Fettnäpfchen und Faustregeln

Die Geheimnisse des Protokolls

Donnerstag, 24. September 2015 | 18:20 Uhr

Bozen – Im Landtag wurde heute eine Fachtagung zum Zeremoniell mit erfahrenen Protokollchefs aus Italien, Österreich und Südtirol abgehalten. Die Rangordnung von Gästen und Fahnen, die Formen für Gruß und Rede, die Fettnäpfchen und die Faustregeln waren Thema.

"Die vielen Anfragen verschiedener Körperschaften und Verbände, die im Landtag und bei der Landesregierung zum Thema Protokoll/Zeremoniell immer wieder eingehen, lassen darauf schließen, dass es immer wieder große Unsicherheiten gibt, wenn es darum geht, bei besonderen Anlässen eine Rangordnung für die Redner bzw. eine Sitzplatzordnung bei Konferenzen oder auch Festessen zu erstellen", stellte Landtagspräsident Thomas Widmann eingangs fest. Dies sei auch der Grund für diese Tagung, zu dem heute viele Teilnehmer auch aus den Nachbarregionen sowie aus Aosta und dem Veneto gekommen sind. Als Schnittstelle zweier Sprachräume werde Südtirol bei der Begrüßung hoher Gäste auch mit den protokollarischen Regeln in anderen Ländern konfrontiert. Widmann dankte den namhaften Referenten für ihr Kommen, aber auch dem erfahrenen Protokollchef des Landtags, Karl Wolf, für die Organisation der Tagung.

Leonardo Gambo, Vorsitzender der ANCEP (Ass. Nazionale Cerimonialisti Enti Pubblici – Gesamtstaatliche Vereinigung der Protokollchefs der öffentlichen Körperschaften), wies darauf hin, dass das Protokollwesen nun ein anerkannter Beruf sei. Die Vereinigung biete Fortbildung, Beratung und Orientierungshilfen.

Massimo Sgrelli, Dozent und Berater für Protokollangelegenheiten und institutionelle Beziehungen, von 1992 bis 2008 Chef des staatlichen Protokolldienstes beim italienischen Ministerratspräsidium, bezeichnete diese Tagung als besonders wichtig in einer Zeit, in der die Regeln des Protokolls zunehmend in den Hintergrund gerieten. Teilweise werde, wie durch die EU, von der Verwendung gewisser Höflichkeitsformen – wie eine Einladung auf Papier – direkt abgeraten. Auch bei anderen, öffentlichen wie privaten Anlässen, gerieten Höflichkeitsregeln zunehmend in Vergessenheit. Manche Amtsträger verzichteten bewusst darauf, um demokratischer und volksnäher zu erscheinen. Umso wichtiger sei es, an diesen Regeln festzuhalten, sowohl um diplomatische Verstimmungen zu vermeiden als auch am Hauptziel, der Höflichkeit zwischen Menschen und Institutionen, festzuhalten. Es sei das richtige Maß an Zeremoniell zu finden, man müsse abwägen, wie weit man sich von den Regeln entfernen könne, um auf besondere Gegebenheiten einzugehen. Obama zum Beispiel habe einen besonders hohen Gast, den Papst, am Flughafen abgeholt, was sonst unüblich sei. Ebenso müsse man auf das Zeremoniell anderer Kulturen eingehen, der drei protokollarischen Makroregionen: Westen, Osten und islamische Welt. Die Regeln des Gastlandes hätten Vorrang, andererseits dürfe man einem Gast nicht etwas aufzwingen, was ihm durch seine Regeln verboten sei: Einem muslimischen Gast biete man keinen Speck an. Zu einem diplomatischen Zwischenfall sei es gekommen, als der iranische Präsident Katami verlangte, dass beim Staatsempfang in Frankreich keine Weinflaschen auf den Tischen stehen dürften – die Franzosen sagten den Empfang ab. Das Problem habe sich auch bei einem Empfang durch Ministerpräsident Prodi gestellt, wo er, Sgrelli, den Wein von der Karte gestrichen habe – Fisch mit Orangensaft sei furchtbar, aber die diplomatischen Beziehungen mit dem Iran, zumal mit dem sekuläreren Katami, hätten Vorrang. Es sei auch zu beachten, dass Muslime in der Öffentlichkeit nicht einer Frau die Hand schütteln dürfen. Sgrelli riet dazu, zu warten, bis der Gast die Hand biete. Im westlichen Protokoll gebe es zwischen Mann und Frau keinen Unterschied.
Eine alte und weltweit gültige Regel sei die der rechten Seite. Der Platz zur Rechten – von den Betroffenen, nicht vom Betrachter aus gesehen – sei der Ehrenplatz und stehe dem Gast zu. In zwei Fotos aus dem Kreml sehe man Putin einmal mit Obama und einmal mit Fiat-Chef Marchionne zu seiner Rechten. Letzteres sei nicht nötig, sondern eine besondere Höflichkeit gewesen. Die rechte Seite stehe Gleich- oder Höherrangigen zu. Die Reihenfolge der Gäste erfolge nicht nach Bewertung ihrer Wichtigkeit (z.B. USA vor Schweiz), sondern nach neutralen Regeln, z.B. Dienstalter, Alphabet usw. In einer parlamentarischen Republik rangiere ein Parlamentspräsident vor dem Regierungschef – das Protokoll widerspiegle somit die Verfassung des jeweiligen Landes. Bei der Reihenfolge von Gleichrangigen, z.B. Landtagsabgeordneten ohne zusätzliche Funktion, riet Sgrelli zum Kriterium des Alters. Bei Bürgermeistern sollte man alphabetisch nach dem Namen der Gemeinde reihen. Bei der Reihung von Ländern gelte in Europa manchmal die Schreibweise des jeweiligen Landes (Suomi statt Finnland), manchmal nicht.
Bei Hoheitssymbolen wie Fahnen gelte ebenfalls der Vorrang für Rechts, ebenso bei Gruppenfotos von Staats- oder Regierungschefs. In Deutschland stehe der deutschen Flagge per Gesetz der Platz in der Mitte zu, in Italien hänge dort die Fahne von gemeinsamer Bedeutung, z.B. die EU-Flagge. Beim Empfang von Personen ohne öffentliches Amt, etwa aus der Wirtschaft, müsse man ebenfalls ein objektives Kriterium finden: Wenn der Präsident etwa die Chefredakteure von "Dolomiten" und "Tageszeitung" einlade, dann sei etwa die Auflage ein Kriterium.
Bei Hoheitssymbolen sei besonders aufzupassen, da deren Missachtung auch strafbar sei. Die staatlichen Symbole sind: Die Fahne, die Hymne und das Staatsoberhaupt. Nur der Staatspräsident habe ein Recht auf die Fahne, wenn er irgendwo empfangen werde, denn nur er vertrete das ganze Land. An öffentlichen Gebäuden dürfte an dem für die Fahnen vorgesehenen Platz nur offizielle Fahnen ausgehängt werden, keine Friedens-, Partei- oder sonstige Fahne.
Sgrelli brachte in seinen Ausführungen eine Reihe von praktischen Beispielen und ging auch auf die Anreden bei öffentlichen Anlässen und im Schriftverkehr ein. So stehe dem Bischof eine "Exzellenz" zu, während es, wenigstens im Italienischen, offiziell keine "Ministra" gebe.
Anschließend antwortete Sgrelli auf die vielen Fachfragen aus dem Publikum, unter dem auch zahlreiche Protokollchefs verschiedener Verwaltungen saßen.

Karl Urschitz, Protokollchef der Steiermark von 1992 bis 2003, ging in seinen Ausführungen auch auf die Begründung für das Zeremoniell ein. Bei der Etikette im privaten und beim Protokoll im öffentlichen Bereich gehe es um gute Umgangsformen, zwischen Menschen bzw. zwischen Institutionen. Ein amerikanischer Präsident des frühen 19. Jahrhunderts habe, genervt vom französischen Hofprotokoll, das er als Botschafter einmal einhalten musste, habe in den USA das Protokoll abgeschafft. Da sich dann aber bald das Recht des Stärkeren durchgesetzt habe, habe er es wieder eingeführt. Urschitz nannte auch Beispiele übertriebenen Protokolls, zum Beispiel den Besuch des nepalesischen Königspaars in der Steiermark, bei dem die Königin wegen des  engen Kleides allein nicht auf die Kutsche kam und niemand ihr helfen konnte, weil sie als unberührbar gilt. Ein Schubs durch eine steirische Politikerin habe aus der protokollarischen Patsche geholfen.
"Höflich" komme von "höfisch", erklärte Urschitz, der Hof habe sich durch bestimmte Verhaltensregeln vom Volk abgrenzen wollen. Die Etikette kommt von den "etiquettes" am französischen Hof, kleine Zettel mit den wichtigsten Regeln zum richtigen Verhalten am Hof. Die Etikette könne sich ändern, das Protokoll sei schriftlich festgelegt. Viele Regeln des Wiener Hofprotokolls wirkten heute noch.
Mittelpunkt des Protokolls sei der Rang. Gleichzeitig seien die Rangfolgen etwas vom Schwierigsten im Protokoll, wenn es ins Detail gehe. "Bei jeder Rangfolge ist irgendjemand sicher beleidigt, aber das muss man in Kauf nehmen." In Österreich komme nach dem Bundespräsidenten der Kardinal, dann der Bundeskanzler, der Präsident des Nationalrats, die Minister usw. Auf Landesebene komme nach dem Landeshauptmann, der Landtagspräsident, der Diözesanbischof, der Landeshauptmannstellvertreter, dann die Landesräte usw. Es gebe auch Regeln für die Reihung von Gleichrangigen, z.B. würden die Minister in Österreich nach Anciennität gereiht, in Italien nach Alter des Ministeriums. Unterschiedliche Regeln gebe es je nach Land und Situation für die Vertreter eines Amtsinhabers, die manchmal unter dessen Gleichrangigen eingereiht werden, manchmal nach dem eigenen Rang.
In Österreich würden die Staaten nach dem Alphabet gereiht, und zwar in deren eigener Schreibweise, Staatenverbindungen wie EU und UNO kämen nach den Staaten. Zur Reihung der EU-Amtsträger gebe es in den europäischen Staaten unterschiedliche Regeln.
Eine wichtige Grundlage des Protokolls ist die Heraldik, daher gilt auch in der Anordnung von Staatsgästen oder Flaggen die Links-Rechts-Regel der Wappenkunde: rechts ist dort, wo für den Betrachter links ist. Die wichtigste Flagge bekommt den besten Platz, was je nach Anzahl auch die Mitte sein kann.
Urschitz warnte vor einem Begrüßungsterror. Die höchsten Amtsträger begrüße man einzeln, die anderen in Gruppen. Der beste Tisch sei jener, von dem aus man den schönsten Blick habe. Gerade hier seien Verstimmungen oft vorprogrammiert, wenn der Höherrangige den schlechteren Platz als sein Untergebener einnehmen müsse. Bei Banketten hänge die Sitzordnung auch von der Tischform ab oder auf davon, ob der Gastgeber neben den Ehrengästen sitzen wolle. Urschitz ging schließlich noch auf die Reihenfolge von Reden und Unterschriften ein.
Umgangsformen würden sich laufend ändern, Protokollregeln manchmal. Manchmal müsse man auf besondere Umstände eingehen, und gerade da sei es wichtig, die ursprünglichen Regeln genau zu kennen.

Myriam Atz Tammerle fragte in der anschließenden Diskussion, welche Regeln zur Anwendung kämen, wenn bei einer Veranstaltung österreichische und italienische Vertreter dabei seien. Grundsätzlich gelte das Protokoll des Gastgebers, antwortete Urschitz, aber man dürfe den Gast nicht zu etwas zwingen, was ihm laut eigenen Regeln verboten sei. Dabei sei auch die interne Rangordnung der Gäste nach deren Regeln zu beachten, fügte Sgrelli hinzu.
Auf die Frage von Präsident Widmann, wie man bei regionalen Anlässen mit hohen Gästen von außen die Rangfolge einhält, antwortete Urschitz, dass da Spielraum gegeben sei, da bei lokalen Anlässen kaum jemand vom staatlichen Protokollamt dabei sei. Die Rangordnung der Gäste sei jedoch ebenso zu beachten wie die eigene.
Was man mit jenen mache, die sich nicht ans Protokoll hielten, wollte Brigitte Foppa wissen. Urschitz riet zu einer pragmatischen Lösung, z.B. einen Extra-Stuhl, ansonsten müsse man abwägen, was für die Veranstaltung wichtiger sei.
Urschitz und Sgrelli gaben schließlich noch Antwort zu verschiedensten Anwendungsfällen, etwa die Einstufung von Ehrenbürgern oder Vertretern aus Sport oder Wirtschaft oder die Reihenfolge der Redner bei Eröffnungen.

Klaus Luther, Leiter der Abteilung Präsidium und Außenbeziehungen und Protokollchef des Landes, berichtete von den protokollarischen Aspekten beim Treffen zwischen Faymann und Renzi im Juli 2014 auf Schloss Prösels. Es sei kein normales bilaterales Treffen gewesen, weil es in einem Gebiet stattgefunden habe, zu dem die beiden Staaten ein Abkommen geschlossen hätten. Es sei also gleichzeitig eine Botschaft gewesen, und da habe man bei der Organisation auch berücksichtigen müssen. Die Vorbereitungsarbeiten hätten schon im Vorjahr begonnen, Kontaktaufnahme mit den Protokolldiensten der Gäste, Wahl des Orts, auch nach logistischen und sicherheitstechnischen Aspekten, Kontaktaufnahme mit den Sicherheitsorganen und dem Konsulat in Mailand. Natürlich war da auch mit den anderen Protokolldiensten zusammenzuarbeiten. Auch hier seien Fragen zu Verwendung und Stellung von Fahnen aufgetaucht, aber es sei gelungen, klarzustellen, dass Südtirol nicht mit der Provinz Benevento vergleichbar sei. Ministerpräsident Renzi sei angetreten, um neuen Schwung in die Politik zu bringen, und das habe sich dann auch aufs Protokoll ausgewirkt. Es sei nicht einfach gewesen, ihn von den Bedürfnissen des lokalen Protokolls zu überzeugen, aber es sei gelungen. LH Kompatscher habe Renzi nicht am Flughafen abgeholt, was auch nicht gewünscht worden war, sondern habe ihm vor dem Schloss erwartet. Eine wichtige Frage des Protokolls sei auch, wie nahe die Medien an die Protagonisten herangelassen werden. Bei einer solchen Veranstaltung seien viele Unwägbarkeiten einzukalkulieren, etwa eine Straffung des Programms, als bekannt wurde, die die beiden Außenminister doch nicht kommen, oder Ersatzeinladungen für Absagen. Luther ging dann auch auf organisatorische Details ein wie Tischanordnung, Gastgeschenke, Gerätschaften usw. Um Zwischenfälle zu vermeiden, werde öfters alles überprüft und durchgespielt. Wenn etwas schief gehe, konzentriere sich ein Protokollchef, wenn es nicht anders gehe, nur auf die Ehrengäste. Luther wies schließlich auch darauf hin, dass man bei dem Treffen auch die Fahne der Europaregion sichtbar machen konnte.

Landtagspräsident Widmann dankte zum Anschluss den Teilnehmerinnen und Teilnehmern und vor allem den Referenten. Die Veranstaltung habe seine Erwartungen eindeutig übertroffen. Er teilte auch mit, dass man ein eigenes Handbuch zum Zeremoniell andenke, das man dann allen zur Verfügung stellen wolle.

Von: lt

Bezirk: Bozen