Dominique Gonzalez-Foerster stellt in der Secession aus

235 Figuren: Großes Kunst-Wimmelbild in der Secession

Donnerstag, 01. Juli 2021 | 11:05 Uhr

Zum Besuch eines eindrucksvollen Kunst-Wimmelbildes lädt die Wiener Secession in den kommenden zwei Monaten: 235 Figuren hat die französische Künstlerin Dominique Gonzalez-Foerster auf einer leicht einwärtsgebogene, 24 Meter langen und 5 Meter hohen Bildwand versammelt. “Volcanic Excursion. A Vision” ist ein ganz spezielles, persönliches Who is Who der Kunstgeschichte aus Vorbildern, Verweisen, Freunden und variierten Selbstporträts. Klimt spielt eine zentrale Rolle.

Ausgangspunkte der großen Bildcollage, die mit einem davor aufgelegten großen, grünen, zum Verweilen einladenden Kunstrasen-Rund zum Environment ausgeweitet ist, bildeten ein von dem mexikanischen Maler Diego Rivera 1946/47 im Park Alameda Central in Mexiko-Stadt geschaffenes Wandbild mit realen und fiktiven Figuren aus der mexikanischen Geschichte sowie Gustav Klimts in der Secession befindliches Beethovenfries. So finden sich in der Massenszene auch Rivera und Frida Kahlo, Klimt und Emilie Flöge. Der im Fries gemalte Gigant Typhoeus ist zentral als Rednerpult eingearbeitet, seine drei Töchter, die Gorgonen, werden von der Künstlerin selber verkörpert – als “Apparitions” (Erscheinungen) schlüpft sie selbst in verschiedenste Rollen von Ikonen der Hoch- und Populärkultur, von Marilyn Monroe und Maria Callas bis zu Bob Dylan und Franz Kafka.

Dominique Gonzalez-Foerster, 1965 in Straßburg geboren, lädt also zum Verweilen und fröhlichen Figuren-Raten ein. Einer der Reize dabei liegt in der unmittelbaren Begegnung von Kunst-Prominenz aus den unterschiedlichsten Zusammenhängen, bei denen Geschichte und Gegenwart ebenso gemischt werden wie Genres und Nationalitäten. Andy Warhol findet sich neben einer Filmszene mit Helmut Berger und Romy Schneider, Louise Bourgeois neben dem Austro-Duo Ashley Hans Scheirl und Jakob Lena Knebl, VALIE EXPORT neben der Psychoanalytikerin und C. G. Jung-Patientin Sabina Spielrein. Auch die österreichische Komponistin Olga Neuwirth hat die Künstlerin, die für die Saison 2015/16 den Eisernen Vorhang in der Wiener Staatsoper gestaltet hatte, eingearbeitet. Mit ihr absolviert Gonzalez-Foerster heute, Donnerstag, um 17 Uhr ein Ausstellungsgespräch.

Ein schönes, als Faltschachtel konzipiertes Künstlerbuch bietet die Möglichkeit, alle Referenzen und Verweise im Einzelnen zu studieren und alle Figuren – unter ihnen auch einige “Aliens” – in Ruhe zu dechiffrieren. Auch Ikonen der LGBT-Bewegung oder Aktivistinnen wie Greta Thunberg sind in dem bunten Panoramabild vertreten, und die Sitzkissen auf dem Kunstrasen tragen Protest-Aufschriften wie “White Silence is Violence” oder “There’s No Chocolate on Mars!” Künstlerische Manifestation und gesellschaftliches Engagement bilden bei Gonzalez-Foerster wie bei Diego Rivera eine Einheit.

Das glatte Kontrast-Programm zu der bis 5. September laufenden Ausstellung im Secessions-Hauptraum bietet die parallele Präsentation von František Lesák in der Galerie im Untergeschoß: “Vermutung und Wirklichkeit” ist eine ruhige, hoch konzentrierte Verbindung von Skulptur und Zeichnung, Kunst und Natur. Der 77-jährige, in Prag geborene und in Wien und Neu-Nagelberg lebende konzeptuelle Bildhauer und Zeichner hat etwa Kieselsteine stark vergrößert und transformiert sie in Kuben gleichen Volumens. In zwei Zeichnungsserien bringt er eine Formation von Granit-Findlingen mit einem Nadelbaum aus den unterschiedlichsten Perspektiven zu Papier oder dreht einen “Hermes”-Kopf mit dem Zeichenstift in alle Richtungen. Immer wieder finden sich aber ganz einfach Hände im Zentrum seiner Arbeiten – so auch in seinem neuen, titelgebenden Zyklus aus 18 Bildpaaren mit unterschiedlichen Haltungen seiner linken Hand, einfach und raffiniert zugleich. Auch hier begleitet ein unüblich gestaltetes Künstlerbuch die Schau.

Das Grafische Kabinett schließlich hat die in London geborene und in Hamburg und Lagos arbeitende Filmemacherin und Künstlerin Karimah Ashadu hermetisch gegen die Außenwelt geschlossen. Hier zeigt sie ihren Film “Plateau” über das Jos-Plateau in Zentralnigeria, wo Wanderarbeiter im Tagbau mit einfachsten Mitteln nach Zinn und Kolumbit schürfen. Dokumente einer mit künstlichen Kratern und Teichen übersäten Landschaft, die seit der Kolonialzeit ausgebeutet wird. Jede Generation scheint den Untergrund aufs Neue umzugraben – trotz schwindender Ressourcen meist die einzige Hoffnung auf eine Lebensgrundlage. Fotografien und Objekte ergänzen den Film zu einer Rauminstallation.

(S E R V I C E – Dominique Gonzalez-Foerster: “Volcanic Excursion (A Vision)”, František Lesák: “Vermutung und Wirklichkeit”, Karimah Ashadu: “Plateau”, Ausstellungen in der Wiener Secession, Eröffnung heute, Donnerstag, 18 – 20 Uhr; 2. Juli – 5. September, Di-So 10-18 Uhr, Künstlerbücher: 26,40 Euro (Gonzalez-Foerster), 35 Euro (Lesák), 26,40 Euro (Ashadu), www.secession.at)

Von: apa

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