Dramatische Monate vom Kriegsende bis zur faschistischen Machtergreifung

1918/2018 – “Der hohe Preis des Friedens”: 100 Jahre Teilung Tirols

Mittwoch, 28. November 2018 | 08:50 Uhr

Bozen/Innsbruck – Mit dem Gedenkjubiläum zum Ende des Ersten Weltkriegs jährt sich auch die Teilung Tirols zum 100. Mal. Nach der Besetzung durch italienische Truppen folgten dramatische Monate, in denen den Bewohnern nördlich und südlich des Brenners erst langsam schmerzlich klar wurde, dass die neue Grenze von Dauer sein würde. Wie die Zeit zwischen November 1918 bis zum Beginn des Faschismus 1922 erlebt wurde, haben zwei jungen Historiker in einem neuen Buch nachgezeichnet.

Dabei stehen neben den bekannten politischen Entwicklungen auch deren Auswirkungen auf das alltägliche Leben der Menschen im Zentrum. Die Autoren Marion Dotter und Stefan Wedrac haben dafür zahlreiche Zeitzeugenberichte, Briefe und Fotografien, die bisher zum Teil in Privatbesitz waren, aufgestöbert und zusammengetragen.

Die Teilung Tirols beginnt in den letzten völlig chaotischen Stunden des Krieges. Kriegsmüdigkeit, Meuterei und schließlich ein unüberlegt zu früh erteilter Befehl zur Einstellung der Kämpfe auf Seiten der Armee des sich bereits auflösenden Habsburgerreiches führten dazu, dass bis zum Waffenstillstand am 4. November um drei Uhr Nachmittag rund 380.000 Soldaten der Monarchie in Kriegsgefangenschaft gerieten.

Der Rückzug der fast zweieinhalb Millionen Soldaten von der Südfront verlief chaotisch. Durch Tirol marschierten Hunderttausende. Angesichts der Nahrungsmittelknappheit kam es zu Plünderungen und Ausschreitungen. Der Einmarsch der italienischen Truppen in Innsbruck am 23. November bedeutete daher zunächst auch eine Rückkehr zu Ruhe und Ordnung.

Die siegreichen Truppen verhielten sich größtenteils sehr respektvoll, höflich und diszipliniert, wie die Historiker aufzeigen. Sie verteilten Lebensmittel an die hungernde Bevölkerung. Während es in Nordtirol aber um eine rein militärische zeitlich begrenzte Besetzung ging, richteten sich die Italiener südlich des Brenners bereits ein, um zu bleiben.

Die Besatzung stieß daher dort auch auf deutlich mehr Ablehnung, auch wenn den Einwohnern erst langsam klar wurde, dass der Landteil südlich des Brenners dauerhaft italienisch bleiben sollte. Die endgültige Entscheidung fiel erst im Frühsommer 1919 bei der Friedenskonferenz in Paris.

Bis dahin kam es in Bozen zu einem Ringen zwischen der Militärverwaltung unter dem liberalen, gemäßigten Gouverneur Pecori Giraldi und den glühenden Nationalisten um den berühmten Trentiner Ettore Tolomei. Zunächst setzte sich der vernünftige Giraldi durch und sorgt dafür, dass die deutschsprachige Minderheit rücksichtsvoll behandelt wurde. So blieben etwa die deutschen Schulen bestehen.

Auch nachdem die militärische Verwaltung im Juli 1919 durch eine zivile ersetzt wurde, hatte vernünftige gemäßigte italienische Politiker und Beamte zunächst noch die Oberhand. Die verhältnismäßig liberale Ära endete 1922 mit dem steigenden Druck der Faschisten. Bis dahin war die Abtrennung vom Rest Tirols für die Südtiroler zwar eine große Umstellung, bedeutete aber noch nicht die Unterdrückung und brutale Italianisierung, wie sie in den folgenden Jahren folgen sollte.

Das Buch liefert zwar keine neuen historischen Erkenntnisse, doch gelingt es den Autoren anhand von exemplarischen Einzelschicksalen sehr gut, ein differenzierten Panoptikum der einschneidenden Jahre vom Kriegsende bis zur faschistischen Machtergreifung 1922 zu entwerfen.

Von: apa

Bezirk: Bozen

Kommentare

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11 Kommentare auf "1918/2018 – “Der hohe Preis des Friedens”: 100 Jahre Teilung Tirols"


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mmhm_sel_schu
mmhm_sel_schu
Grünschnabel
12 Tage 23 h

Und Doppelpass-Anfrager-Kommentare in 3-2-1…

overmaltina
overmaltina
Grünschnabel
12 Tage 17 h

mir orme südtiroler Kasperler, ins nutz a s gonze Geld nix mehr  :/ 👺

krakatau
krakatau
Universalgelehrter
12 Tage 22 h

100 Jahre nach Ende des 1. Weltkrieges sollte man endlich den Mut haben die Wahrheit zu sagen über die tatsächlichen Gründe die zum Krieg geführt haben

nuisnix
nuisnix
Tratscher
12 Tage 19 h

Na dann… mal los

peterle
peterle
Superredner
12 Tage 15 h

Dem Kaiser Österreichs fehlte das Machtgehabe welches sein Vater und Grossvater hatten. Da kam der Grössenwahnsinn des deutschen Kaisers gerade Recht, nur haben sich Beide verschätzt.

iuhui
iuhui
Universalgelehrter
12 Tage 14 h

die unendliche Dummheit des homo sapiens?

Neumi
Neumi
Universalgelehrter
12 Tage 12 h

Und die wären deiner Meinung nach?

Neumi
Neumi
Universalgelehrter
12 Tage 12 h

@iuhui Kurz zusammengefasst: ja
Ich liebe diese Erklärung:

krakatau
krakatau
Universalgelehrter
8 Tage 18 h

@Neumi  Mit Unverbesserlichen diskutieren ist völlig nutzlos

Orschgeige
Orschgeige
Superredner
12 Tage 23 h

Die Zeit vom Kriegsende bis zur Machtergreifung Mussolinis, wurde von meiner Grossmuter (bis zum Lebensende kaisertreu), als eine relativ gute Zeit beschrieben. Die italienischen Offiziere verhielten sich sehr respektvoll, teilweise sogar freundschaftlich. Der Grossteil der Befölkerung glaubte noch nicht an einen endgültigen Verbleib bei Italien. Im Alltag der Menschen überwog die Erleichterung über die verbesserte Versorgung mit Lebensmitteln und anderen materiellen Gütern. Mit dem Fall der liberalen Regierung in Rom, endeten diese “silbernen” Jahre.           

Neumi
Neumi
Universalgelehrter
12 Tage 21 h

Dass Ländereien nach Kriegen von einem Staat an einen anderen gingen, war bis damals nichts Besonderes, deswegen war die Besorgnis jetzt auch nicht all zu hoch. Außerdem wurde von Wilson versprochen, dass jedes Volk selbst bestimmen könne, zu welchem Staat es gehören wollte, auch wenn in Wirklichkeit manipuliert und getrickst wurde, wo es nur ging und dadurch bis dato akzeptierte Minderheiten in allen betroffenen Regionen der Welt plötzlich verfolgt wurden.

Dass der Verbleib bei Italien allerdings so lange dauern sollte … damit rechnete in Tirol wohl keiner.

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