Umsatzeinbruch von 80 Prozent im Corona-Jahr

Belvedere reduziert 2021 Programm wegen Coronakrise

Dienstag, 15. Dezember 2020 | 14:05 Uhr

Mit einer deutlichen Reduktion des Programms und umfassenden baulichen Investitionen geht das Belvedere in das kommende Ausstellungsjahr. Die Coronakrise mit den beiden Lockdowns sowie den internationalen Reisebeschränkungen habe zu einem Umsatzeinbruch von 80 Prozent geführt, wie Generaldirektorin Stella Rollig und Wolfgang Bergmann, kaufmännischer Geschäftsführer, am Dienstag im Rahmen einer Online-Pressekonferenz erläuterten.

“Wichtig ist, jetzt die Zeit zu nutzen und antizyklisch zu investieren, um beim Aufschwung bestmöglich dazustehen”, gab Bergmann die Richtung vor. Daher unternimmt man im kommenden Jahr umfassende Modernisierungen im Unteren Belvedere, weshalb die dort geplanten Sonderausstellungen nun im Westflügel des Oberen Belvedere gezeigt werden: Den Anfang macht “Lovis Corinth. Das Leben – ein Fest” (18. Juni bis 3. Oktober), im Anschluss folgt “Dürerzeit. Österreich am Tor zur Renaissance” (22. Oktober bis 30. Jänner 2022). Im Rahmen der (vor allem technischen) Generalüberholung soll das Untere Belvedere auch hinsichtlich der Barrierefreiheit verbessert werden, weiters ist ein neuer Gastronomiebereich im derzeitigen Kassenbereich geplant, der sich auch in den Hof öffnen soll. Durch die Rückgabe des sogenannten “Donnerbrunnens” an das Wien Museum soll das ursprüngliche barocke Raumkonzept wiederhergestellt und der Marmorsaal für Ausstellungen, Projekte oder Events genutzt werden können. Die zwei ursprünglich im Unteren Belvedere geplanten Groß-Ausstellungen “Dalí-Freud” und Klimt. Inspired by Rodin, Van Gogh, Matisse …” wurden auf Jänner 2022 bzw. auf das Jahr 2023 verschoben.

Im Oberen Belvedere setzt man aufgrund der Sonderausstellungen auf eine verdichtete Schwerpunktsetzung der Schausammlung im Ostflügel und im gesamten zweiten Obergeschoß, wobei es auch einige Neuzugänge geben wird; darunter die zwei Klimt-Gemälde “Freundinnen” (1907) und “Mädchen im Grünen” (um 1898) als Leihgaben der Klimt-Foundation. Große Ausstellungen sind auch im Belvedere 21 geplant, wo durch die neu gestaltete “Lucy Bar” sowie die Öffnung des Skulpturenparks eine Öffnung zum Schweizergarten für mehr Durchlässigkeit sorgen soll. Als erstes Highlight nannte Rollig die seit 8. Dezember laufende Personale von Maja Vukoje, die bis zum 23. Mai rund 100 Arbeiten der letzten 15 Jahre mit einem Schwerpunkt auf der aktuellsten Produktion zeigt. Ab 4. März ist die Ausstellung zu Joseph Beuys eine der ersten im Jubiläumsjahr zum 100. Geburtstag des Künstlers. Neben einigen Hauptwerken versammelt die Ausstellung Arbeiten und Dokumentationen zu Beuys’ Wirken in Wien. Ab 2. Juli steht dann die Schau “Lois Weinberger. Basics” auf dem Programm, die noch gemeinsam mit dem Künstler vor dessen Tod in diesem Jahr “nahezu” fertig konzipiert werden konnte, wie Rollig ausführte.

“Dieses Jahr hat auch und nicht zuletzt eines mit sich gebracht: In den kulturellen Einrichtungen wurden die ganz großen Fragen wieder nach vorne gebracht”, resümierte Rollig das laufende Jahr. “Was ist unsere Rolle in der Gesellschaft? Sind wir nur ein Freizeitbetrieb oder systemkritisch?”, griff sie einige der Fragen auf. “Sie spiegeln sich in weltweiten Diskussionen in Museen wieder, überkommene Hierarchien und Machtverhältnisse werden hinterfragt. Das Museum ist schon vom Gründungsgedanken her gewissermaßen autoritär, es spricht zu den Menschen. Diese Einkanal-Kommunikation soll sich ändern. Museen müssen sich weit mehr öffnen und in einen dialogischen Prozess mit Publikum eintreten.”

Diesen Weg sei das Belvedere bereits in Ansätzen gegangen und werde ihn noch weiter ausbauen, sagte Rollig auch in Hinblick auf das heimische Publikum. Dabei handle es sich um “einige 100.000e pro Jahr”, diese Zahl werde im Vergleich mit der großen internationalen Resonanz oft kleingeredet. Bisher habe man das heimische Publikum etwa mit den “Free Friday Nights” oder dem Community-Outreach ans Haus gebunden. All das seien Angebote, die sich direkt und besonders an Wienerinnen und Wiener richten, “das sollte man nicht übersehen, wenn man über Tourismus debattiert”. Hinter den Kulissen habe man das Jahr auch besonders für “ganz große Sprünge” in der Digitalisierung genützt. So nannte Rollig etwa ein neues Datenbanksystem für die Online-Sammlung als auch besser operable Werkverzeichnisse.

“Wir sind völlig herausgerissen aus einer Erfolgsgeschichte mit enormem Wachstum”, bilanzierte Bergmann und warnte dabei, die Krise zu früh als beendet zu erklären. “Wir haben das heurige Jahr bewältigt, aber die Krise ist noch nicht vorbei. Für ein Haus wie das unsere wird es bis zur Rückkehr zur Normalität noch sehr lange dauern. Der größere Teil der Krise liegt noch vor uns.” Mit einem Normalbetrieb rechne man frühestens 2023, wenn nicht sogar später. “Es ist jetzt die Zeit, antizyklisch zu investieren”, unterstrich er die Investitionspläne des Hauses. “Jetzt ist die Zeit der Volkswirtschaft und nicht der Betriebswirtschaft.” Die Politik müsse über das tagesaktuelle Krisengeschehen weiter hinaus planen und in Bildung und Infrastruktur investieren, “um dieses Land für den Aufschwung gut vorzubereiten”.

Als “ökonomisches Dilemma” bezeichnete Bergmann den großen Zuspruch auf die Online-Programme des Hauses. Mit 215 digitalen Programmpunkten seien 1,2 Mio. Views erzielt worden. “Doch allein durch Online-Verbreitung wird das ökonomische Geschäftsmodell in keiner Weise gerettet. Wir müssen die Menschen auch wieder hierher holen.” Das Belvedere hatte 2020 mit Eigenerlösen von 23,4 Mio. Euro geplant, die Vorschau für 2020 zeige jedoch lediglich 4,8 Mio. Euro. Der Einnahmenentfall von 18,6 Mio. Euro liege damit also bei 80 Prozent.

Viel davon sei seitens des Museums durch Einsparungsmaßnahmen abgefedert worden, rund zweihundert Personen wurden für drei Monate zur Kurzarbeit angemeldet. Acht der geplanten Ausstellungen wurden auf die Folgejahre verschoben, zwei aus dem Programm genommen. Der dennoch entstandene operative Verlust von rund 8 Mio. Euro wurde durch den Krisenbewältigungsfonds des Bundes teilweise – mit einer ersten Tranche im August von 3 Mio. Euro, danach im November nochmals mit 3,2 Mio. Euro – aufgefangen. Trotzdem müsse das Belvedere in etwa 1,8 Mio. Euro aus einer Deckungsvorsorge heranziehen.

Erfreut zeigte sich Rollig über die geplante Dependance in Salzburg, die von Land und Stadt Salzburg finanziert werde. Ein Projekt, das vorerst verschoben wurde, ist hingegen die Ausschreibung für den Architekturwettbewerb für das neue Besucherzentrum im Oberen Belvedere. “Aber ich hoffe, dass wir am Ende des Jubiläumsjahres 2023 zumindest den Grundstein legen können.”

Von: apa

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