Katharina Bach im Münchner "Heldenplatz"

AfD und Corona: Falk Richters “Heldenplatz” in München

Sonntag, 05. Dezember 2021 | 10:24 Uhr

“Heldenplatz (Corona)” steht auf den Tickets der Münchner Kammerspiele, und das ist durchaus doppeldeutig. Einerseits mussten am Samstagabend bereits früher gelöste Karten umgetauscht werden, da nun in Bayern nicht nur 2G-plus und FFP2, sondern auch eine Kapazitätsbeschränkung von 25 Prozent gilt, weshalb die Belegungspläne neu gemacht werden mussten. Andererseits führt die Fassung von Regisseur Falk Richter, die gestern Premiere hatte, auch zu den Impfgegnern der Gegenwart.

Eine Premiere in einem fast leeren Haus ist ein durchaus ernüchterndes Erlebnis. Mancher Besucher hat dennoch überraschende Sitznachbarn: Ein Teil der Plätze ist von weißen Hohlköpfen besetzt, Gips-Torsi von teils erregt, teils interessiert wirkenden Menschen, an denen auch noch Hände oder Fäuste angeschraubt sind. Bühnenbildner Wolfgang Menardi hat so das Geschrei und die Aufregung von der Straße in den Zuschauerraum geholt und weist auch sonst darauf hin, dass es nicht nur einen Heldenplatz, sondern auch einen Marienplatz gibt. Oder eine Maximilianstraße. Auf der Bühne steht auf einem fahrbaren Gestell ein Fenster aus der Fassadenfront des Hauses, samt einem Stück der Aufschrift: “Kammerspiele Schaus”. Sowohl die Wirtschafterin Frau Zittel (Annette Paulmann) wie das Hausmädchen Herta (Katharina Bach) werden in das Fenster steigen und ausprobieren, wie es sich anfühlen muss, von hier aus in die Tiefe zu springen, wie es Professor Josef Schuster vor wenigen Tagen gemacht hat.

Bis zur Pause merkt man nichts von der angekündigten “Fassung mit neuen Texten von Falk Richter”. Gespielt wird das Stück von Thomas Bernhard, mit einigen Strichen, aber sonst vom Blatt. Immer wieder eingespielte dokumentarische Filmpassagen stellen Zusammenhänge her und zeigen die Begeisterung der fanatisierten Massen im Dritten Reich, Aufmärsche und Wehrsportübungen, Kurt Waldheim und Franz Josef Strauß, Viktor Orban und Friedrich Merz, AfD-Abgeordnete im deutschen Bundestag, Anti-Corona-Maßnahmen-Demos und den Sturm auf das Kapitol. In einer kurzen Sequenz sieht man H.C. Strache als Politiker und als jungen Schreihals in der “Heldenplatz”-Premiere.

Paulmann macht ihre Sache gut, richtet sich in ihrem Bügel-Monolog des ersten Aktes häufiger direkt ans Publikum als an das Hausmädchen, das damit beschäftigt ist, eine Unzahl schwarzer Herrenschuhe zu putzen und in Reih und Glied aufzustellen. Deutlich weniger Präsenz zeigt Wolfgang Pregler als Robert Schuster, der Bruder des Verstorbenen, der im Volksgarten-Akt ins Spiel kommt. Er ist ein verbittertes, verbiestertes Männchen, weit überragt von seinen eleganten, kühlen Nichten Anna und Olga (Wiebke Puls und Thomas Hauser) und hat weder die schneidende Strenge, die Wolfgang Gasser bei der Uraufführung auszeichnete, noch die traurige Gelassenheit, die August Zirner der Figur in der vergangenen Saison in Salzburg gab. Den Protestbrief gegen ein Straßenprojekt durch den Familienbesitz in Neuhaus, den die Schwestern ihm aufsetzen wollen, wird dieses an zwei Stöcken gehende Rumpelstilzchen schon aus Trotz nicht unterschreiben. Hauptereignis des Zweiten Akts bleibt die von roten Plastikvorhängen begrenzte Bühne, die mit Bogenlampen, den Schuh-Reihen und einem zentralen Erd-Aushub jeden Naturalismus à la Karl-Ernst Herrmann verweigert.

Nach der Pause kommt dann das, was Falk Richter unter den Nägeln brennt. Für seinen Zwischenakt “Das Nie Wieder Theater” lässt er drei junge deutsche Intellektuelle (Bernardo Arias Porras, Knut Berger und Anne Sophie Kapsner) mit Mikrofonen auftreten und sich agitierend an das Publikum wenden. Nur gelegentlich sind hier die Hasstiraden herauszuhören, die Thomas Bernhard seinen Figuren anlässlich des 50-Jahre-“Anschluss”-Gedenkens gegen Österreich in den Mund gelegt hat. Nun geht es gegen Deutschland. Nun geht es um das unselige Weiterwirken der Vergangenheit in die Gegenwart. “Als Nazi hast du in diesem Land immer einen Freifahrtschein gehabt”, heißt es da.

Es wird an eine Rede, die Franz Josef Strauß 1983 auf der Bühne der Münchner Kammerspiele hielt, als “eine der wichtigste Aufführungen im deutschen ‘Wir sind keine Täter, wir sind Opfer’ -Drama” erinnert, auf zahlreiche antisemitische und ausländerfeindliche Gewalttaten der vergangenen Jahre hingewiesen und die Präsenz der AfD im Bundestag angeprangert: “Seit diese als ‘bürgerliche Alternative’ getarnten Nazis im Parlament sitzen, ist niemand außer den Nazis selbst mehr sicher in diesem Land.” Auch der “durch und durch rassistischen Innenminister” wird hart angegriffen: “Die eigentliche Gefahr sind ja die bürgerlichen Kollaborateure. Die eigentliche Gefahr sind ja die sogenannten Konservativen. (…) Wir dürfen den Konservativen nicht noch einmal erlauben, den Nationalsozialisten wieder zur Macht zu verhelfen.” Auch die “Süddeutsche Zeitung” bekommt mit einer Tirade über eine “als Musikkritik getarnte antisemitische Scheiße gegen Igor Levit” ihr Fett weg. Fazit: “Ich bin so froh, wenn das ganze faschistische Pack wieder weggesperrt im Lockdown sitzt.”

Mit einem Song von Katharina Bach geht es wieder zurück ins Stück und zu Tisch. Ein letztes Essen mit der mit Verspätung vom Begräbnis zum Rest der Gesellschaft gestoßenen Witwe des Verstorbenen (Jeanette Spassova) und Sohn Lukas (Erwin Aljukić), ehe die Wohnung aufgelöst wird. Doch die Luft ist raus. Was sich bei Thomas Bernhard mit den immer lauter werdenden Rufen, die die “Frau Professor” vom Heldenplatz hört, zu einem Grande Finale steigert, ist hier nur noch ein Epilog. Was Falk Richter zu sagen hatte, hatte er bereits in seinem Zwischenspiel sagen lassen. Der Schlussapplaus nach zwei Stunden 40 Minuten hörte sich etwas ermattet an. Was auch, aber wohl nicht ausschließlich, an den Anti-Corona-Maßnahmen gelegen haben dürfte.

(S E R V I C E – “Heldenplatz” nach Thomas Bernhard in einer Fassung mit neuen Texten von Falk Richter. Regie: Falk Richter, Bühne: Wolfgang Menardi, Kostüme: Amit Epstein. Mit: Erwin Aljukić, Bernardo Arias Porras, Katharina Bach, Knut Berger, Thomas Hauser, Anne Sophie Kapsner, Annette Paulmann, Wolfgang Pregler, Wiebke Puls und Jeanette Spassova. Münchner Kammerspiele, Nächste Vorstellungen: 6., 22., 29.12.; https://www.muenchner-kammerspiele.de/de/programm/53-heldenplatz)

Von: apa

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Savonarola
1 Monat 17 Tage

die Künstler können einem leid tun. Sie verharren und autolegittimieren sich auf ihren typischen 68er-Positionen, während die Probleme in Europa und auf der Welt ganz andere Qualitäten erreicht haben.

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