Ein schwacher Abgang im Novembernebel

1918/2018 – Habsburgs Untergang vor 100 Jahren

Donnerstag, 01. November 2018 | 08:05 Uhr
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Wien – So sieht ein schwacher Abgang aus. Bei Nacht und Nebel schlichen sich die einst mächtigen Habsburger aus dem Schloss Schönbrunn in Wien. Kaiser Karl I., als tiefreligiöser Herrscher im Grunde auch in dieser Stunde noch beseelt von seinem angeblichen göttlichen Auftrag, ließ sich und seine Frau Zita am 11. November 1918 ins 50 Kilometer entfernte Schloss Eckartsau bringen.

Seine Leibwache hatte den Dienst quittiert, an den Autos waren die Insignien der Habsburger entfernt worden, der Kaiser trug Zivil statt Uniform. Alles aus Angst vor der Wut des hungernden Volks. “Wir alle hatten Tränen in den Augen”, erinnerte sich der letzte kaiserliche Finanzminister Josef Redlich an den Abschied vom Regenten.

Vier Jahre zuvor hatte das Land mit seiner Kriegserklärung an Serbien den Ersten Weltkrieg ausgelöst. 1914 war es größer als das Deutsche Reich, eine Großmacht mit 50 Millionen Bürgern und einem Dutzend Völkern. Jetzt war der Weltkrieg vorbei, eine 650 Jahre alte Dynastie war Geschichte, die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn war praktisch aufgelöst. Ein Machtvakuum mit vielen ungelösten Konflikten entstand.

Auch der Start der Republik misslang. Beim Hissen der rot-weiß-roten Flagge vor dem Parlament fehlte das weiße Mittelteil. Jemand hatte es herausgeschnitten. “Ein unordentlicher roter Lappen stieg durch die Luft bis zur Spitze der hohen Stange”, schilderte der Journalist Richard Bermann – und deutete das Geschehen als übles Vorzeichen für den neuen Staat.

Der Zerfall des Riesenreichs – das vom Bodensee bis in die heutige Ukraine reichte, zu dem Prag gehörte, das große Teile des Balkans umfasste und sich bis zum Gardasee erstreckte – geschah unter dem von den USA propagierten Motto “Selbstbestimmungsrecht der Völker”. Es entstanden Staaten wie Polen, die Tschechoslowakei und das spätere Jugoslawien. Italien bekam Südtirol, Ungarn verlor große Teile seines Gebiets. Von Österreich blieb ein winziger Rest. Die Nachwirkungen sind bis in die heutige Politik zu spüren. Österreich ist die Schutzmacht der deutschsprachigen Südtiroler und will ihnen nun gar zum Ärger Italiens einen Pass anbieten. In Ungarn wird das damalige Geschehen bis heute politisch ausgenutzt.

Denn die Ungarn erlebten die Zerschlagung ihres Landes durch den Friedensvertrag von Trianon (1920) als Trauma. Der autoritäre Staatsführer der Zwischenkriegszeit, Miklos Horthy, erhob die “Revision”, die Zurückeroberung der “verlorenen Landesteile”, zur Staatsdoktrin – und wurde damit zum Verbündeten Hitlers im Zweiten Weltkrieg und beim Holocaust. In der kommunistischen Zeit (1948/49-1989) war Trianon tabu – waren doch die meisten Nutznießer der ungarischen Gebietsverluste nunmehr “sozialistische Bruderländer”.

Nach der demokratischen Wende machte die ungarische Rechte das Trianon-Trauma zu einem Leitmotiv ihrer nationalistischen Mobilisierung. Der rechts-nationale Ministerpräsident Viktor Orban erklärte den 4. Juni, den Jahrestag der Unterzeichnung des Trianon-Abkommens, per Gesetz zum “Tag des nationalen Zusammenhalts”.

Die Geschichte des Untergangs der Habsburger ist eine Geschichte über das Verkennen des Wandels. “Das Habsburgerreich war ein hochkomplexes politisches Kunstprodukt von Völkern und Staaten, die aus eigenem Antrieb kaum zueinandergefunden hätten, die wenig miteinander verband als eben der Umstand, dass sie alle aus Wien regiert wurden”, schreibt der Autor Kersten Knipp.

Für die einen war das Reich eine “Völkerfamilie”, für die anderen war es ein “Völkerkerker”. Mit seiner Aura des Gerechten war es Kaiser Franz Joseph I. jahrzehntelang gelungen, den aufkommenden Nationalismus noch zu neutralisieren. Als sein Nachfolger Karl I. in letzter Minute den Ruf der Zeit hören wollte, war es zu spät.

Das Völkermanifest vom 16. Oktober 1918 war ein dramatischer kaiserlicher Hilfeschrei: “Österreich soll, dem Willen seiner Völker gemäß, zu einem Bundesstaate werden, in dem jeder Volksstamm auf seinem Siedlungsgebiete sein eigenes staatliches Gemeinwesen bildet.” Das Angebot, das die Krone in einem neuen Bund retten sollte, beeindruckte niemanden mehr. Die politischen Weichen waren längst gestellt. In völliger Verkennung der Machtsituation dankte Karl I. nicht ab, sondern verzichtete nur auf jede persönliche Teilnahme an den Regierungsgeschäften.

Im Jahr zuvor hatte das erschütternde Schicksal der Zarenfamilie in Russland gezeigt, dass Herrschen ohne Voraus- und Rücksicht, ein Regieren ohne Reformen ein Auslaufmodell war. In der Februarrevolution 1917 stürzte die Monarchie – die Romanow-Dynastie dankte nach drei Jahrhunderten ab. Ein halbes Jahr später ergriffen der radikale Revolutionär Lenin und seine kommunistischen Bolschewiki in der Oktoberrevolution die Macht.

Russland versank in einem Bürgerkrieg – Rot kämpfte gegen Weiß und ausländische Interventen. In diesem Chaos ermordeten die Bolschewiki im Juli 1918 in Jekaterinburg den letzten Zaren Nikolaus II. und dessen Familie. Der Bürgerkrieg, in dem schließlich die Kommunisten siegten, war für Russland noch blutiger als der Erste Weltkrieg.

“Die Bilanz der menschlichen Katastrophe, die Russland zwischen 1914 und 1921 erlebte, ist nur ungefähr zu beziffern: Krieg, Terror, Epidemien und Hunger forderten schätzungsweise zwölf bis dreizehn Millionen Opfer” – das schreibt der Historiker Nikolaus Katzer.

Wie in der Donaumonarchie fielen auch im Zarenreich die Völker an den Rändern ab: Finnland, die baltischen Staaten und Polen wurden 1918 unabhängig. In anderen Regionen wie der Ukraine oder im Kaukasus war der nationale Aufbruch von kurzer Dauer. Sie blieben bei der Sowjetunion, die 1922 gegründet wurde.

Am 10. September 1919 unterzeichneten Österreich und die Alliierten den Vertrag von St. Germain, der die Auflösung Österreich-Ungarns regelte. Aus dem Vielvölkerstaat wurde ein Rumpfstaat mit 6,5 Millionen Einwohnern – in der damaligen öffentlichen Meinung kaum lebensfähig. Mit einem gewissen Zynismus meinte Frankreichs Premier Georges Clemenceau: “Der Rest ist Österreich.”

Dieser Frieden unter dem Diktat der Sieger – die obendrein den von Österreich gewollten Anschluss an Deutschland untersagten – wurde zum politischen Geschenk für die Nazis, die gegen die Verträge agitierten. 20 Jahre später kam es auf Befehl Adolf Hitlers zum “Anschluss” Österreichs an das Deutsche Reich.

Dass die von US-Präsident Woodrow Wilson propagierte “Selbstbestimmung der Völker” ihre realen Tücken hatte, wurde schon unmittelbar nach dem Krieg sichtbar. Durch die neuen Grenzen entstand ein besonders scharfes Bewusstsein dafür, wer die Mehrheit, wer die Minderheit ist. “Fünf Millionen Deutschsprachige lebten auf dem Gebiet der Tschechoslowakei sowie in Italien, Jugoslawien, Ungarn, Rumänien und Polen”, listet der Autor Hannes Leidinger auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte dies zu Vertreibungen und Verfolgungen deutscher Minderheiten im östlichen Europa führen.

Karl I. bleibt im Rückblick eine tragische Figur. Seit seiner Machtübernahme 1916 hatte er versucht, Frieden mit den Alliierten zu schließen. Als seine geheimen Sondierungen öffentlich wurden, war der deutsche Bündnispartner geschockt und Karl fortan noch mehr an den Rand gedrängt. Den Untergang des Reiches verfolgte er nach der Zwischenstation in Eckartsau zunächst vom Schweizer Exil aus, bevor er auf der Atlantik-Insel Madeira seine letzte Heimat fand. Wegen Geldnot ließ er eine Erkältung nicht behandeln und erkrankte an einer Lungenentzündung, an der er 1922 mit 34 Jahren starb.

2004 wurde der äußerst gläubige Herrscher von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen. Der letzte Habsburger auf dem Kaiserthron sei ein “vorbildlicher Christ, Ehemann, Familienvater und Herrscher” gewesen.

Von: dpa

Bezirk: Bozen

Kommentare

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14 Kommentare auf "1918/2018 – Habsburgs Untergang vor 100 Jahren"


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Kompatscher
Kompatscher
Grünschnabel
16 Tage 10 h

Und Heute sind wir in einer ähnlichen Situation mit dem Europa ohne Grenzen. Auch jetzt will keiner sehen, dass es radikale Änderungen braucht um dieses Europa zu retten. Wieder wollen die Völker mehr Eigenständigkeit und Regionalismus. Was macht die EU sie torpediert diese Bestrebungen (Schottland, Katalonien) wo sie nur kann. 
Das Einfachste wäre die Völker wählen zu lassen wie es Wilson vorgeschlagen hat. Dort wo dies ermöglicht wurde wie Saarland und Burgenland gibt es auch keine Diskussion über Zugehörigkeit und Verwaltung. Wo dies nicht der Fall war gibt es Probleme bis in unsere Tage. Lernt da jemand daraus?

traktor
traktor
Universalgelehrter
16 Tage 7 h

kompatscher@
hat dein wilson uns entscheiden lassen ob wir zum stiefel möchten???

bon jour
bon jour
Universalgelehrter
16 Tage 1 h

die Völker entscheiden lassen heisst, dass Südtirol geteilt wird.

Kompatscher
Kompatscher
Grünschnabel
15 Tage 20 h

@traktor Das ist es ja das ich verurteile. In der Schweiz ist es nicht weiter ungewöhnlich, wenn auf demokratischen Wege ein Teil eines Kantons den Selben wechselt. 

traktor
traktor
Universalgelehrter
16 Tage 9 h

jene die die verträge ausgehandelt haben und uns verschenkt haben gehören heute noch ausgebuddelt und in ihre einzelteile zerlegt!@!

nightrider
nightrider
Superredner
15 Tage 11 h

Du hast noch jene vergessen die meinten, einen Krieg anfangen ist eine tolle Idee, oder jene die glaubten, man könne unbegrenzt Truppen an der Front verheizen und jene die nie dran gedacht haben dass man einen Krieg auch verlieren kann und welches die Folgen daraus sind.

m69
m69
Kinig
16 Tage 9 h

Deshalb war auch sein Sohn Otto von Habsburg ein Ehrenmann!
Das wurde bis heute viel zu wenig angepriesen! Schade! 😎

silas1100101
silas1100101
Superredner
16 Tage 4 h

Wie kann ich die Monarchie wieder einführen und Kaiser werden?? Das wäre ein schöner Beruf!!!

Karat
Karat
Grünschnabel
16 Tage 1 h

Einfach die Kaiser-Revolution übers Internet ausrufen und schauen, was passiert. Wahrscheinlicher als Kaiser zu werden, ist dann allerdings die Klapsmühle.

aristoteles
aristoteles
Superredner
16 Tage 9 h

ja, aber dann folgte 14 jahre lang eine geile aera, die weimarer republik, die leider im schatten der nachfolgenden zeit steht und über die im dauerzustand immer noch zu viel berichtet wird

redbull
redbull
Grünschnabel
15 Tage 12 h

nur hat die weimarer republik (=deutsches reich) nichts mit dem österreichischen bundestaat, später ständestaat zu tun. und so geil war dies zeit für diie nornalbevölkerung nicht. nur die reichen amüsierten sich die armen hungerten die ganzen 20er jahre lang. dann gab es politische bürgerkriege und morde. der blutige machtkampf zwischen kommunisten und deutschnationalen kräften war auch ein wegbereiter des austrofaschismus, der mit der machtergreifung von dollfus begann und österreich erst einen konnte. dann kam hitler und zerstörte österreich.

wellen
wellen
Superredner
15 Tage 11 h

Kaiser Karl..so einen Versager spricht die Kirche heilig!!!!

Septimus
Septimus
Superredner
15 Tage 20 h

Ich vermute daß,die EU wie wir sie heute kennen, keinen Bestand hat. In nicht all zu ferner Zukunft werden die Grenzen neu gezogen werden…ein Bürgerkrieg in Europa ist vorprogrammiert…wir befinden uns lediglich davor… vielleicht gibt es dann wieder Monarchien? Auch die uns bekannten Demokratien haben versagt…Welche Regierungsform ist oder wäre die beste?

Kurios
Kurios
Superredner
15 Tage 12 Min
Von 50 Millionen auf 6,5 Millionen Einwohnern wurde aus dem austro-ungarischen Kaiserreich ein mikrig kleines Österreich. Durch den Krieg den der letzte Kaiser Karl I. verloren hat wurden wir Südtiroler an Italien verschachert. Ich zitiere aus dem obigen Bericht: “Am 10. September 1919 unterzeichneten Österreich und die Alliierten den Vertrag von St. Germain, der die Auflösung Österreich-Ungarns regelte. Aus dem Vielvölkerstaat wurde ein Rumpfstaat mit 6,5 Millionen Einwohnern – in der damaligen öffentlichen Meinung kaum lebensfähig. Mit einem gewissen Zynismus meinte Frankreichs Premier Georges Clemenceau: “Der Rest ist Österreich.” ich kann nicht nachvollziehen dass man einen Kriegswütigen Kaiser dann auch… Weiterlesen »
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