Vik Muniz geht es um die Rückseiten der großen Kunstwerke

Belvedere-Schau: Die Kehrseite von “Kuss” und “Umarmung”

Dienstag, 20. März 2018 | 12:34 Uhr

Vik Muniz interessiert sich seit 15 Jahren dafür, was hinter großer Kunst steckt: Unter dem Titel “Verso” erarbeitet der gebürtige Brasilianer exakte Replica von Rückseiten der berühmtesten Gemälde der Welt – ein Konzept, das nun im Wiener Belvedere den wörtlichen Blick hinter die Kulissen erlaubt. “Vik Muniz: Verso” zeigt beinahe sämtliche Arbeiten der Serie, die bis dato entstanden sind.

So sammeln sich im Belvedere nun Meisterwerke wie Da Vincis “Mona Lisa” oder Van Goghs “Sternennacht”, respektive deren sonst verborgene Seite als detailgetreue Nachbildungen inklusive Zollstempel, Etiketten, Schrammen oder aufgekritzelten Nummern. Unter den 13 ausgestellten Rücken finden sich auch zwei originär für Wien entstandene Arbeiten: Klimts “Der Kuss” und Schieles “Die Umarmung” aus den Belvedere-Beständen.

Die Vorderseite einer Kunstikone sei unveränderlich, die Rückseite hingegen variabel, erklärte der 56-jährige Muniz am Dienstag seine Faszination für die Schattenseiten der Kunstgeschichte. “Für gewöhnlich geht man in ein Museum, um sich mit dem zu konfrontieren, das man bereits kennt.” So hätten Klimts “Kuss” die meisten Besucher schon zuvor in einer Reproduktion gesehen. Die Hinterseite der Ikonen biete da neue Einblicke und halte Informationen über die Arbeitsweise der Künstler bereit. “Sie erzählt die Geschichte des Bildes”, so Muniz, der 2016 als künstlerischer Leiter für die Eröffnungszeremonie der Paralympischen Spiele in Rio de Janeiro verantwortlich zeichnete.

So kann also auch ein Rücken entzücken, wobei die Aufstellung der Schau bewusst auf einen provisorischen Charakter abzielt, der wirkt, als seien die Werke – auf deren vermeintlicher Vorderseite sich nichts als eine Pressspanplatte findet – nur eben an die Wand gelehnt. Eine Ausstellung wie “Verso” sei dabei ein Gemeinschaftsprojekt, erinnerte Kurator Harald Krejci an die Vorbereitungsphase, welche die gesamte Belvedere-Mannschaft gefordert habe: “Sechs Monate hat es gedauert, bis wir den Klimt-Kuss überhaupt aus der Vitrine nehmen durften, um die Rückseite zu fotografieren.” Umso eindrücklicher entfalte sich nun ein medienkritischer Diskurs über die Sinnhaftigkeit von Bildern und massenproduzierte Werke, die ihren Sinn in der ikonografischen Vervielfältigung verloren hätten.

Die Muniz-Schau findet innerhalb der neuen Reihe “Im Blick” statt, die künftig drei Mal jährlich Wechselausstellungen zeigt, die im Bezug zur Sammlung stehen, so Belvedere-Direktorin Stella Rollig: “Wie die Neuaufstellung unserer Sammlung, regt Muniz’ Arbeit dazu an, Gemälde nicht nur zu betrachten, sondern auch über ihre Zirkulation im Kunstbetrieb und ihre Präsentation nachzudenken.”

Von: apa