Nicht mehr Personal - dafür kürzere Arbeitszeit

Kindergarten: Wochenende beginnt ab Herbst früher

Montag, 27. Juni 2016 | 12:00 Uhr

Bozen – Die Kindergärtnerinnen im Land sollen entlastet werden. Seit Wochen sind sie immer wieder in den Schlagzeilen, auch weil sie vor dem Landtag aufmarschiert sind, um auf ihr hohes Arbeitspensum hinzuweisen.

Nun geht Bildungslandesrat Philipp Achammer auf ihre Wünsche ein: Die Arbeitszeit der Kindergärtnerinnen wird reduziert. Sie sollen nur mehr 33 Wochenstunden mit den Kindern arbeiten und die jährlichen Vorbereitungsstunden werden von 210 auf 180 gekürzt.

Eigentlich hatten die Kindergärtnerinnen mehr Personal gefordert, was das Land jedoch ablehnt. Als Zeichen der Arbeitsentlastung wird stattdessen die Arbeitszeit gekürzt: Ab Herbst wird in vielen Kindergärten schon am Freitagmittag das Wochenende beginnen.

Ausgenommen von dieser Regelung sind Kindergärten mit verlängerten Unterweisungszeiten.

Vorunterzeichnet ist der Übergangsvertrag für das Kindergartenpersonal bereits, am morgigen Dienstag wird er der Landesregierung vorgelegt, berichtet das Tagblatt Dolomiten.

„Wir möchten für die deutschen Kindergärten nicht, dass diese eine eingesparte Stunde vom Personal alternierend erbracht werden muss, also dass in dieser Zeit nur eine Fachkraft anwesend ist“, betont Landesrat Achammer.

Diese Sorge hege nämlich das Personal, „und dass das nicht passieren wird, haben wir ihnen versprochen“, so Achammer. Deshalb werden die deutschen Kindergärten ab Herbst am Freitag eine Stunde früher schließen, also bereits zwischen 12.30 und 13.00 Uhr – „in der Regel“, betont der Landesrat. Denn in der Regel seien gerade am Freitagnachmittag nur mehr sehr wenig Kinder im Kindergarten.

Wo eine frühere Schließung nicht möglich ist, werde man „eine Lösung mit Augenmaß“, finden. Das könne bedeuten, dass – wo möglich – Sektionen am Freitag Nachmittag zusammengelegt werden oder auch, dass das Personal, das sich bereit erklärt, diese Stunde zu erbringen, diese als Überstunde bezahlt bekommt. Achammer betont zugleich, dass Kindergärten mit verlängerten Unterweisungszeiten nicht betroffen seien.

„Südtiroler Familien werden im Regen stehen gelassen“

 Der Freiheitliche Landesparteiobmann und Landtagsabgeordnete Walter Blaas kritisiert die Kürzung von Kindergartenzeiten.

„Während die Geschäftsöffnungszeiten ausgeweitet wurden, die Arbeitszeiten sich verlängert haben und die Anforderungen gestiegen sind, kürzt die SVP-Landesregierung die Kinderbetreuungszeiten“, kritisiert der Freiheitliche Landtagsabgeordnete.

„Die SVP und insbesondere Landesrat Achammer wälzen ihre Pleitepolitik an Südtirols Familien ab. Der zuständige Landesrat soll den berufstätigen Eltern erklären, wie sie Familie und Beruf noch unter einem Hut bringen sollen, wenn die entsprechenden Angebote abgebaut werden. Selbst in südlicheren Regionen ist die Kinderbetreuung ganztägig gewährleistet“, so Blaas in einer Aussendung abschließend.

Pöder: "Kamillentee fürs Kindergartenpersonal"

Als "unanständig und weiter unter den Forderungen und Möglichkeiten" bezeichnet der Landtagsabgeordnete der BürgerUnion, Andreas Pöder, die Zugeständnisse der Landesregierung für das Kindergartenpersonal.

"Die von Landesrat Achammer geplante letztlich vorwiegend theoretische kleine Arbeitszeitverkürzung ohne nennenswerte Personalaufstockung und Verbesserung der Arbeitsverhältnisse für das Kindergartenpersonal ist nur eine Scheinlösung", so Pöder. "Wie soll bei gleichbleibender Kindergartenzahl und ohne nennenswerte Personalaufstockung die wirkliche Arbeitsstundenzahl reduziert werden", fragt sich der Abgeordnete.

"Die Fülle der Arbeit außerhalb der reinen Betreuung der Kinder und der Arbeit mit den Kindern umfasst 13 verschiedene Tätigkeiten für Kindergärtnerinnen und Mitarbeiterinnen, für welche die reine Arbeitszeit nicht ausreicht und auch künftig, ohne zusätzliches Personal, nicht ausreichen wird."

Für Pöder sind die Vorschläge der Landesregierung "Kamillentee für das Kindergartenpersonal, um die Mitarbeiterinnen ruhig zu stellen, in der Hoffnung, dass sich der Protest über die Sommermonate legt. Dabei stellt sich die Frage, ob Achammer glaubt, dass die Leute dumm sind."

Auch das Ungleichgewicht zwischen deutschen und italienischen Kindergärten könne nicht ohne zusätzliches Personal behoben werden. "Derzeit betreut eine Kindergartenmitarbeiterin an einem deutschen Kindergarten theoretisch zehn Kinder, in der Praxis sind es teilweise auch zwölf bis 15 Kinder. An italienischen Kindergärten ist die Situation wesentlich besser, dort kommen auf eine Mitarbeiterin zwischen acht und neun Kinder", so Pöder.

Von: ©luk

Bezirk: Bozen