Wie gefährlich sind Pesitizide?

Südtiroler Streit um Greenpeace-Studie

Donnerstag, 18. Juni 2015 | 22:21 Uhr

Bozen – Verwundert zeigt sich Landesrat Arnold Schuler über die Aussendung von PAN-Italia, der Umweltschutzgruppe Vinschgau und des WWF Bozen. Er sagt, die Ergebnisse der Greenpeace-Studie seien sicher ernst zu nehmen, müssten aber auf den Obst- und Weinbau – besonders jenen in Südtirol – relativiert werden.

Wie auf Spiegel online nachzulesen ist, räumt sogar Greenpeace selbst ein, dass laut Analysen keine unmittelbare Gefahr für Menschen besteht. "Die Konzentrationen liegen deutlich unter den für Lebensmittel zulässigen Grenzwerten. Äpfel aus der EU sind im Vergleich zu anderem Obst und Gemüse sogar nur sehr gering mit Pflanzenschutzmitteln belastet. Der Südtiroler Obstbau arbeitet im Übrigen bereits seit Jahrzehnten erfolgreich daran, den Einsatz von Pflanzenschutzmittel zu reduzieren und wird diesen Weg auch konsequent fortsetzen", heißt es in einer Presseaussendung.

WAS BISHER BERICHTET WURDE

Vor zirka zwei Jahren entstand in Italien und vor allem in Südtirol eine intensive Diskussion über die Verwendung von Pestiziden in der Landwirtschaft. Chemisch-synthetische Pestizide werden vor allem im Obst- und Weinbau eingesetzt.

Im April 2015 hat Greenpeace 49 Bodenproben aus konventionell bewirtschafteten Apfelplantagen in zwölf europäischen Ländern, darunter auch im Nonstal (Trentino), analysieren lassen. Auch wurden 36 Wasserproben in der Umgebung dieser Plantagen genommen. Die entnommenen Boden- und Wasserproben zeigen eine Momentaufnahme der Situation am Anfang der Blütephase. In den Böden europäischer Apfelplantagen bzw. Gewässern in der Umgebung dieser Plantagen findet man ein komplexes Spektrum an Pestiziden. Die genaue Herkunft der nachgewiesenen Pestizide lässt sich nicht feststellen, aber die Vermutung liegt nahe, dass die Anwendung dieser Pestizide auf den Plantagen die wahrscheinlichste Erklärung ist.

Greenpeace fand die grösste Anzahl an Pestiziden in Bodenproben aus Italien (insgesamt 18 Pestizide in drei Proben), unter anderem Boscalid, Chlorpyrifos, Imidacloprid, Penconazole. Gemäss EU-Gefahrstoffkennzeichung sind diese Wirkstoffe eine große Gefahr für Mensch und Umwelt.

PAN-Italia, die Umweltschutzgruppe Vinschgau und der WWF Bozen sind der Meinung, dass diese Situation in Südtirol Alarm auslösen müsste, weil hier in der Landwirtschaft und vor allem in der Obstwirtschaft sehr viele Pestizide und Pestizidcocktails zum Einsatz kommen würden. Die internationale wissenschaftliche Literatur und Forschung beschreibt für mindestens fünf der nachgewiesenen Pestizide dieser Greenpeace-Studie Kombinations- bzw. Cocktaileffekte bei gemeinsamem Auftreten mit anderen Pestiziden.

Bei den Boden- und Grasproben in der Nähe der Obstplantagen aus dem Jahre 2013 und 2014 der Umweltschutzgruppe Vinschgau wurden auch mehrere Wirkstoffe (darunter Captan, Chlorpyrifos, Imidacloprid, Penconazol) in relevanten Konzentrationen und oberhalb der Nachweisgrenze gefunden. Die Böden der Obst- und Gemüseanlagen seien dauerhaft kontaminiert, die Wintermonate würden nicht ausreichen, damit sich die Böden erholen können, weil sich die Pestizide monate- und jahrelang im Boden festsetzen können. Dies wiederum führe zu negativen Auswirkungen auf Grund- und Oberflächenwasser. So komme es, dass diese Giftstoffe bis zu Fischen und anderen Lebewesen im Wasser gelangen würden.

„Die Südtiroler Landesregierung, der Südtiroler Bauernbund und Experten des Landesforschungsinstituts Laimburg behaupten nach wie vor, dass eine finanziell erfolgreiche Landwirtschaft nur durch den Einsatz von Pestiziden machbar sei. Eine besondere und zusätzliche Gefahr in Südtirol stellt die Struktur der Obstanbauflächen dar: viele Anbauflächen grenzen direkt an private Gärten, Schulen und Schulhöfe, öffentliche Spielplätze, Naherholungsgebiete, touristische Wander- und Fahrradwege und andere öffentlich und landwirtschaftlich genutzte Flächen, wovon vor allem die biologisch arbeitende Landwirtschaft geschädigt und in ihrer Existenz gefährdet wird“, erklären PAN-Italia, die Umweltschutzgruppe Vinschgau und der WWF Bozen

Sie schließen sich Greenpeace an: Das Problem der Abhängigkeit von chemisch-synthetischen Pestiziden in Südtirol sei eine Sackgasse und müsse unverzüglich und gründlich gelöst werden. „Die ökologische Schädlingskontrolle und die Alternativen zum Einsatz von Chemikalien müssen ausgebaut und eingesetzt werden. Die Verantwortlichen im Lande mögen endlich durch eine lückenlose Faktenkette nachweisen, dass alle diese Gefahren für Südtirol nicht zutreffen und die Durchführung und Bezahlung der Proben nicht einfach nur den Privaten überlassen. Falls dies sich anders herausstellen sollte, sind unverzüglich Massnahmen zum Schutz der Gesundheit und der Zukunft der Landwirtschaft zu treffen“, erklären PAN-Italia, die Umweltschutzgruppe Vinschgau und der WWF Bozen.

Von: ©mk

Bezirk: Bozen, Vinschgau