Geburtenstation auf der Kippe

Das Wipptal wehrt sich gegen die drohende Schließung

Mittwoch, 29. Juni 2016 | 08:37 Uhr

Sterzing – In Krankenhaus Sterzing muss die Geburtenabteilung noch in diesem Sommer zusperren.

Bis zum 29. Juli muss das Land in Rom eine nachhaltige Lösung für alle Geburtenstationen vorlegen. Wegen des allgemeinen Ärztemangels sei dies laut Landesregierung und Landesrätin Martha Stocker nicht möglich. Man müsse Prioritäten setzen.

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Doch auch wenn Sterzing in Sachen Personal besser dasteht als andere Krankenhäuser (es fehlen nur 7,75 Vollzeitäquivalente, in Schlanders sind es 9,35 und in Bruneck sogar 12,15), spielen auch die Entfernungen und die Geburtenzahlen eine Rolle.

Die Fahrtzeit vom oberen Vinschgau nach Meran ist laut Landesregierung doppelt so lang wie jene vom Wipptal nach Brixen. Außerdem seien von 357 Geburten in Schlanders nur fünf nicht aus dem Bezirk. In Sterzing kommen hingegen von 460 Geburten 220 von auswärts.

Doch Sterzing und das Wipptal wollen noch nicht aufgeben. Bürgermeister Fritz Karl Messner führt genau die Geburtenzahlen ins Feld, die nahe an die notwendigen 500 heranreichen. Auch sei der Personalstand besser als in den benachbarten Krankenhäusern.

Messner hegt den Verdacht, dass die Geburtenstation in Sterzing zerschlagen werden soll, um mit den Scherben die Geburtshilfe in Brixen zu kitten.

WAS BISHER BERICHTET WURDE (28.6.2016)

Es war befürchtet worden, nun scheint es sich zu verdichten: Die Geburtenstation am Sterzinger Krankenhaus muss höchstwahrscheinlich zusperren.

Die endgültige Entscheidung fällt Ende Juli, teilt die Landesregierung mit.

Die Diskussion über die Zukunft der Geburtenabteilungen an den Krankenhäusern in Bozen, Meran, Brixen, Bruneck, Schlanders und Sterzing fand vor dem Hintergrund der geltenden Sicherheits- und Qualitätsstandards, den europäischen Arbeitszeitvorgaben sowie der Einhaltung der Leistungsprofile und dem daraus erwachsenden Personalmangel statt.

„Das Land hat bis zum 29. Juli Zeit, um gegenüber Rom eine glaubwürdige Nachhaltigkeit für die Geburtenstationen zu erbringen“, erinnerte Gesundheitslandesrätin Martha Stocker. Daher habe die Landesregierung heute die Situation nochmals genauestens unter die Lupe genommen und alle Daten und Fakten analysiert.

Die Schließung sei laut Landesregierung nötig, weil aufgrund des Ärztemangels eine 24-Stunden-Abdeckung mit vier Fachkräften nicht möglich ist.

In Südtirol verrichten zu wenige Pädiater, Gynäkologen und Anästhesisten ihren Dienst.

Während es in Bozen und Meran diesbezüglich kein Problem gibt, fehlt in den Krankenhäusern von Schlanders, Sterzing, Brixen und Bruneck medizinisches Personal.

Um diesem Engpass entgegenwirken zu können, wird nun die Geburtenstation von Sterzing aller Voraussicht nach geschlossen. In Schlanders soll die Geburtenabteilung hingegen aufrechterhalten werden. Die Entfernung vom oberen Vinschgau bis ins Meraner Spital wäre nämlich zu groß.

Derzeit entsprechen nur die Geburtshilfen in Bozen und Meran den geforderten Bedingungen, wir haben aber ausgelotet, ob und wie wir den Qualitäts- und Nachhaltigkeitsnachweis auch für die anderen Stationen erbringen können“, so die Gesundheitslandesrätin. Dabei ginge es vorrangig um die Sicherheit für Mutter und  Kind und um die Qualität der Betreuung, nicht zuletzt aber auch das Personal und die Entfernung. Leider sei es jedoch sehr schwer, ärztliches Personal zu finden und systematisch mit Werkverträgen zu arbeiten entspricht nicht den Qualitäts- und Sicherheitsvorstellung der Landesregierung.

Verglichen wurden in der Analyse vor allem die Situationen in Schlanders und Sterzing: Die beiden Stationen erreichten im Jahr 2015 mit 357 beziehungsweise 460 Geburten (davon 153 Geburten aus dem Wipptal) das Limit von 500 Geburten im Jahr nicht. Aufgezeigt wurde die weiteste Entfernung, die Bewohner des Einzugsgebietes zurücklegen müssten, um das nächstgelegene Krankenhaus zu erreichen: Im Fall von Schlanders sind dies 83, im Wipptal 46 Kilometer.

„Wir haben in Sachen Geburtenabteilung noch keine Entscheidung getroffen, haben aber die verschiedenen Situationen analysiert“ sagte abschließend Landeshauptmann Arno Komaptscher, „wie bei der Festlegung der Leistungsprofile geht es um eine nachhaltige Lösung und um die grundsätzliche Frage, wie unsere Gesundheitsversorgung künftig aussehen soll.“

Heftige Kritik von Pöder

Als "unfähig, die Wünsche der Bürger umzusetzen" bezeichnet der Landtagsabgeordnete der BürgerUnion, Andreas Pöder, die Südtiroler Landesregierung angesichts des Vorhabens, die Geburtenstation im Krankenhaus Sterzing zu schließen.

"Während die Landesregierung die Gehälter der Sanitätsmanager Pflegedirektor und Verwaltungsdirektor um 40.000 Euro im Jahr erhöht und den Gehaltsüberschuss für die Primare bis Ende des Jahres gesichert hat, ist sie unfähig, die Geburtenstationen an den Krankenhäusern zu erhalten", so Pöder.

"Diese Landesregierung sollte aufhören, Halbzeitpressekonferenzen abzuhalten, sondern endlich einmal Politik für die Kleinen und nicht immer nur für die Großen machen", so der Abgeordnete.

Grüne: Aus für Sterzing bedeutet auch K.O. für Glaubwürdigkeit der Landesregierung

Die drohende Schließung der Geburtenstation Sterzing würde ein bestens funktionierendes, landesweit hoch geschätztes und zunehmend ausgelastetes Zentrum medizinischer Betreuung treffen, so die Grünen in einer ersten Stellungnahme: „280 Geburten im ersten Halbjahr 2016 sprechen eine deutliche Sprache und sind Ausdruck einer seit Jahrzehnten positiven Entwicklung, die nun offenbar radikal gekappt werden soll.“

„Mehr noch: Das Selbstbewusstsein und die Identität einer durch ihre Lage nicht verwöhnten, strukturell belasteten Region wie dem Wipptal hängen an der Geburtenstation Sterzing, deren Verlust von vielen Talbewohnern als persönlicher Schlag empfunden würde. Das Wipptal empfindet die Station auch als beruhigende Quelle eigener Vitalität, als wichtigen Beitrag der Talschaft zur Zukunft Südtirols.
Das Sicherheitsargument ist ebenso schwach wie die Kosten überschaubar, zudem würde die geforderte ärztliche Versorgung laut interner Auskunft rundum garantiert“, so die Grünen.

ASGB: Geburtenabteilung Sterzing Ade?

 Seit knapp zwei Jahren ist die voraussichtliche Schließung der Geburtenabteilungen Sterzing und Schlanders beherrschendes Thema. Hoffnungsmache und Schließungsdrohungen haben sich monatlich abgewechselt. Der Landesrätin für Sanität Martha Stocker fehlt laut dem Autonomen Südtiroler Gewerkschaftsbund (ASGB) der Wille zur Aufrechterhaltung der Geburtenstation Sterzing.

 „Das Krankenhaus Sterzing erfüllt die allerbesten Voraussetzung zur Weiterführung der Geburtenstation. Mit knapp 500 Geburten jährlich sind die Vorgaben der Staat-Regionen-Konferenz beinahe erfüllt, auch die sogenannten Sicherheitsstandards (24 Stunden aktiver Dienst) könnten mit dem entsprechenden Personal eingehalten werden. Vorgaben die im übrigen nicht bindender sondern nur beratender Natur sind. Zudem ist mit einem Landesgesetz von 2010 die Mindestanzahl an Geburten bereits geregelt – mindestens 300 Geburten jährlich. Dieses Landesgesetz wurde im übrigen von Rom niemals angefochten“, schreibt der Vorsitzende des ASGB Tony Tschenett.

„Wenn man von effektiv ca. 110 Kliniken italienweit ausgeht, die weit weniger als 500 Geburten aufweisen und die Sicherheitsstandards nicht einhalten – fast alle haben noch offen – dann müsste Sterzing eine der letzten von der Schließung betroffenen Kliniken sein. Zumal Sterzing es als einziges Krankenhaus geschafft hat, das Personal (Hebammen, Gynäkologen, Pädiater)  beizubehalten bzw. auszubauen. Die Ausrede der Sanitätslandesrätin, dass der Fachkräftemangel Schuld an einer möglichen Schließung wäre, verwundert nicht. Wer würde sich bei einem Krankenhaus, dessen mögliche Schließung der Geburtsabteilung monatlich diskutiert wird, gerne bewerben?“, wundert sich Tschenett.

„Ein Blick nach Trient genügt. Mit dem Willen die Geburtenstationen aufrechtzuerhalten haben sie es geschafft, die Krankenhäuser Cles und Cavalese zu retten. Krankenhäuser die bei weitem nicht die Voraussetzungen von Sterzing erfüllen. In diesem Zusammenhang kommt man nicht umhin, der zuständigen Landesrätin eine gewisse Lethargie bei der Behandlung dieses Themas zu unterstellen, denn das Zuweisen der Schuld auf das Arbeitszeitgesetz ist irrational, vor allem vor dem Hintergrund dass dieses Gesetz bereits seit 2003 gilt und die Trentiner über das definitive Schicksal der Krankenhäuser bereits seit letzter Woche Bescheid wissen. Widersprüchlich ist auch die sich immer wiederholende Aussage, die Bestimmung zur möglichen Schließung der Geburtenabteilungen käme aus Rom. Dabei erklärt Frau Stockers Parteifreund, Senator  Karl Zeller, immer wieder, dass die Autonome Provinz Bozen-Südtirol über Sachen die sie selbst finanziert auch selbst bestimmen kann. Der ASGB wird sich jedenfalls nächsten Donnerstag, den 7. Juli mit dem Personal treffen und alles in seiner Macht mögliche unternehmen die drohende Schließung zu verhindern“, schließt Tschenett.

FH: "Hände weg vom Sterzinger Krankenhaus"

Der Freiheitliche Fraktionssprecher im Südtiroler Landtag, Pius Leitner, protestiert gegen die angekündigte Schließung der Geburtenstation am Krankenhaus von Sterzing. "

Mit fadenscheinigen Ausreden versuche die SVPD-Landesregierung den ländlichen Raum und die gesundheitliche Nahversorgung im Wipptal auszuhöhlen. Die SVP macht mit der geplanten Schließung der Geburtenabteilung am Krankenhaus vom Sterzing dem PD einen Gefälligkeitsdienst“, kritisiert in harten Worten Leitner die Pläne der Landesregierung. „Auf Kosten der deutschen Sprachgruppe im Land werden unverzichtbare und existentielle Dienste vor Ort abgebaut, während sich in Bozen der Krankenhausapparat weiter aufbläht und der PD davon profitieren kann.“

Der angeführte Ärztemangel als Grund für die Schließung der Geburtenstation von Sterzing sei eine fadenscheinige Aussage. „Seit etlichen Jahren wird ein Tauziehen zum Erhalt der peripheren Krankenhäuser vorgetäuscht, obwohl die Pläne längst schon fertig geschmiedet sind. Scheibchenweise werden die negativen Folgen der Gesundheitsreform der Bevölkerung Südtirols präsentiert. Die Geburtenstation am Krankenhaus von Innichen wurde bereits geschlossen und nun soll Sterzing folgen“, bemängelt der Freiheitliche Landtagsabgeordnete Pius Leitner.

„Die Gesundheitsreform in Südtirol lässt sich wie folgt zusammenfassen: der ländliche Raum wird geschwächt, der deutschen Sprachgruppe werden die Infrastrukturen entzogen und dem PD werden sämtliche Gefälligkeiten auf dem roten Teppich von der SVP präsentiert“, betont Leitner.

STF: "Schließung der Geburtenstation in Sterzing: SVP hinterlässt verbrannte Erde"

Die Landtagsabgeordneten der Süd-Tiroler Freiheit, Sven Knoll, Bernhard Zimmerhofer und Myriam Atz Tammerle, zeigen sich im Zuge der möglichen Schließung der Geburtenstation im Krankenhaus Sterzing „schwer enttäuscht“ von der Süd-Tiroler Landesregierung.

„Was da gerade vonstatten geht, ist ein unverantwortlicher Rückbau des Gesundheitswesens und politischer Kniefall vor Rom. Einmal mehr wird damit deutlich gemacht, dass Süd-Tirol in völliger Abhängigkeit steht und nicht einmal mehr über die eigenen Krankenhäuser bestimmen kann“, so die Abgeordneten.

Weiters schreiben sie: "Die SVP hinterlässt verbrannte Erde, denn die voraussichtliche Schließung der Sterzinger Geburtenstation ist ein großer Rückschritt für das Wipptal und die dortige Bevölkerung. Die schrittweise endgültige Schließung des gesamten Krankenhauses sei damit vorprogrammiert, und bei den anderen Bezirkskrankenhäusern sei diese nur noch eine Frage der Zeit."

 Knoll, Zimmerhofer und Atz Tammerle sprechen den betroffenen Mitarbeitern des Krankenhauses Sterzing die volle Solidarität und Unterstützung aus. Gleichzeitig wiederholen sie ihre Forderung an die Landesregierung, gezielt im deutschen Sprachraum Fachkräfte anzuwerben, „um dadurch den Fortbestand der Geburtenstation in Sterzing und in den anderen Bezirkskrankenhäusern sicherzustellen“.

Die Abgeordneten legen abschließend Wert auf folgende Feststellung:„Der italienische Staat zahlt keinen Cent für das Süd-Tiroler Gesundheitswesen und hat sich daher auch nicht in die Süd-Tiroler Krankenhäuser einzumischen.

Von: ©luk

Bezirk: Bozen