Sophie Aujesky und Josef Ellers in Turrinis "Rozznjogd"

50 Jahre danach: Im Rabenhof geht man auf “Rozznjogd”

Donnerstag, 23. September 2021 | 08:45 Uhr

In Beisein der Originalbesetzung der Uraufführung des Jahres 1971, Franz Morak und Dolores Schmidinger, hat am Mittwoch Peter Turrinis “Rozznjogd” in einer Neuinszenierung von Werner Sobotka am Wiener Rabenhof Premiere gefeiert. Während die Details der Selbstentäußerung zweier junger Menschen am Mistplatz unverkennbar nostalgischen Touch hatten, stellte die konsumkritische Parabel ihre Gültigkeit auch nach einem halben Jahrhundert unter Beweis.

“i bin a mon, vastesd? i muas killn, vastesd?” Sätze wie diese gingen heute gar nicht mehr. Auch Josef Ellers kommen sie ihm gar nicht so einfach über die Lippen. In Lederjacke und Krawatte für eine Sportwagen-Ausfahrt mit möglichem anschließenden Beischlaf (“de anziche obwechslung is des pudan”) herausgeputzt, ist er mit perfektem Jason-King-Schnauzer von Ausstatterin Agnes Hasun ganz auf 70er-Jahre gestylt. Die leichte ironische Distanz, die bei ihm mitschwingt, erschwert das radikale psychologische Identifikationstheater, mit dem einst Skandal gemacht wurde. Sein Automechaniker, der Menschen wie Motoren auseinandernehmen muss, um ihnen nahe zu kommen, lässt die gefährliche Ungewissheit vermissen, ob sich sein Gewehr nicht unvermittelt andere Ziele als die Ratten suchen könnte. Seine früh geäußerte Ahnung “meagsdned, dasas fia uns ka nochhea gibd?” klingt nicht nach Drohung.

Sophie Aujesky trifft den Ton des Dialektstücks und das Rollenbild von damals ungleich besser. Beim ersten Rendezvous gilt es, strikte Rituale einzuhalten: “ned so schnö. i ken di jo no goaned.” Allmählich wird klar, dass das Kennenlernen an diesem Abend tiefer gehen wird als erwartet, denn angetrieben durch den Menschheits-Ekel des namenlosen “Er” wird Schicht um Schicht abgelegt, um zum wahren Kern des Seins vorzustoßen. Die Dramaturgie dieses Bühnen-Erstlings, mit dem Peter Turrini, von dem Theaterleiter Thomas Gratzer eingangs die herzlichsten Grüße ausrichtete, einen fulminanten Einstieg in die Theaterwelt feierte, ist simpel. Sie funktioniert als Einbahnstraße. Regisseur Sobotka baut zu Recht keine Umwege oder Umleitungen ein und begnügt sich, in dem wie eine Mistplatz-Skulptur aussehenden Bühnenbild seine beiden Akteure auf Kurs zu halten.

Die letzten Stationen dieser 75-minütige Reise durch die Nacht sind Befreiung und Erschießung. Die beiden jungen Leute enden selbst wie die Ratten. Sobotka agiert hier ein wenig schaumgebremst und verzichtet darauf, für diese abschließende Abfolge von Paradies und Hölle hoch emotionale Bilder zu suchen – wohl im Bewusstsein, dass sich unsere Sehgewohnheiten in den vergangenen 50 Jahren auch im Theater stark geändert haben. Um mit Nacktheit und Gewalt zu provozieren, braucht es heute ganz andere Mittel. Auch in der Hinsicht hatte diese “Rozznjogd” etwas von einem Revival, das nicht ohne Sentimentalität gepflegt wurde. Jubel und zuletzt gar Standing Ovations für einen Abend, der niemandem wehgetan hat. Auch den Rozzn nicht. Denn an einer Erkenntnis hat sich nichts geändert: Sie werden uns alle überleben.

(S E R V I C E – “Rozznjogd” von Peter Turrini, Regie: Werner Sobotka, Ausstattung: Agnes Hasun, Mit Sophie Aujesky und Josef Ellers. Rabenhof, Wien 3, Rabengasse 3, Weitere Termine: 2., 7., 28.10., 4.11., 20 Uhr, www.rabenhof.at)

Von: apa

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