Finale des Franz-Tumler-Literaturpreises 2021 in Laas

Allgemeine Verunsicherung: Anna Felnhofers Debütroman “Schnittbild”

Mittwoch, 04. August 2021 | 12:20 Uhr

Am 17. September wird es spannend für Anna Felnhofer. Mit einer Lesung aus ihrem Debütroman “Schnittbild” startet die 1984 geborene Wienerin im Südtiroler Laas das Finale des mit 8.000 Euro dotierten Franz-Tumler-Literaturpreises 2021. Nach Art des Bachmann-Preises münden die öffentlichen Jurydiskussionen über die fünf nominierten Erstlingsbücher (die außerdem von Mischa Mangel, Yulia Marfutova, Romina Pleschko und Hengameh Yaghoobifarah stammen) in die Preisvergabe.

Zunächst liest Felnhofer aber morgen, Donnerstag, beim Literaturfestival O-Töne aus ihrem Buch, das als Genrebezeichnung “Episodenroman” mitbekommen hat. Die Episodentitel sind jedenfalls ungewöhnlich: Milch, Mohn, Minze und Marzipan. Auch der Auftakt zu den einzelnen Geschichten gelingt jeweils fesselnd. Auf wenigen Seiten werden Ausgangssituationen entworfen, die neugierig machen und hineinziehen. Und unübersehbar ist, dass die Autorin Ausbildung und einige Erfahrung als klinische Psychologin hat.

Ein Aushilfslehrer wird von seiner viel jüngeren Freundin, einer ehemaligen Schülerin, verlassen und von ihr an eine Therapeutin vermittelt. Eine 14-jährige Hochbegabte landet in der Psychiatrie, ihre Mutter und die zuständige Psychologin versuchen vergeblich, eine Prognose und eine Einschätzung der Lage vorzunehmen. Ein hoher Universitätsangestellter reist zum Europäischen Forum Alpbach. Inmitten des Kongresstrubels kreisen seine Gedanken noch immer um jenen Tag vor sieben Jahren, als seine Frau bei einem Grado-Urlaub spurlos verschwand und ihn dadurch zum Alleinerzieher zweier Mädchen machte. Die als Therapeutin arbeitende Gattin eines Politikers, gewohnt an ein finanziell sorgloses Leben in der Seitenblicke-Gesellschaft, hat seit fünf Nächten kein Auge mehr zugetan. Die Wiederbegegnung mit einer Patientin lässt sie nicht zur Ruhe kommen. Immer wieder kommt ihr die Frage ihres berühmten Maler-Freundes über ihre Patienten in den Sinn: “Wie stellst du es an, dass du sie wieder loswirst?”

So stark Felnhofers Geschichten beginnen, so sehr laufen sie Gefahr, sich in Rückblenden und Zusatzebenen zu verlieren. Ausgehend vom Kontakt zwischen Therapeutin und Patienten werden persönliche Vorgeschichten ebenso eingearbeitet wie aktuelle Bezüge des jeweiligen Zeitgeschehens. Die Attentate auf John Lennon und Ronald Reagan spielen dann ebenso eine Rolle wie die Angst vor einer sich ankündigenden Wurzelbehandlung oder die zunehmende Sprachlosigkeit zwischen Ehepartnern, die erkennen, dass ihre einstigen gemeinsamen Träume unerfüllt bleiben werden.

Noch ist das nicht immer schlüssig. Noch fehlt da mitunter der lange Atem, der eine begonnene Story auch ohne Substanzverlust ins Ziel bringt. Aber immer ist es irritierend, schafft eine Atmosphäre der Verunsicherung. Die hätte man als Leser jedoch gerne einmal aufgelöst oder auf den Punkt gebracht. In der nächste Therapiestunde etwa. Oder im nächsten Roman.

(S E R V I C E – Anna Felnhofer: “Schnittbild”, luftschacht, 330 Seiten, 24 Euro, Lesung am 5.8., 20 Uhr, bei den O-Tönen im Wiener Museumsquartier)

Von: apa

Bezirk: Vinschgau

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