Kühle Familiensezierung

Südtiroler Regisseur Ronny Trocker mit “Der menschliche Faktor” bei 71. Berlinale

Freitag, 05. März 2021 | 15:55 Uhr

Der Südtiroler Filmregisseur Ronny Trocker hatte 2016 mit seinem Debüt “Die Einsiedler” einen Achtungserfolg erzielt. Mit “Der menschlich Faktor” legt der 43-Jährige nun ein neues Werk vor, in dem er anhand einer Familie das Wechselspiel von verschiedenen Perspektiven auf das Leben durchdekliniert. Es ist das Mosaik eines Blicks durch die Augen von verschiedenen Einsiedlern, die sich zu einer Familie zusammengeschlossen haben. Nun war das Werk bei der Berlinale zu sehen.

Eigentlich sind Jan (Mark Waschke) und Nina (Sabine Timoteo) ein binationales, europäisches Vorzeigepaar: Erfolgreiche Werbeagentur in Deutschland, mit Emma (Jule Hermann) und Max (Wanja Valentin Kube) zwei gesunde Kinder, schwuler Onkel, mit dem man sich gut versteht und ein Wochenendhaus an der belgischen Küste. Doch Jans Entscheidung, entgegen der einst getroffenen Abmachung den Werbeauftrag einer Partei und noch dazu einer populistischen anzunehmen, treibt einen Keil in die Idylle.

Als sie über das Wochenende in ihr Haus fahren, bringt ein mysteriöser Einbruch die fragile Konstruktion dieser Familie gehörig ins Wanken. Zwar hat Nina eine blutige Nase, und die zahme Ratte von Max ist verschwunden. Aber wirklich gesehen hat die Täter niemand. Auch kann Nina vor der Polizei die Angreifer nicht beschreiben. Wird die Familie bedroht, oder schleicht sich hier das Surreale ein?

Trocker, der auch das Drehbuch zu “Der menschliche Faktor” verfasst hat, lässt dabei im fließenden Übergang immer wieder den Fokus zwischen den Mitgliedern wechseln, springt chronologisch in der Geschichte vor und zurück. Der individuelle Blick der Beteiligten auf das mysteriöse Ereignis wird der Dreh- und Angelpunkt, an dem sich die Fäden dieses familiären Netzwerks kreuzen.

In den aschfahlen, oftmals im Gegenlicht inszenierten Bildern des österreichischen Kameramanns Klemens Hufnagl wird klar, dass dieser Angelpunkt dabei das einzige Bindeglied ist, das die Charaktere zusammenhält. Zugleich verliert sich “Der menschliche Faktor” ein wenig in seiner Konstruktion, wirkt zunehmend ziellos in seinem narrativen Wollen. Was so gesehen dann aber auch wieder ein Spiegelbild seiner Protagonisten wäre.

(S E R V I C E – www.berlinale.de/de/programm/202106922.html)

Von: apa

Bezirk: Bozen