10.515 Anrufe, insgesamt 2.757 Gesprächsstunden und damit ein Anstieg von 6,5 Prozent in der zeitlichen Auslastung gegenüber dem Vorjahr: Das sind nur einige der Daten aus dem  Jahresbericht 2014 der Caritas Telefonseelsorge. Einsamkeit, Zukunftsängste und familiäre Probleme waren die Themen, die im vergangenen Jahr am häufigsten angesprochen wurden. Drei Viertel der Anrufenden waren zwischen 20 und 60 Jahre alt. Die Mehrzahl von ihnen hat sich mehr als einmal an die Telefonseelsorge gewandt. „Das, was Menschen in seelischen Belastungssituationen und Krisen hilft, ist, dass jemand zuhört und sie ernst nimmt“, berichtet Silvia Moser, die Leiterin der Caritas Telefonseelsorge von den Erfahrungen im vergangenen Jahr. Eine neue Zuhörkultur sei deshalb in sozialen und sanitären aber auch kirchlichen Diensten nötig. Der Trend, dass aufgrund der knapper werdenden finanziellen Mittel immer mehr Patienten und Hilfesuchende von immer weniger Fachpersonal betreut werden müssen, sei in diesem Zusammenhang fatal und führe zu Überlastungssituationen bis hin zum Burnout.

„Einmalanrufer waren – wie schon in den Jahren zuvor – mit einem Anteil von rund 10 Prozent vergleichsweise selten“, erläutert Silvia Moser, die Leiterin der Telefonseelsorge, die Zahlen im eben erschienenen Jahresbericht des Caritas-Dienstes. Vielmehr hätten im vergangenen Jahr gerade jene Personen die Aussprachemöglichkeit bei der Telefonseelsorge unter der Grünen Nummer 840 000 481 gesucht, die sich isoliert, einsam oder von der Gesellschaft unverstanden fühlten, die psychiatrisch erfahren waren oder die aus Schamgefühl die Anonymität der Telefonseelsorge einem direkten Gespräch mit Angehörigen, Bekannten oder Fachdiensten vorzogen.

So stellten laut Silvia Moser jene Menschen, die bereits in Kontakt mit der Psychiatrie und/oder Sozialdiensten waren, mehr als die Hälfte der Anrufenden in der Telefonseelsorge dar. Für viele von ihnen biete der Dienst der Telefonseelsorge eine Überbrückung zwischen den Terminen bei den Fachdiensten, sei oftmals eine schnell und unbürokratisch zu erreichende Anlaufstelle in Krisensituationen oder bei unmittelbar auftretenden Fragen und seelischen Nöten.

„Wir merken auch immer wieder, dass wir beruhigen, relativieren und auffangen müssen, was in der Arzt-Patient-Beziehung offensichtlich daneben gegangen ist oder missverständlich war“, erläutert Silvia Moser. Sie plädiert für eine „neue Zuhörkultur“, die auch von Fachdiensten, Psychiatern, Vertrauensärzten und ebenso von Priestern und in der Pastoral Tätigen gefordert sei. „Das, was Menschen in seelischen Belastungssituationen und Krisen hilft, sind zuallererst Erfahrungen von wirklichem Zuhören, von Ernstgenommen-Werden und das Angebot einer stabilen, mitfühlenden Beziehung“, ist Silvia Moser überzeugt. Es sei wichtig, dass diese Haltungen noch viel stärker gerade auch die sozialen und sanitären aber auch kirchlichen Dienste prägten. „Der Trend, dass immer weniger Professionelle immer mehr Hilfesuchende oder Patienten betreuen müssten, ist in diesem Zusammenhang fatal“, bemerkt die Leiterin der Telefonseelsorge. Und zudem bringe es die Mitarbeiter selbst in Überlastungssituationen bis hin zu Burnout, wie Rückmeldungen an die Telefonseelsorge ebenfalls belegen.

Weiters zeigt der Blick in die Jahresstatistik 2014, dass die Anrufe aus dem Burggrafenamt knapp die Hälfte aller Anrufenden des vergangenen Jahres ausmachten, gefolgt von Menschen aus dem Eisack- und Wipptal mit einem Anteil von 15 Prozent und aus dem Pustertal mit 12 Prozent. Und es waren auch im abgelaufenen Jahr die Menschen „mitten im Leben“, das heißt die Altersgruppen von 20 bis 39 Jahren bzw. 40 bis 59 Jahren, die gemeinsam drei Viertel der Anrufenden ausmachten.

Bei den Themen stand das Phänomen der Einsamkeit in den verschiedensten Facetten mit 53 Prozent an der Spitze, gefolgt von der Problematik der (Zukunfts-)Ängste, oft gepaart mit diffusen Aggressionsgefühlen (14,5 Prozent), und dem Bereich „Familie/Beziehung/Partnerschaft“ (13 Prozent), der im Vergleich zum Vorjahr um ein Drittel zugenommen hat.

„Die Themenpalette der Anrufenden ist so breit gefächert, wie die Sorgen und Nöte der Menschen in Südtirol“, erklärt Silvia Moser. Daher sind die gute Ausbildung und Begleitung der rund 75 freiwilligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die grundlegende Basis der Telefonseelsorge. Im Herbst dieses Jahres beginnt ein neuer Lehrgang für zukünftige Freiwillige in der Caritas Telefonseelsorge. Interessierte sind gebeten, sich so bald als möglich im Büro der Telefonseelsorge unter Tel. 0471 304 360 oder ts@caritas.bz.it zu melden.

Von: ©lu

Bezirk: Bozen