Fund wurde zunächst vollkommen falsch eingeschätzt

30 Jahre “Ötzi” – Pleiten, Pannen, und Ungeschick bei Bergung

Sonntag, 19. September 2021 | 07:30 Uhr

“Ötzi” war ein so ungewöhnlicher Fund, dass er Polizei, Behörden und Forscher überforderte und zunächst niemand seine Bedeutung erkannte. Leichnam und Ausrüstungsgegenstände wurden deshalb bei der unsanften Bergung beschädigt, und die Fundstelle nur nachlässig abgesucht, sodass einige Ausrüstungsteile noch länger im Eis blieben. Zudem wollten sich die italienischen Carabinieri wegen des unklaren Grenzverlaufs nicht um die Leiche kümmern, und überließen sie den Österreichern.

Die Bergwanderer Erika und Helmut Simon aus Nürnberg glaubten aus einigen Metern Entfernung zunächst “Zivilisationsmüll” herumliegen zu sehen, als sie ihn am 19. September 1991 entdeckten. “Das ist ja ein Mensch”, habe Erika dann aber erkannt. Sie hielten den zierlichen Leichnam für eine Frau. Mit dem letzten Foto auf dem Film seiner Kamera schoss Helmut ein Bild, das Berühmtheit erlangte. Sie stiegen zur Similaunhütte ab und fragten, ob ein Bergsteiger vermisst sei. Man verneinte und der Hüttenwirt Markus Pirpamer rief wegen der grenznahen Fundstelle sowohl die Carabinieri in Südtirol als auch die Gendarmen in Nordtirol an. “Die Italiener winken ab, und so gerät der Fall in die Zuständigkeit der Österreicher”, berichtete Konrad Spindler, damaliger Professor am Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Innsbruck, der “Ötzis” Geschichte im Wesentlichen aufklären sollte, in seinem Buch: “Der Mann im Eis”.

Zunächst hieß es etwa in der Tiroler Tageszeitung: “Der Ausrüstung nach zu schließen handelt es sich bei dem Toten um einen Alpinisten; der Unfall dürfte Jahrzehnte zurückliegen.” Zwei Tage später wurde die Eismumie von den Extrembergsteigern Reinhold Messner und Hans Kammerlander im Zuge einer Südtirol-Umrundung besucht und immerhin ins Mittelalter rückdatiert. Auf der Similaunhütte spekulierte Messner, dass es sich um einen Krieger des Tiroler Grafen “Friedrich IV mit den leeren Taschen” aus dem 14. Jahrhundert handeln könnte, der vielleicht bei einem Rückzug von einem verlorenen Scharmützel umkam. Das “Beil aus Eisen und ohne Loch” schätzt er auf “mindestens fünfhundert, wenn nicht gar dreitausend Jahre alt”. Dass man zunächst nicht erkannte, dass es aus Kupfer ist, führen Experten auf eine Oberflächenpatina zurück.

Dabei wäre die Einordnung der Eisleiche für einen Experten trivial gewesen, erklärte Spindler. “Das kann jeder Archäologiestudent im ersten Semester”, schrieb er. Aufgrund der Beifunde schätzte er ihn auf einen Blick: “Rund viertausend Jahre alt”. Als er den “völligen Unglauben” in den Augen der Leute vom Institut für Gerichtliche Medizin sah, in deren Seziersaal er “Ötzis” Mumie zum ersten Mal begegnete, ergänzte er: “Wenn sich diese Datierung noch ändert, dann eher zum Älteren hin.”

Davor war schon viel mit der Eisleiche passiert. Die Gendarmen versuchten ihn einen Tag nach der Entdeckung per Hubschrauber zu bergen. Sie wollten die nur teilweise aufgetaute Leiche mit einem Pressluftmeißel aus dem Eis befreien. Dabei rutschten sie aber mehrmals ab und “fuhren immer wieder in das Fleisch der Leiche, besonders an der linken Hüfte und am linken Oberschenkel”, schrieb Spindler. Wegen eines Schlechtwettereinbruchs und weil das Gerät überfordert war, gaben sie auf, und kehrten ins Tal zurück, nicht ohne Gerüchte mit zu nehmen: Der Tote sei gefesselt und trage am Rücken Brandmale, stamme aus dem 19. Jahrhundert (alles falsch) und hätte am Kopf eine Wunde (richtig).

Am nächsten Tag besuchten Messner und Kammerlander Ötzi. Ersterer stocherte mit einem Skistock im Eis rund um die Leiche, letzterer mit einem “herumliegenden Stück Holz”, auf das er sich auch stützt, wie auf einem Foto zu sehen ist. Dort erkannte man es dann als Teil des Rahmenwerks der über 5.000 Jahre alten Rückentrage.

Erst am 23. September wurde “Ötzi” per Hubschrauber geborgen. Zig Schaulustige hatten ihn bis dahin schon besucht, angetatscht und teils versucht, ihn aus dem Eis zu lösen. Dabei brachten sie ihm die später entdeckten Läsionen im Genitalbereich bei, meinte Spindler. In der Zwischenzeit war er mehrmals angetaut und wieder eingefroren. “Ötzis” Glutbehälter aus Birkenrinde war zertreten. Andere Ausrüstungsgegenstände wurden von verschiedenen Leuten eingesteckt und gelangten erst auf Umwegen zu den Archäologen. Weitere wurden wohl vom Winde verweht und gingen verloren, vermutete er. Bei der Bergung war kein Archäologe dabei. Dies wurde mit dem Argument abgelehnt, dass “der Hubschrauber bereits ausgelastet ist”, berichtete Spindler.

“Ötzi” landete in einem orangefarbenen Bergesack. Seinen Bogenstab konnten man nicht aus dem Eis ziehen, also brach man den herausstehenden Teil ab und steckte ihn zu ihm in den Sack. Das andere Ende blieb bis zum nächsten Jahr im Eis. Als der Fund im Tal ankam, hievte ihn der Bestatter Anton Klocker in einen Sarg, um ihn zur Gerichtsmedizin in Innsbruck zu bringen. Der linke Arm der Leiche stand aber sperrig ab. Klocker sagte, er habe den “Arm leicht gebogen”, damit er in den Sarg passte. Die Umstehenden vernahmen jedoch ein “deutliches Knacken”. Die Mediziner stellten später einen Bruch des linken Oberarmknochens “post mortem” fest, also 5.300 Jahre nach dem Todeszeitpunkt.

Die Gerichtsmedizin hätte “Ötzi” fast wieder dem Bestatter anvertraut, um die “anonyme Leiche” zu begraben. Für sie war jeder Tote uninteressant, bei dem “davon auszugehen ist, dass ein möglicher Mörder auch schon tot ist”, schrieb Spindler. Außerdem waren alle Kühlfächer voll, denn der ungewöhnlich warme Sommer im Jahr 1991 hatte auch etliche neuere Bergsteigerleichen ausapern lassen. Doch der Innsbrucker Gerichtsmediziner Hans Unterdorfer wollte, dass der Archäologieprofessor Spindler noch einen Blick auf die Leiche warf, die allmählich auf seinem Seziertisch auftaute.

Spindler erkannte, dass es sich um einen außergewöhnlichen Fund handelte. Mittlerweile hatte die Eisleiche Raumtemperatur und roch reichlich. Man diskutierte, wie man die kostbare Mumie konservieren sollte. Die Vorschläge reichten von langsamem Einfrieren bei Gletschertemperaturen (minus sechs Grad), über Schockgefrieren, dem Einlagern in flüssigem Stickstoff, bis hin zu komplettem Austrocknen. “Ein Wiener Humanbiologe empfiehlt sogar, den Toten wie ein Paar Würstchen in die Tiefkühltruhe zu stecken”, berichtete er. Schließlich tupfte man “Ötzi” mit Karbolsäure ab, um Insekten, Schimmel und Fäulnisbakterien fernzuhalten und lagerte ihn im Anatomischen Institut in Innsbruck in einer Kühlkammer bei genau dosierter Luftfeuchtigkeit. Dies bewährte sich für mehrere Jahre.

“Ötzis” Köcher wurde zwei Tage nach seinem Besitzer viel sanfter geborgen: Gletscherexperten gossen zwei Stunden lang mit einer Plastiktüte Schmelzwasser auf ihn, und lösten ihn dadurch aus dem Eis, ohne ihn zu berühren. Dann wickelten sie ihn in eine Daunenjacke, versteckten ihn vor einem ankommenden italienischen Grenzpolizisten im Rucksack und brachten ihn ins Tal und an die Uni Innsbruck.

Von: apa

Bezirk: Bozen, Vinschgau

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

21 Kommentare auf "30 Jahre “Ötzi” – Pleiten, Pannen, und Ungeschick bei Bergung"


Sortiert nach:   neuste | älteste | Relevanz
mondschein2021
mondschein2021
Grünschnabel
1 Monat 4 Tage

Ötzi der Weltstar.

PeterSchlemihl
PeterSchlemihl
Universalgelehrter
1 Monat 4 Tage

Ötzi ist nicht ein Weltstar, er ist eine arme leblose Kreatur, die endlich den Frieden finden sollte.

inni
inni
Universalgelehrter
1 Monat 4 Tage

PeterSchlemihl
… demnach dürfte man auch keine Schauobduktionen an Unis für Medizinstudenten machen – ganz zu schweigen von der Ausstellung „Körperwelten“ des Plastinators Gunther von Hagen. Auch die anatomischen Studien von Leonardo da Vinci hättest du verboten, gell?

l OneManArmy l
l OneManArmy l
Superredner
1 Monat 4 Tage

@PeterSchlemihl das ist doch hoffentlich nicht ernst gemeint. willst du ihn eingraben?

Roby74
Roby74
Superredner
1 Monat 4 Tage

@inni
Zu Fortbildungs-Schulungs-und Anatomiestudien von Medizinstudenten finde ich es in Ordnung.
Wenn ich nicht irre haben diese Personen alle zu Lebzeiten und freiwillig ihren Körper der Wissenschaft und Medizin vermacht.😊
Die öffentliche “Zurschaustellung”oder “Körperwelten”finde ich wiederum nicht so prickelnd….😮😕

WM
WM
Universalgelehrter
1 Monat 4 Tage

@PeterSchlemihl Geh mal in die Katakomben nach Paris dort liegen 4 Millionen tote schön aufgereit und mitten drinnen der spazierweg kannst ja mal dort anfangen zu vergraben übrigends mit segen der Kirche 😜😜😜😜

Joosi
Joosi
Neuling
1 Monat 4 Tage

Soll auf dem Friedhof begraben sein.. Ist traurig eine Menschen Leiche in einem Museum Zirkus auszustellen,Geld geld lei das Geld. Nie genug

Doolin
Doolin
Universalgelehrter
1 Monat 4 Tage

…dann müssen wohl auch alle ägyptischen Mumien vergraben werden…
😆

Sag mal
Sag mal
Kinig
1 Monat 4 Tage

Ötzi tut mir nur leid. Werd Ihn mir nie anschauen vor Respekt .

WM
WM
Universalgelehrter
1 Monat 4 Tage

Ich hab ihn 2 mal gesehen interessant 👍🏻👍🏻👍🏻 Seine geschichte tätovierungen kleider usw ein glücksfall für alle die an der Geschichte des Menschen und die zeit der Steinzeit interessiert sind

edelweiss1
edelweiss1
Neuling
1 Monat 4 Tage

Wenn man nachdenkt, ist es Leichenschändung, oder?

inni
inni
Universalgelehrter
1 Monat 4 Tage

Jedesmal wenn ich die TV-Aufnahmen von sehe, wie damals der Finder der Leiche Helmut Simon mit schonungslosem Pickelgehacke Ötzi aus dem Eis befreite, bin ich fassungslos und zornig.  

Sag mal
Sag mal
Kinig
1 Monat 4 Tage

inni und jetzt ausstellen ist in Ordnung🤬

Sag mal
Sag mal
Kinig
1 Monat 4 Tage

inni ein Film gibt’s auch noch?! 🤦🏻‍♀️

PeterSchlemihl
PeterSchlemihl
Universalgelehrter
1 Monat 4 Tage

Wir leben in einem christlichen Land; warum meldet sich bei dieser Leichenschau die Kirche sich nicht zu Wort?

inni
inni
Universalgelehrter
1 Monat 4 Tage

Peter: die christliche Kirche sollte lieber mal ganz ganz still sein und kuschen, nach den ganzen Schandtaten die sie im Laufe ihrer Geschichte begangen hat … 🤫

WM
WM
Universalgelehrter
1 Monat 4 Tage

Die kirche hat in ihrer geschichte soviel dreck am Stecken das die die letzte ist die was sagen sollte

quilombo
quilombo
Superredner
1 Monat 4 Tage

ein häßliches Unding ist es wohl auch, ihn mit freiem Oberkörper darzustellen. So war er sicher nicht unterwegs, was soll das also?

ines
ines
Tratscher
1 Monat 4 Tage

und wenn man den Typ net gfundn hätte, war a gleich gewedn. der hätte seine Ruhe und man hatt net so viel Geld für des gforsche ausgebn

WM
WM
Universalgelehrter
1 Monat 4 Tage

Und wir wären gleich blöd gewesen wie davor ohne ahnung von leben in der Steinzeit. Die forschung geht zum glück immer weiter sonst wären wir auch noch heute wo Ötzi damals war😂😂😂😂

l OneManArmy l
l OneManArmy l
Superredner
1 Monat 4 Tage

ahja, so ein Bogen ist ja ganz normal wenn man eine gletscherleiche findet. einfach mal abreisen

wpDiscuz