Südtiroler Bildhauer besticht mit schlanken, in sich ruhenden Figuren

“Das Wesen Mensch”: Moroders Frauenskulpturen in der Galerie Chobot

Donnerstag, 28. März 2019 | 14:20 Uhr

Die Damen haben den Transport alle gut überstanden. Viele Stunden war gestern der Südtiroler Bildhauer Walter Moroder mit seinem Kleintransporter nach Wien unterwegs, und die lebensgroßen Frauenskulpturen stehen nun wohlbehalten und gelassen in einer Kleingruppe in der Wiener Galerie Chobot, Aug in Aug mit ihrem Schöpfer. Am Donnerstagabend ist Vernissage, und der Verkaufserfolg ist absehbar.

Moroder hat treue und reiche Fans. Letzteres müssen sie auch sein, bei Preisen von derzeit 32.000 Euro pro Stück. “Es gibt Wartelisten, denn Walter macht ja nicht so viele große Skulpturen”, sagt Galeristin Dagmar Chobot, die vor vielen Jahren von Bruno Gironcoli auf den Südtiroler aufmerksam gemacht wurde. Der Künstler ist mit etwa einer Halbjahresproduktion nach Wien gekommen, schließlich wird Chobot auch ihren 30-Quadratmeter-Stand bei der Kunstmesse Art Austria im Palais Liechtenstein Anfang April mit einer Soloshow des 55-Jährigen bespielen. Dabei ist Laufkundschaft angesichts der starken Nachfrage gar nicht vonnöten. “Alle, die je eine Skulptur von ihm gekauft haben, sagen: Wir freuen uns jeden Tag darüber. Tatsächlich ist der Kauf eine sehr persönliche Entscheidung. Man muss davorstehen und muss sie spüren. Man lebt ja dann mit ihr.”

Die schlanken, in sich ruhenden Figuren wirken fremdartig und vertraut zugleich. Dass man sie berühren möchte, obwohl sie spröde scheinen, liegt nicht nur daran, dass sie meist aus Holz geschnitzt sind. Den Übertragungskräften, die auf den Betrachter angesichts der Skulpturen wirken, kann man sich kaum entziehen. Diese spürbare Magie weiß auch der Künstler nicht recht zu erklären: “70 Prozent ist Handwerk. Der Rest ist das, worauf es ankommt. Zum Glück weiß ich selbst nicht, was es ist.” Klarer lässt sich sagen, was es nicht ist: reiner Realismus. Die Vorlagen für seine Skulpturen formt Moroder nicht nach echten, menschlichen Modellen. Die Gestalten sind sichtbar von indonesischen Studienaufenthalten beeinflusst und nicht unmittelbar nach der Natur geformt. “Für mich ist Abstraktion das Ausschlaggebende in der Kunst. Meine Figuren sind Darstellungen. Sie stehen für den Menschen. Mich interessiert die Senkrechte. Wenn ein Mensch ruhig dasteht, ist er bei sich. Deswegen wirken die Figuren alle in sich gekehrt.”

Moroder ist Spross einer lange zurückreichenden Herrgottsschnitzerdynastie aus dem Grödnertal. “Es war ein großer Betrieb. Da wurde jede Woche ein Heiliger hergestellt und weltweit verschickt. Die Sachen, die bei uns hergestellt wurden, haben mich aber nie interessiert.” Für den Bruch mit der Familientradition half es, dass sich schon Moroders Vater mehr für die klassische Moderne eines Henry Moore oder Marino Marini als für klassische Kruzifixe und Madonnen interessierte. “Von der Tradition bin ich sehr geschädigt”, sagt der Sohn und meint das nicht nur motivisch, sondern auch handwerklich. Mit welchen Werkzeugen man dem Holz zu Leibe zu rücken habe – auch von diesen Vorstellungen habe er sich erst befreien müssen.

Die Holzskulpturen, für die er bekannt wurde (bei Chobot gibt es aber auch eine lebensgroße Bronze sowie kleine Bronzestatuen um 5.400 Euro), blicken auf einen durchaus komplizierten Schöpfungsprozess zurück. Rund zehn Zentimeter dicke Zirbelkieferbretter werden zu einem großen Block verleimt, den er zunächst mit der Motorsäge bearbeite, ehe er zum Stemmeisen greife, sagt der Bildhauer. “Die Farbigkeit entsteht dabei in mehreren Schichten.” Immer wieder bemalt Moroder die in Entstehung begriffene Skulptur, um mit der neuen Farbgebung quasi auch zu einem Neuanfang zu kommen.

Der Grat zwischen kontemplativer Ästhetik und glatter Gefälligkeit ist ein schmaler. Das weiß auch Moroder. Deshalb greift er auch schon mal zum Hammer, um die Oberfläche seiner Skulpturen aufzurauen. Noch nie ist er jedoch so radikal zu Werke gegangen wie bei “Furmies”, einer 178 Zentimeter großen Figur, deren Körper mit Fräsen und Bohrern eine fragile, wabenartige Struktur erhielt: ein Memento mori, ein Symbol der Vergänglichkeit, nicht nur, weil manche der herausgearbeiteten Holzstege buchstäblich an einzelnen Fasern zu hängen scheinen.

Eine Frage muss Walter Moroder immer wieder beantworten: Warum wird sein Skulpturenpark fast ausschließlich von Frauen bevölkert? “Ich habe bisher auch fünf, sechs Männer ausprobiert. Aber es klappt nicht. Ich weiß auch nicht so recht, warum. Aber es geht mir ja ohnehin nicht so sehr um Frau und Mann. Es geht mir darum, das Wesen Mensch darzustellen.”

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E – “Walter Moroder. Skulpturen”, Galerie Chobot, Wien 1, Domgasse 6, Vernissage: heute, 19 Uhr, 29.3.-9.5., Di-Fr 13-18 Uhr, Sa 11-16 Uhr, http://www.kunstnet.at/chobot)

Von: apa

Bezirk: Salten/Schlern