Albertina gab ambitioniertes Ausstellungsprogramm bekannt

Albertina trotzt Corona mit ehrgeizigen Ausstellungsplänen

Montag, 25. Januar 2021 | 11:15 Uhr

Wird die Albertina am 8. Februar wieder aufsperren? “Ich weiß es nicht. Niemand weiß es”, sagt Klaus Albrecht Schröder. Der Generaldirektor weiß auch nicht, ob sich die ambitionierten Ausstellungspläne für die kommenden Jahre, von Modigliani 2021 über Ai Weiwei 2022 bis zu Basquiat 2023, verwirklichen lassen. Aber er weiß: “Wir haben mehr als je zuvor zu tun. Denn wir planen doppelt bis dreifach”, wie er im APA-Gespräch betont. “Die Anpassung des Programms erfolgt laufend.”

Beispiel Amedeo Modigliani: Die seit vier Jahren vorbereitete Ausstellung “Modigliani – Picasso. Revolution des Primitivismus”, die bereits einmal verschoben wurde, wird nun für September vorbereitet. Die von Marc Restellini zusammengestellte Ausstellung soll Modiglianis berühmte Akte und Porträts sowie einige seiner wenigen erhaltenen Skulpturen in einer großen Retrospektive zeigen. Auf einem Internetvideo preist der Direktor die Ausstellung als die teuerste in der Geschichte des Hauses an. Ist das nicht ziemlich mutig, angesichts dramatischer Besucher- und Erlöseinbrüche der Museen? “Das ist keine Frage des Mutes, sondern eine der Vernunft”, erwidert Schröder. “Durch die Verschiebung können wir drei weitere Leihgaben nach Wien holen, verlieren aber zwei, mit denen wir bisher gerechnet haben. Ich kann die Ausstellung nicht noch einmal verschieben. Wenn wir sie nicht in diesem Herbst zeigen können, dann werden die Österreicher einen der bedeutendsten Maler gar nicht sehen können.”

Für den Fall, dass aufgrund von Anti-Corona-Maßnahmen die Leihgaben nicht nach Wien kommen können oder die realistisch zu erwartende Besucherzahl die 200.000er-Grenze unterschreitet, müsste abgesagt werden. Dann greift man auf das Backup zurück, das parallel bis ins Letzte vorbereitet wird: “The Print”, eine Überblicksschau zur Geschichte des Prints, die in einer kleineren Version eigentlich nach Sao Paulo gehen hätte sollen, nun aber in Wien geblieben ist. Als Back-up für die ursprünglich ab Mitte Februar geplante und nun auf Frühjahr 2022 verschobene Ausstellung “Munch und die Folgen” war zunächst “Michelangelo und die Folgen” vorgesehen. Dieses Konzept wird nun vermutlich später auf kleinerer Ausstellungsfläche verwirklicht. Stattdessen kommt als Frühjahrsschau ab 5. März “Stadt-Land. Von Albrecht Dürer bis Paul Klee”- ein von Eva Michel kuratierter “breit angelegter Spaziergang durch Landschaftsbilder”. Für Schröder “eine Jahrhundertausstellung” mit über 150 Hauptwerken, die aber von keinem Katalog begleitet wird. Das und die Tatsache, dass sie “mit dem Besten, das wir aufbieten können” zur Gänze aus eigenen Beständen bestritten wird, sorgt für geringe Kosten. Auf der anderen Seite ist klar: “Wenn sie stattfindet, dann in erster Linie für die Österreicherinnen und Österreicher.”

Internationales Publikum in größerem Ausmaß wird der Albertina wohl noch länger fernbleiben. Obwohl Besucher aus Fernost laut Schröder ohnedies “keine Fokusgruppe der Albertina” waren, ist der Kulturtourismus nahe dem Nullpunkt. Das Museum, das zuletzt knapp über eine Million Besucher pro Jahr verzeichnete, konnte 2020 gerade einmal 366.000 Eintritte verzeichnen. Die Folge: “Unsere Reserven schmelzen ab!” Durch radikales Einbremsen der Planungen und Inanspruchnahme von Kurzarbeit werde der Verlust 2021 zwar wohl geringer ausfallen, dennoch habe man für das Ministerium zwei Szenarien berechnet, die Besucher- und Erlösrückgänge der kommenden Monate zu prognostizieren versuchen – eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Klar scheint aber: Die Bundesmuseen brauchen eine dritte außertourliche Unterstützungstranche ihres Eigentümers, der Republik Österreich.

Wenn die Bundesmuseen-DirektorInnenkonferenz, deren turnusmäßiger Vorsitzender Schröder seit Jahresbeginn ist, am 1. Februar zusammenkommt, wird auch versucht werden, ein einheitliches Vorgehen bei der Schaffung einer Testinfrastruktur für publikumsnahe Dienste zu prüfen. Denn auch wenn die Besucher vermutlich ohne Corona-Tests (aber mit FFP2-Masken) in die Ausstellungen gelangen können, dürften regelmäßige Testungen den Museumsmitarbeitern im Publikumsdienst vorgeschrieben werden. Geprüft wird etwa die Bereitstellung eines eigenen Testcontainers und eine Kooperation mit einer Organisation wie dem Samariterbund. “Mein pessimistischer Realismus sagt mir: Die Krise wird uns jedenfalls bis Herbst mit voller Wucht begleiten”, meint Schröder. “Vor-Krisen-Besucherzahlen werden wir zumindest die nächsten zwei bis drei Jahre nicht erreichen.”

Als erste neue Albertina-Ausstellung 2021 könnte “Faces. Die Macht des Gesichts” am 12. Februar eröffnen, eine Schau über den “richtungsweisenden Wandel, den die Porträtfotografie im Deutschland der Zwischenkriegszeit erfuhr” und die erste von heuer drei geplanten Fotoausstellungen. Die zur Gänze aus der Sammlung Jablonka bestrittene Araki-Ausstellung, die sich auf dessen Serie “Sentimental Journey” konzentriert (ab 28. Mai) und “American Photography” (ab 16. Juni) folgen. Mit einer Personale zu Xenia Hausners 70er (“True Lies”, ab 30. April) und einer umfassenden Mid-Career-Retrospektive über die 1966 im italienischen Bergamo geborene und seit 1992 in Wien lebende Künstlerin Michela Ghisetti (ab 14. Oktober) stehen zwei Frauen im Zentrum.

In der Albertina modern soll eine aus eigenen Beständen bestrittene Ausstellung mit Werken u.a. von Hans Staudacher, Max Weiler und Georg Baselitz die aufgrund von chinesischen Reisebeschränkungen bis auf weiteres abgesagte China-Österreich-Schau ersetzen, ehe ab 10. Oktober “The 80s. Anything Goes” an die Eröffnungsausstellung “The Beginning” anschließt. Chefkuratorin Angela Stief wird mit internationaler Kunst von Cindy Sherman bis Jeff Koons und Julian Schnabel und österreichischen Größen wie Franz West, Heimo Zobernig oder Gerwald Rockenschaub zeigen, “wie Kunstschaffende in den 1980er-Jahren die Kunst neu definieren”. Schröder hat auch schon einen eingängigen Untertitel parat: “Die Kunst des Zitats oder der Hunger nach Bildern”.

Nachdem an herkömmliche, dicht gedrängte Ausstellungseröffnungen in den Räumen des Künstlerhauses wohl noch länger nicht zu denken ist, hat man sich für die Reden an den Eröffnungsabenden künftig den Brahmssaal des benachbarten Musikvereins gesichert. Platz für die Eröffnungsgäste wird man auch dringend brauchen, wenn Schröder hier sein Highlight für 2022 verwirklichen kann: Eine große Retrospektive des derzeit in Lissabon lebenden chinesischen Künstlers Ai Weiwei soll die Albertina modern nachhaltig auf der internationalen Kunstlandkarte verankern. “Das ist die Chance, die Albertina modern wirklich zu eröffnen!”, sagt Schröder und verrät auch sein geplantes Highlight fürs Frühjahr 2023: Jean-Michel Basquiat. Jetzt muss “nur noch” Corona mitspielen.

(S E R V I C E – www.albertina.at)

Von: apa