Jubel gab es für Netrebkos Darbietung

“Aida” in Salzburg: Gesangsereignis an der Bühnenrampe

Montag, 07. August 2017 | 09:58 Uhr

Es war ein Abend voller Debüts. Zu allererst: Anna Netrebko als Aida. Ein weiterer Stern am Salzburger Festspielhimmel, ein glatter Durchgang, der szenisch kaum mehr braucht als Dekor. Dass das mit Spannung erwartete Opernregiedebüt von Shirin Neshat darüber tatsächlich kaum hinausging, enttäuschte dann aber doch. Und über allem wachte Riccardo Muti.

Reguläre Karten für diese “Aida” gab es seit Monaten nicht mehr – inoffiziell wurden sie zuletzt für mehrere tausend Euro gehandelt. Hinter solchen Summen steckt nicht nur der Glamour-Faktor – das Premierenpublikum am Sonntagabend, war natürlich dicht mit Prominenz bestückt – sondern eine durchaus zutreffende Einschätzung: Anna Netrebkos erste “Aida” ist ein Ereignis.

Die wichtigste Sängerin unserer Zeit hat ihr Repertoire ins dramatische Fach behutsam und organisch erweitert. Ihre Stimme ist dieselbe, aber gewachsen – ein farbschillerndes Instrument von einzigartiger Innigkeit und Vieldimensionalität, sichere Höhen, betörende Tiefen. Mühelos hört man sie aus den Chormassen heraus, die sich in Verdis wahrscheinlich bekanntester Oper tummeln. Dazu verfügt Netrebko über eine immanente dramatische Überzeugungskraft, die eine Inszenierung zum verzichtbaren Luxusgut werden lässt.

Dass ausgerechnet Shirin Neshat, die iranische Künstlerin und Filmemacherin, die Markus Hinterhäuser zu ihrer ersten Opernregie überredet hat, sich tatsächlich im Verzicht auf eine klare Handschrift üben würde, war überraschend. Und schade. Neshats filmisches und fotografisches Werk verhandelt den Kosmos von starken, wiewohl von männlicher Dominanz geprägten Frauen im orientalischen Raum in starken Bildern und subtilen Unterwanderungen, in ästhetisch einprägsamen Kondensaten von Schönheit, Widerstand und Geschlechterpolitik.

Das passt zu Aida, der äthiopischen Sklavin im ägyptischen Exil, hin- und hergerissen zwischen ihrer Liebe zum Feldherren Radames und zu ihrem Vater und der gemeinsamen Heimat. Da hätte es vielleicht gar nicht so viel gebraucht, um diese Geschichte in Neshats Welt zu transponieren – oder umgekehrt. In einigen Momenten spürt man es auch, das Potenzial dieser subtilen, bildmächtigen Künstlerin – aber vereinzelt und viel zu selten.

Wenn Netrebkos berückende “Ritorna vincitor”-Arie von einer Filmeinspielung begleitet wird, in der eine Gruppe äthiopischer Gefangener (dargestellt von in Wien lebenden Flüchtlingen) still fragend in die Kamera blickt, wenn sich die Bühne während des Triumphmarsches für einen kurzen Augenblick dreht, um die auf der Rückseite zusammengepferchten, angstvollen Kriegsgefangenen zu zeigen, oder wenn Netrebko im dritten Akt durch Kostüm, Licht und Wasserprojektion als schlichte, kraftvolle Nomadin in Szene gesetzt wird – dann macht sie auf, diese “Aida”.

Über weite Strecken aber ließ Neshat jeglichen Zugriff auf das Geschehen vermissen. Die allesamt hervorragenden Sänger agieren nahezu konzertant an der Bühnenrampe, Personenführung hat nicht stattgefunden. Und die übergeordneten Bilder, in denen hier offenbar gedacht wurde, erweisen sich kaum als tragfähig. Eine schmucklose weiße Box, zweigeteilt, fungiert als Palast, Tempel und Verlies, und wird überfüllt mit Heerscharen orthodoxer Geistlicher, die als ägyptische Priester firmieren, mit Militärs und Nonnen. Ein Gedrängel im Guckkasten, an dessen vorderster Front großer Gesang stattfindet. Das sind längst überkommene Regeln der Gattung, die Neshat gerne hätte brechen dürfen.

Vielleicht hatte die Neo-Regisseurin zu viel Respekt vor dem ihr bis vor kurzem fast unbekannten Prinzip Oper, noch dazu vor diesem Werk mit seiner durchwachsenen Aufführungstradition, oder vor Riccardo Mutis Vision, der die “Aida” selbst seit fast vier Jahrzehnten nicht dirigiert hat. Statt Neshat drückte er dieser Produktion seinen gestrengen Stempel auf, lässt in Graben und an der Bühnenrampe einen fulminanten, in Dynamik und Farbenspiel ins Detail auskalkulierten Verdi musizieren. Die kammermusikalische Ebene gegenüber dem triumphalen Getöse herauszuarbeiten, gelingt auch den Wiener Philharmonikern beeindruckend, bleibt aber mehr Willensentscheidung als stringente Selbstverständlichkeit.

Das dichte, strenge Konzept aus dem Graben vollendeten die Solisten zu Grandezza und Italianita – fabelhafte Stimmen, die auch neben der Sonderliga von “La Anna” bestehen konnten. Neben Netrebko gab auch Francesco Meli, der ihr bereits beim Salzburger “Trovatore” zur Seite stand, sein Rollendebüt als Radames und wurde für eine schlanke, formschöne Darbietung von großer Noblesse gefeiert. Ekaterina Semenchuk als Amneris steigerte sich gesanglich im Lauf des Abends – wusste allerdings mit dem Vakuum der mangelhaften Regie am wenigsten anzufangen. Hellhörig machte Luca Salsi als Amonasro.

Bei zwei der weiteren sechs Vorstellungen werden Anna Netrebko durch Vittoria Yeo und Francesco Meli durch Yusif Eyvazov ersetzt – restlos ausverkauft sind sie dennoch sein langem. Dass eine Erwartungshaltung wie an diese Opernproduktion überzogen und ihre Enttäuschung daher programmiert ist, leuchtet ein. Doch diese, in tosendem Publikumsapplaus samt Buhs für Neshat zu Ende gegangene “Aida” hat beides gezeigt: Wie man im Rampenlicht sein Potenzial glorreich ausschöpft – oder eben nicht.

Von: apa

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