Eigenwillige Charaktere mit Südtiroler Dialekt

“Hochwald”: Einfühlsame Selbstfindung im Heimatfilm

Donnerstag, 29. Oktober 2020 | 11:05 Uhr

Wo andere Leute Urlaub machen, lebt in Evi Romens erstem Film Mario – und will unbedingt weg. Komplett mit wunderschönen Bildern des Bergdorfs, das dem Film seinen Namen leiht, und eigenwilligen Charakteren mit Südtiroler Dialekt ist “Hochwald” ein einfühlsamer moderner Heimatfilm über die Enge der Provinz. Am Mittwoch feierte der Film, der beim Zürich Film Festival ausgezeichnet wurde, bei der Viennale seine Österreichpremiere.

Mario (Thomas Prenn) – schlaksig, Mitte 20 und Mann weniger Worte – passt so gar nicht in die Südtiroler Bergidylle. Wenn er sich nicht gerade mit Gelegenheitsjobs in der Metzgerei, einem Hotel oder dem Weingut der Eltern seines Freundes Lenz durchschlägt, tanzt er exaltiert auf der Bühne des Festsaals seiner ehemaligen Schule. Eben dieser Freund Lenz (Noah Saavedra), den es nach Wien verschlagen hat und der künftig als Schauspieler in Rom leben will, kehrt zu Weihnachten nach Hochwald zurück. Bei Mario und Lenz kommen schließlich alte Gefühle wieder hoch – noch so ein Grund, warum Mario nicht und nicht in sein konservatives Umfeld passen will.

Mario folgt Lenz nach Rom, um es vielleicht doch noch als professioneller Tänzer zu versuchen. Bei einem Attentat, das den Anschlag auf den LGBT-Nachtclub Pulse in den USA wiederaufleben lässt, stirbt Lenz, während Mario überlebt. “Why Not You” ist der englische Titel des Films, ebenso wie die Frage, mit der viele Mario nach seiner Rückkehr nach Hochwald begegnen. Auch er selbst hält die Entscheidung Gottes oder Allahs – je nachdem, wen im Film man fragt – ihn und nicht Lenz zu beschützen, für die falsche.

Auf verschiedenen, oft unratsamen Wegen versucht er, sein Trauma in einer Umgebung, in der alles Unkonventionelle sofort zum Dorftratsch wird, zu verarbeiten. Die häufigen, prägnant gesetzten Einstellungen, die Mario alleine zeigen, zeichnen ein Bild innerer Zerrissenheit. Oft begleitet ihn dabei eine weiße Korkenzieherperücke, die sein Anderssein unterstreicht und wohl die letzte Verbindung zu Lenz darstellt. Auch der Islam spielt für Marios Entwicklung eine Rolle, mal als Ursprung islamistischer Terroristen, mal als friedliche Religion mit Heilungscharakter, wobei sich Romen einer Wertung enthält.

Mit “Hochwald” ist Romen, die selbst aus Südtirol stammt und in Wien lebt, ein authentischer moderner Heimatfilm gelungen. Die Charaktere vom sich einmischenden, wenig professionellen Seilbahnführer, dem weltoffenen Freund, der aus der Großstadt heimkommt bis zum Vater, der seinen Sohn zwar liebt, aber nicht wirklich an ihn glaubt, sind, wenn auch zugespitzt, wie aus dem Leben gegriffen. Man fühlt sich stets anwesend in diesem Dorf, in dem jeder jeden kennt und verurteilt, und in dem der nächste Abgrund nie weit entfernt ist. Romens Erstling überzeugt damit, dass er seinen Protagonisten vor dieser harten Kulisse sensibel, ängstlich und menschlich bleiben lässt.

(S E R V I C E – “Hochwald” von Evi Romen am 29. Oktober (Filmcasino) und am 1. November (Metro Kino). www.viennale.at/de/film/hochwald)

Von: apa

Bezirk: Bozen

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