Raphaela Edelbauer ist die einzige Teilnehmerin aus Österreich

Auftakt zum Bachmann-Preis mit u.a. Auffüllungstechniker

Donnerstag, 05. Juli 2018 | 15:43 Uhr

Den ersten Lesetag des Wettlesens um den 42. Ingeborg-Bachmann-Preis hat am Donnerstagvormittag Raphaela Edelbauer, die einzige österreichische Teilnehmerin, eröffnet. Die 28-jährige Wienerin las einen Text mit dem Titel “Das Loch”, der sich mit gefährlichen Hohlräumen unter einer österreichischen Kleinstadt beschäftigt und Geschichte und Gegenwart verbindet.

In dem Text, der sich aus Recherchen rund um die Seegrotte Hinterbrühl speist, geht es anhand eines herbeigerufenen Technikers um die Notwendigkeit, dem gefährlich instabil gewordenen Untergrund mit Materialeinspritzungen wieder Stabilität zu verleihen, aber auch um Massenmorde, die in den Höhlen und Grotten an KZ-Häftlingen in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs verübt wurden. Dieses Thema wird auch im vermutlich 2019 erscheinenden ersten Roman “Das flüssige Land” der im Februar mit dem Rauriser Literaturpreis Ausgezeichneten im Zentrum stehen.

Die neue Jurorin Insa Wilke ergriff als erste das Wort und gab auch gleich den Ton der Jurydiskussion vor: “Mir gefällt die Figur des Auffüllungstechnikers sehr gut”, sagte sie, doch “im Mittelteil stimmt die Statik des Textes nicht”. Auch Hildegard Keller gefiel diese Figur sehr gut, aber der Text sei ein Hybrid und der Figur zu viel aufgebürdet: “Die poetische Aufladung passt in diesen Techniker nicht rein.” Nora Gomringer, Bachmann-Preisträgerin des Jahres 2015 und ebenfalls neu in der Jury, erregte mit ihrem Statement Gelächter: “Alle Männer sind Auffüllungstechniker.”

Auch in Edelbauers Text sei “recht viel Füllmaterial eingespritzt. (…) Da wäre weniger mehr gewesen”, kritisierte Michael Wiederstein, während Stefan Gmünder fand, die Einwände beträfen “Kleinigkeiten in einem sehr gelungenen Text”. Klaus Kastberger, der Edelbauer eingeladen hat, erhielt für seine flammende Verteidigungsrede Applaus des Publikums: Der Text sei keineswegs überladen, sondern hochpräzise. Er führe eine österreichische Tradition von Hans Lebert und Co. in sehr aktueller und dichter Form weiter. Und er erinnerte, wie sehr auch der Fall des Grubenunglücks Lassing ein Sinnbild für den Umgang mit der Wahrheit sei, die eben von verschiedener Weise angebohrt werden könnte.

Die 38-jährige Schweizerin Martina Clavadetscher, die im Vorjahr mit ihrem Roman “Knochenlieder” für den Schweizer Buchpreis nominiert war, las einen Text mit dem Titel “Schnittmuster”. In ihm geht es um eine 92-Jährige, die im Pflegeheim soeben gestorben ist, und doch viel zu berichten hat, von ihrem schweren, auch von Gewalt geprägten Leben und vom Sterben.

Klaus Kastberger verlieh seinen Privatpreis für den besten ersten Satz für Clavadetschers Auftakt: “Das letzte Schnappen macht den Unterschied.” Er zeigte sich ebenso wie Wilke von der Betulichkeit des Tons irritiert, wohingegen Wilke mit Nora Gomringer einig war im Gefühl, “dass hier zwei Texte drinnenstecken”. Auch Gmünder glaubte, “dass der Text überinstrumentalisiert ist”.

Ins “Lumumbaland” führte der er in Berlin lebende Hamburger Schauspieler, Regisseur und Autor Stephan Lohse, der auf Einladung von Hubert Winkels las, in seinem Text, der zum Abschluss der ersten Vormittags-Session die Jury fast unisono begeisterte. Die Verbindung aus Afrika und Europa, Weiß und Schwarz, betreibt längere Zeit ein Vexierspiel, bei der die Sahara nicht die Sahara ist und Lumumba nicht der historische kongolesische Politiker, der 1961 ermordet wurde, sondern ein weißer Schüler, der gleichsam eine schwarze Identität annimmt. Mehrere Juroren orteten in dem Text den Beginn einer Romans, was auf Nachfrage von Winkels beim Autor keineswegs gesichert scheint. Sicher ist dagegen, dass der Weg zum Bachmann-Preis über dieses “Lumumbaland” zu führen scheint. Klagenfurt hat einen ersten Favoriten.

An das Spitalsbett einer in den schottischen Bergen verunglückten Schwangeren führte zu Beginn des ersten Lese-Nachmittags der Text “Warten auf Ava” der Schweizerin Anna Stern. Das Zittern um die im Koma Liegende mischt sich mit der Bergungsgeschichte der toten Besatzung eines 1951 im selben Gebiet abgestürzten Lancaster-Bombers.

“Flexen in Miami” hieß der Text des jungen deutschen Autors Joshua Groß, mit dem der erste Lesetag abgeschlossen wurde. Bei einem US-Basketballspiel nimmt eine heftige Liebesgeschichte zwischen dem Ich-Erzähler und der Französin Claire ihren Ausgang, bei der allerdings auch noch Charlotte eine Rolle spielt. Zwischen “Ich streichelte ihre Haare, ganz vorsichtig, bis sie ohnmächtig wurde”, und “Sie lag träge auf der Trage” trumpft der Text von Groß immer wieder mit Pointen auf und entwickelt zwischen Sport, Spiel, Medienkonsum, Freizeitverhalten und zeitgemäßer zwischenmenschlicher Annäherung einen Sog.

Von: apa