Offener Brief an die Landesregierung und den Landtag

Protest gegen Eilverfahren beim Bibiliothekenzentrum

Donnerstag, 25. Juni 2015 | 16:57 Uhr

Bozen – Architekten, aber auch Künstler, Professoren und Jurymitglieder aus dem In- und Ausland haben in Zusammenhang mit dem neuen Bibliothekenzentrum in Bozen einen offenen Brief an die Landesregierung und an den Landtag verfasst. In den Jahren 2004 bis 2006 wurde für das Südtiroler Bibliothekenzentrum ein internationaler Wettbewerb mit dem finanziellen und intellektuellen Einsatz von 200 Architektenteams aus ganz Europa ausgeschrieben. Als Sieger ging das Planungsteam unter der Leitung von Arch. Mayr Fingerle aus Bozen hervor. Nach vielen Jahren Planungsarbeit, politischer Auseinandersetzung und der 2014 erfolgten Finanzierungszusage durch die neue Landesregierung löst die Landesverwaltung jetzt mitten in der Ausführungsplanung den Auftrag auf.

Durch einen neuen Planungs- und Firmenwettbewerb („appalto integrato“) solle angeblich die Umsetzung „schneller und billiger“ erfolgen, heißt es in dem Brief – für die Unterzeichner eine Hypothese mit zahlreichen Risikofaktoren. „Im Klartext heißt das, die Firmen müssen neue Planungsteams zusammenstellen, sich das erforderliche Know-how aneignen und erhebliche Investitionen tätigen, um überhaupt teilnehmen zu können.“

Volkswirtschaftlich sei das Unterfangen, das wahrscheinlich nur sehr großen Unternehmen, die europaweit agieren, eine Chance bieten wird, sehr fragwürdig, heißt es weiter. Das Bibliothekszentrum, ein Kulturbau von landesweiter Bedeutung, seit Jahren in Planung und Entwicklung, soll nun mit einem Firmenwettbewerb unter Missachtung der bisher geleisteten Arbeit im Eilverfahren erledigt werden? Die kulturelle Relevanz und der damit verbundene Qualitätsanspruch des Bibliothekenzentrums als Knotenpunkt, als Schnittstelle für zeitgenössisches Denken und soziales Miteinander, disziplinenübergreifend und internationalen Standards genügend, verlange Engagement und Kompetenz in der Realisierung, das über einen Firmenwettbewerb nicht bewältigt werden kann, sind die Unterzeichner überzeugt.

„Die Konsequenzen wären erkennbare Einbußen oder gravierende Defizite in der Gebäudequalität und seiner Funktionen. Soll die ganze Vorarbeit für so ein komplexes Projekt, bei denen Erfahrungen nationaler und internationaler Fachleute von Amsterdam über Seattle und Bologna einbezogen wurden, einfach über Bord geworfen werden? Jede Firma und die besten Fachleute brauchen ihre Zeit, um etwas Anspruchsvolles zu erstellen. Es muss die Frage gestellt werden, ob sich die Südtiroler Landesregierung bewusst ist, welche Werte – kulturelle und ökonomische – für die Bevölkerung und vor allem für die Jugend auf dem Spiel stehen und welchen Verlust ein drittklassiges Ergebnis, ein Haus ohne Seele, für das Land wäre. Gute Architektur hat immer bedeutet, dass der Architekt vom Anfang bis zum Ende ein Bauwerk begleitet, vom ersten Konzept über die Ausführungs- und Detailplanung bis zur Einrichtung. Wenn man sich davon verabschiedet, bedeutet das den Tod der Architektur“, steht in dem Brief.

„Was für ein Gewinn könnte es doch sein, wenn bei der Errichtung dieser Struktur jene Aufmerksamkeit und Erfahrung dem Projekt zuteil kommen könnte, die der Architekt, das Planungsteam und die Bibliothekare in dieser Zeit gesammelt haben, damit eine Landesbibliothek, die mehreren Aufgaben gerecht werden soll, diese Anforderungen optimal erfüllen kann. Es ist uns ein großes Anliegen, dass dieses Projekt nicht in einer Billigversion versenkt wird, sondern der Kultur ein nachhaltiges, vorbildliches und einladendes Gebäude gewidmet wird, das wir in Südtirol notwendigst und unbedingt brauchen. Solch eine Bauaufgabe ist auf Nachhaltigkeit und einer langfristigen Funktionstüchtigkeit aufgebaut. Daher sollte man hier nicht vorrangig „schnell und billig“ bauen. Als beste Investition in die Zukunft hat sich immer Behutsamkeit in der Planung und Qualität in der Ausführung erwiesen“, schreiben die Verfasser.

Sie ersuchen die Landesregierung, für die Ausführungsplanung dieses Projektes in einer Phase, in der ganz grundlegende Weichenstellungen justiert werden, um folgende Schritte: die verantwortlichen Ämter, den Generalplaner Arch. Mayr Fingerle und die Bibliothekare zu einer klärenden Aussprache zusammenzuführen; die wesentlichen Schritte zu fixieren, die zur Ausführungsplanung noch erforderlich sind; die ausständigen Kostenstellen, die in der Planung bereits vordefiniert sind, verbindlich festzulegen; eine Analyse der bisher errechneten Kosten und der möglichen Reduktionen anzustellen, ohne einen hochwertigen Qualitätsstandard zu unterschreiten.

Nur unter diesen Voraussetzungen sei eine professionelle Projekt- und Bauabwicklung möglich, um mit Bedacht und Ehrgeiz den wichtigsten Kulturbau in Südtirol entstehen zu lassen, heißt es in dem Brief abschließend.

Von: ©mk

Bezirk: Bozen