Fünf Verträge mit den Besiegten - 1918/2018

Die Pariser Friedensverträge: Südtirol war de facto verloren

Mittwoch, 31. Oktober 2018 | 05:05 Uhr

Wien/Bozen – Der Erste Weltkrieg wurde durch die Pariser Friedensverträge beendet. In den Jahren 1919 und 1920 verhandelten die Siegermächte in mehreren Pariser Vororten mit den Verlierern. Das “Friedensdiktat” sah harte Bedingungen wie Gebietsabtretungen, Entmilitarisierung und Reparationszahlungen vor. Ohne die bestehenden zu lösen, schuf es neue Konflikte und legte die Grundlage für den Zweiten Weltkrieg.

Die Friedenskonferenz wurde am 18. Jänner 1919 in Paris unter Anwesenheit von 27 Staaten eröffnet, die im Ersten Weltkrieg dem Deutschen Reich und zum Großteil auch Österreich-Ungarn, Bulgarien und dem Osmanischen Reich den Krieg erklärt hatten. Zunächst verhandelten die Siegermächte untereinander. Erst am 7. Mai 1919 wurden Deutschland als erstem Staat die Friedensbedingungen überreicht.

Da die Friedensverträge nicht an einem Ort allein ausgearbeitet werden konnten, wurden Schlösser in den Pariser Vororten aufgeboten: Versailles (für das Deutsche Reich), St. Germain (für Österreich), Trianon (für Ungarn). Der Friedensvertrag für Bulgarien wurde in Neuilly, jener für das Türkische Reich in Sevres ausgearbeitet.

Zum Unterschied vom Wiener Kongress 1814/15 ging es nicht um eine Wiederherstellung der alten Ordnung, sondern um eine radikale Neuordnung der europäischen Staatenwelt auf Kosten der zusammengebrochenen Mittelmächte.

Bis zum 28. Juni 1919, dem Tag der Unterzeichnung des Versailler Vertrags mit dem Deutschen Reich, gab es 1646 Sitzungen von 58 Kommissionen. Das Hauptberatungsgremium, der Rat der Zehn (die Regierungschefs und Außenminister von USA, Großbritannien, Frankreich, Italien und Japan) trat 72 Mal zusammen, der Rat der Großen Vier 145 Mal. Die Vollversammlung der alliierten und assoziierten Mächte hielt acht Sitzungen ab.

Parallel zu den Arbeiten an den Friedensverträgen wurde auch an der Satzung des von US-Präsident Woodrow Wilson vorgeschlagenen Völkerbundes gefeilt. Dieser Zusammenschluss aller Staaten sollte den Weltfrieden und die territoriale und politische Unabhängigkeit der Staaten erhalten. Am 28. April wurde die aus 26 Artikeln bestehende Satzung des Völkerbundes durch die Vollversammlung der Friedenskonferenz angenommen, zwei Monate später, am 28. Juni 1919 wurde diese Satzung durch die Gründerstaaten unterzeichnet. Sie wurde in die Friedensverträge mit den ehemaligen Mittelmächten aufgenommen.

Deutschland verlor mit dem Vertrag von Versailles rund ein Zehntel seines Staatsgebietes, darunter Elsass-Lothringen, aber auch seine Kolonien. Das Saargebiet, das Rheinland sowie Danzig wurden der deutschen Kontrolle entzogen, die großen Schifffahrtswege wurden internationalisiert. Die Armeestärke wurde auf 100.000 Mann beschränkt, außerdem musste das Deutsche Reich Reparationen von mindestens 20 Milliarden Goldmark (7.000 Tonnen Gold) zahlen.

Die österreichische Frage wurde erst im Mai 1919 zum Thema, nach dem Abschluss der Beratungen über das Deutsche Reich. Grundsätzlich lehnten Österreichs Vertreter die Verantwortung für den Krieg ab, doch war diese Argumentation eher kontraproduktiv. Immer wieder wurden Detailfragen behandelt, etwa das Problem der auf vier Staaten verteilten Südbahngesellschaft oder die angeblich von Paris geplante Verschleuderung von Kulturgut. Besonders Wilson wandte sich energisch gegen verschiedene, bis in das 18. Jahrhundert zurückreichende Forderungen Italiens nach in Österreich befindlichen Kulturgütern. Auch die katastrophale Wirtschafts- und Ernährungslage in Österreich und ganz Mitteleuropa stand zur Debatte.

Die aus der Donaumonarchie hervorgegangenen Staaten legten eine starke Ablehnung gegenüber Wien an den Tag. In den Gebietsverhandlungen wurden sie zu Vertretern historischer Grenzen, während die deutschösterreichischen Politiker auf das nationale Selbstbestimmungsrecht pochten.

Auf scharfe Ablehnung in Paris und Prag, später aber auch in London, Rom und Belgrad stieß der österreichische Wunsch, sich Deutschland anzuschließen. Für diesen Fall wurde mit dem Stopp von Lebensmittel- und Kohlelieferungen gedroht. Erfolge sollte Österreich nur in der Burgenland-Frage (auf Kosten Ungarns) und in der Kärntner Frage (auf Kosten Jugoslawiens) erzielen. Dies gelang mit Unterstützung Italiens, das an einer Schwächung des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen (SHS) interessiert war.

Am 6. April 1919 kamen die Mächte überein, die Untersteiermark einschließlich der Region Marburg (Maribor) dem SHS-Königreich zu überlassen. Am 22. April vereinbarten sie, das Deutsche Reich in Artikel 80 des Versailler Friedensvertrags zur Anerkennung der Unabhängigkeit Österreichs zu verpflichten. Damit war die vom österreichischen Außenminister Otto Bauer zuvor in Berlin ausverhandelte Anschlusspolitik gescheitert.

Südtirol war de facto verloren, da Italien auf der Erfüllung der alliierten Versprechungen im Londoner Geheimvertrag von 1915 bestand. US-Präsident Wilson sprach am 24. April 1919 das Gebiet südlich des Brenners definitiv Italien zu. Doch es hätte noch schlimmer kommen können für Österreich, schließlich hatte etwa die Tschechoslowakei zunächst einen “slawischen Korridor” nach Slowenien gefordert.

Der Vertrag von St. Germain wurde dem österreichischen Staatskanzler Karl Renner am 2. September 1919 zur Unterfertigung überreicht. In einer Begleitnote äußerte sich der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau scharf zum Versuch Österreichs, sich der Verantwortung für den Krieg zu entledigen. Er wies darauf hin, dass der Krieg “im Augenblick seiner Erklärung in Wien stürmisch begrüßt” worden sei und das österreichische Volk “vom Beginn bis zum Ende sein glühender Parteigänger” gewesen sei. Bis zur Niederlage habe es “nichts getan, um sich von der Politik seiner Regierung und seiner Verbündeten zu trennen”.

Nachdem die österreichische Nationalversammlung dem Friedensvertrag mit den Stimmen von Christdemokraten und Sozialdemokraten “unter feierlichem Protest vor aller Welt” zugestimmt hatte, unterzeichnete Renner ihm am 10. September in St. Germain. Mit dem Inkrafttreten des Vertrags am 16. Juli 1920 wurde die Österreichisch-Ungarische Monarchie endgültig Geschichte.

In der Folge wurden auch noch die Friedensverträge mit Ungarn, Bulgarien und dem Osmanischen Reich geschlossen, die ebenfalls massive Gebietsabtretungen vorsahen. Im Vertrag von Neuilly-sur-Seine, unterzeichnet am 27. November 1919, verlor Bulgarien seinen Zugang zur Ägäis. Der Vertrag von Trianon vom 4. Juni 1920 bedeutete den Verlust von zwei Drittel des Staatsgebietes für Ungarn zugunsten der Tschechoslowakei, Rumäniens, Jugoslawiens sowie Österreichs (Burgenland). Der Vertrag von Sevres vom 10. August 1920 stutzte das Osmanische Reich auf die Grenzen der heutigen Türkei zusammen, London und Paris übernahmen die Verwaltung der bisherigen osmanischen Besitzungen im Nahen Osten.

Von: apa

Bezirk: Bozen

Kommentare

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30 Kommentare auf "Die Pariser Friedensverträge: Südtirol war de facto verloren"


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Marco schwarz
Marco schwarz
Tratscher
12 Tage 20 h

Dies ist ein wertvoller Artikel, zu lesen sowohl für die Italiener im Land, als auch für die eigenen Südtiroler Patrioten: die Italiener haben de facto Südtirol geschenkt bekommen, für dieses Geschenk sollten sie froh sein und nicht immer neidisch dem Südtiroler gegenüberstehen. Auf der anderen Seite sollte nicht der Italiener das “Feinbild unserer Patrioten” sein, sondern der Amerikaner, denn er hat uns an Italien “verkauft”. Ein Unrecht, dass auch durch die “beste” Autonomie nicht gut zu machen ist.

iuhui
iuhui
Universalgelehrter
12 Tage 17 h

was die Welt nicht alles den Amis verdankt! vom 1. Weltkrieg bis zum Arabischen Terrorismus, durch den 2. Weltkrieg, Vietnam und Kalter Krieg, überall haben sie mitgemischt und einen Saustall hinterlassen!! Und jetzt noch Trump als “Kirsche auf der Torte”!

bon jour
bon jour
Universalgelehrter
12 Tage 12 h

@iuhui
ja, der 1. WK ging von Amerika aus, der 2. auch.

netwohr

Mastermind
Mastermind
Superredner
12 Tage 10 h

@iuhui Seit der Gründung der Vereinigten Staaten waren diese in über 200 Kriege verwickelt auf die eine oder andere Weise, genau der Staat, der unzählige Regierungen gestürzt hat, der Nahe Osten schaut durch die Briten und Amerikaner so aus, wie er aussieht und die Europäer dürfen die Scheiße hauptsächlich ausbaden. Sonst ist nur zusagen, es ist schon lange her, seit Tirol getrennt wurde, der Traum der Wiedervereinigung ist schon lange gestorben, dazu werden die nächsten Jahre nicht gerade dazu beitragen, dass die Situation der europäischen Staaten besser wird, die Selbstbestimmung der Völker wird weit nach hinten geschoben werden.

nightrider
nightrider
Superredner
12 Tage 10 h

@iuhui
Du hast den 30jährigen Krieg vergessen. Da hat die USA sicher auch noch eine Rolle gespielt.

FC.Bayern
FC.Bayern
Tratscher
12 Tage 6 h

@iuhui was hat der Trump den jetzt bitte wieder angestellt ? Mehrere solche Typen sollte es geben, altro che ..! gott sei dank sind Sie im kommen, die Regierungen auf der Welt ändern sich ( zum guten ) und richtigen !!!!

nakedtruth
nakedtruth
Grünschnabel
11 Tage 18 h

Als hierzulande sogenannter “Patriot” bin ich grundsätzlich auch nicht italophob oder sehe den einzelnen Italiener als Feindbild. Mein Feindbild ist die Idee (oder sogar Ideologie), die uns weismachen will, dass der Status quo richtig und “normal” sei, und dass die Autonomie ein Geschenk sei, für welches wir noch Rom oder irgendwem zu Dank verpflichtet wären.

MayerSepp
MayerSepp
Grünschnabel
12 Tage 21 h

Besonders schwach hat sich der US-Präsident Wilson präsentiert, das von ihm selbst vorgegebene “Selbstbestimmungsrecht der Völker” wurde in den Diktaten von Paris mit Füssen getreten.
Unrecht bleibt daher Unrecht, auch nach 100 Jahren…

traktor
traktor
Universalgelehrter
12 Tage 23 h

ich sagr nur “Verträge der schande”

Blitz
Blitz
Universalgelehrter
12 Tage 19 h

Los von Rom ; oder welln miar mitn Stiefl untergian ??

iuhui
iuhui
Universalgelehrter
12 Tage 17 h

laut den viele Salvini Fans eher schon…

Mikeman
Mikeman
Universalgelehrter
12 Tage 21 h

Diese Gauner des Londoner Geheimvertrags müsste man heute noch allesamt ausgraben 😡,Politik hat auch in der Geschichte höchst selten was ordentliches zusammen gebracht.

Loewe
Loewe
Superredner
11 Tage 20 h

@Mikeman
da stimme ich dir in beiden Punkten voll überein!
Außer Magnago, der hat wirklich viel gutes erreicht! Ich bewundere seinen Einsatz!

Blitz
Blitz
Universalgelehrter
12 Tage 18 h

Desholb…Los von Rom !

FC.Bayern
FC.Bayern
Tratscher
12 Tage 6 h

Träumt weiter !!!!

Savonarola
Savonarola
Universalgelehrter
12 Tage 19 h

tja Leute, merkt euch für heute und später,
es schwor zum Dreibund ein Verräter.

bon jour
bon jour
Universalgelehrter
12 Tage 12 h

Dreierbund war ein Defensivvertrag.
Österreich hat einen Krieg erklärt, ohne die Bündnispartner zu fragen.
Beispringen war keine Pflicht.

gwin
gwin
Tratscher
12 Tage 16 h

eigentlich schon unglaublich was südtirol aus diesem unrecht gemacht hat. darauf kann es stolz sein.

Marco schwarz
Marco schwarz
Tratscher
12 Tage 15 h
@gwin : ein sehr guter Satz, um nicht zu sagen, genial!!! Da steckt viel Wahrheit drin. Vor allem in der Vergangenheitsform. Es waren die Gründerväter der Autonomie, dann Magnago, Durnwalder und jetzt Kompatscher, die unsere Autonomie verteidigen bzw. verteidigt haben. Mit dem Unterschied, dass wir uns haben auseinanderdividieren lassen. Einerseits von einer Lega mit dem Populist Salvini, andererseits von einer Bewegung mit einem selbsternannten Messias, die mit Kritisieren und Nörgeln die Stimmen der Menschen im Land gefangen hat, ohne dabei ein Programm oder Grundsätze tu haben, die auf Tun und Fakten basieren. Da muss man sich schon fragen, was den… Weiterlesen »
Sag mal
Sag mal
Kinig
12 Tage 3 h
@Marco schwarz was haben Sie für ein angenehmes Dasein als Realitätsverweigerer.🤔Verraten und verkauft Wurden Wir.Ich weiss von Einem “Zeitzeugen dass versprochen wurde:Wählt Edelweiss dann kommt Ihr zurück zu Österreich.Daraus wurde nichts.Noch schlimmer:die Italianisierung schreitet unaufhörlich voran.Eine Touristin aus Österreich sagte mir letzten Sommer l:DAS ist so was von “Gegen die Natur.”Viele mögen Sich damit abgefunden haben weil Das Vorteile im täglichen Leben bringt.Es gibt aber auch Die Die Sich mit dem Unrecht schwer tun und Ihre Eigene Identität nicht so einfach leugnen können.Ich hoffe Das wird jetzt nicht zensiert.Aber die hohen Suizid- und Suchtfälle kommen auch nicht von ungefähr im… Weiterlesen »
Aurelius
Aurelius
Superredner
12 Tage 16 h

ihr jubelt doch alle der Lega und Salvini zu. was denn nun Los von Rom oder Salvini und die Lega?

krakatau
krakatau
Universalgelehrter
12 Tage 11 h

Das oben angeführte “Friedensdiktat” war die Ursache für den 2. Weltkrieg 

nightrider
nightrider
Superredner
12 Tage 10 h

Also Hitler war gezwungen Polen und Russland anzugreifen?

nakedtruth
nakedtruth
Grünschnabel
11 Tage 18 h

@nightrider Teilweise rührte der Hass auf Polen, Tschechoslowakei und Frankreich von den empfindlichen Gebietsverlusten her. Auch hätte man in Österreich nie so ein leichtes Spiel gehabt, wäre es nicht auf einen nichtssagenden Rumpf zusammengeschnitten worden.

krakatau
krakatau
Universalgelehrter
10 Tage 19 h

@nightrider Wer die Geschichte nur aus dem Kindergarten kennt sollte lieber schweigen

krakatau
krakatau
Universalgelehrter
10 Tage 19 h

@nakedtruth  Deutschlands wirtschaftlicher Aufstieg und Erfolg erweckte den Neid der umliegenden Bettlerstaaten. Das ist auch heute wieder genau so

gwin
gwin
Tratscher
12 Tage 15 h

und was das selbstbestimmungsrecht der völker betrifft. es hatte von anfang an seine schattenseiten. nicht nur, dass es nur denen gewährt wurde, die in die strategie der sieger gepasst haben. man glaubte ganze völker austauschen zu können, etwa die griechen und türken. hundertausende wurden gezwungen zu wandern. die nazis haben diese vorgehensweise, dann wieder aufgegriffen. die deutschen aus estland nach polen, die südtiroler nach lothringen oder auf die krim, einschließlich der verteibung und ermordung der einheimischen. so wunderbar eindeutig ist sie also nicht diese selbstbestimmung. wird sie nie sein. ethnisch eindeutige völker wurden immer nur mit mord und verteibung geschaffen.

6079_Smith_W
6079_Smith_W
Universalgelehrter
12 Tage 15 h

Wie schon mal jemand sagte: “Vae victis!”  (wehe den Besiegten)

Sag mal
Sag mal
Kinig
12 Tage 3 h

Ich wünsche,wenn ichs Selbst auch nicht mehr erleben Werde Jeden Südtiroler Freiheit oder Wiedervereinigung mit Österreich.

berthu
berthu
Superredner
11 Tage 16 h

1915 wurde das Schicksal von Südtirol entschieden…
Italien stellt sich gern als Sieger dar…nur wo und wie haben die gesiegt? Sich an die Seite von Siegern zu stellen, und an der Beute mitzufressen Ja.
An der Berggrenze von Sexten bis Ortler haben die keinen Meter “gewonnen”. Man berichtige mich. Als die Kriegsmüden endlich “Krieg Aus” hörten und heimgingen, was und wo das auch immer war, stellten die Italiener die Fahne an der jetztigen Brennergrenze auf, ohne Widerstand und Gegenwehr. Das dann als Sieg in die Bücher zu schreiben, bleibt doch eine Lüge.

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