Ben Becker spielt den wahnsinnigen Caligula

Ben Becker als “Caligula” am Landestheater Salzburg

Montag, 03. September 2018 | 11:05 Uhr

Den Mond besitzen und den Sinn auflösen, das ist Caligulas Ziel. Am Ende von Albert Camus’ Drama muss der römische Kaiser sterben. In John von Düffels und Marike Moiteauxs gekürzter Version muss er sich erst einmal selbst ertragen. Eine Inszenierung um und für Ben Becker am Salzburger Landestheater, die am Sonntagabend Premiere feierte.

Wahnsinn und Grausamkeit gehen Hand in Hand. Caligula verkraftet den Tod seiner Schwester nicht und zieht sich im Zuge der Trauer in den Wald zurück. Ein bodenlanger, weißer Fellmantel hängt über seinen Schultern und der goldene Lorbeerkranz schief zwischen den zerzausten Haaren. Wenig Ausstattung hat Bühnenbildnerin Eva Musil der schwarzen Bühne gelassen, eine gigantische, folierte Wand nimmt die Bühne ein. Alles ist auf Caligula reduziert. So haben die Regisseure die Originalversion zurecht gekürzt, dass es am Ende nur noch um Caligula geht, oder besser gesagt: Ben Becker.

Albert Camus porträtiert in seinem 1945 uraufgeführten Drama den römischen Kaiser, der dank seiner Willkür und Grausamkeit in die Geschichte einging. Schwer traumatisiert vom Tod der Schwester, mit der er auch eine Liebesbeziehung pflegte, verzweifelt er am Sinn des Daseins und reißt damit ganz Rom ins Verderben. Das schürt Unmut in seinem Umfeld, das sich nach und nach konkreter mit einem Eingriff in die Machenschaften des Tyrannen auseinandersetzt. Diese Nebenschauplätze haben von Düffel und Moiteaux fast gänzlich reduziert. Das Stück steht auf den Säulen von Caligulas Monologen, seinen ausschweifenden, scheinbar willkürlichen Ideen. Er lässt die Kornspeicher schließen und den Vater seines Dichters Scipio umbringen, um sich von diesem auch noch dafür danken zu lassen.

Den radikalen Tyrannen wollte Ben Becker, dessen Hang zu exzentrischen Rollen mit dem Kaiser nicht besser getroffen sein könnte, nicht alleine in den Vordergrund stellen. Immer wieder versucht er sich ruhig an die philosophischen, einkehrenden Monologe heranzutasten, die Camus textlich so vielschichtig und elegant ausgeschmückt hat, doch am Ende überwiegt das Laute. Becker gibt sich immer wieder der Freude hin, den irren Tyrannen heraushängen zu lassen und minutenlang herumzuschreien, sodass sich – nicht zuletzt seinem weißen Leinenanzug geschuldet – Assoziationen mit Klaus Kinskis Fitzcarraldo auftun.

Diese derartige Überpräsenz des Caligula lässt dem restlichen Ensemble wortwörtlich wenig Platz. Dagegen versucht Tim Oberließen als Scipio noch am stärksten anzukämpfen. Anfangs scheinbar gänzlich ergeben, lässt er die Zweifel an seinem Herrscher immer stärker anschwellen. Christoph Wieschke lässt sich dagegen schneller die Hosen ausziehen (sein Patricius läuft fast das gesamte Stück ohne herum). Vorsichtig sein und nur nicht zu viel nachdenken ist die Devise. Nikola Rudle ist eine treu ergebene Caesonia, die ihrem Kaiser bis zum Ende die Treue hält, der ihr dafür wiederum das Genick bricht, und Elisa Afie Agbaglah bleibt als Sklavin sowieso nichts anderes übrig, als bis zum Schluss zu gehorchen.

Nach knappen eineinhalb Stunden bedrückender Stimmung hat man tief in die Abgründe des menschlichen Daseins geblickt, von Camus’ Auseinandersetzung mit einem absoluten Herrscher allerdings nicht viel gesehen, dafür aber von Ben Becker. Der bekommt für dieses manische Psychogramm schlussendlich den meisten Applaus, aber auch der Rest des Ensembles und die Regie bekommen Premierenjubel.

(S E R V I C E – “Caligula” von Albert Camus; Inszenierung: John von Düffel und Marike Moiteaux, Bühne und Kostüme: Eva Musil, Musik und Video: Phillip Hohenwarter, Matthias Peyker. Mit Ben Becker, Nikola Rudle, Tim Oberließen, Elisa Afie Agbaglah, Christoph Wieschke. Weitere Termine: 21. und 23. September, 7., 9., 10. Oktober; Infos und Karten unter www.salzburger-landestheater.at)

Von: apa