"Die Einsiedler": Abgesang auf die Elenden im Hochgebirge

Trockers Südtiroler Studie der letzten einschichtigen Bergbauern

Donnerstag, 30. März 2017 | 09:05 Uhr

“Die Einsiedler” des Südtirolers Ronny Trocker ist ein Abschied in 110 Spielfilmminuten von der Lebensart der einschichtig gelegenen Bergbauernhöfe – ein Abschied ohne Tränen und Trauer, aber einer, der nicht unberührt aus dem Kinosaal gehen lässt. Der Film, der auch ohne weiteres “Die Elenden” hätte heißen können, hatte Mittwochnacht auf der Diagonale Graz seine österreichische Erstaufführung.

Es sind wuchtige Bilder zu Beginn, wie aus den bekannten und erfolgreichen österreichischen Agrar- und Umweltdokus. Eine Begräbnisprozession zieht über die Wiesen ins Tal, wie ein Leitmotiv mit dem deutlichen Hinweis, dass alles dauerhafte menschliche Leben in den Höhenlagen über Meran – und anderswo in den Alpen – zu Ende geht. Albert (Andreas Lust), der Sohn von Rudl (Peter Mitterrutzner) und Marianne (Ingrid Burkhard), hat den heruntergekommenen heimatlichen Hof verlassen und arbeitet in einem Marmorsteinbruch. Die beiden Alten kommen mit der schweren Arbeit nicht mehr zu Rande. Sie und der Sohn, der im Tal nicht wirklich Anschluss findet, sind herausgefallen aus der Zeit und dem Land, obwohl sie dessen Gesicht über Jahrhunderte mitprägten.

In diesen Höhen, wo niemand hinkommt, wird alles in Eigenregie geregelt, wie das Begraben des plötzlich verstorbenen Rudl. Das Tal braucht die Bergbauernfamilie nicht und sie die Welt im Talgrund nicht, die zu schnell und zu gleichgültig ist. Die Ostösterreicher Lust und Burkhard sowie der Südtiroler Mitterrutzner setzen die Zwiespalte, die verborgenen Regungen und die Furcht vor dem, was unweigerlich kommt, in ausdrucksstarker Wortkargheit um. Lust und der ungarischen Kantineurin (Orsi Toth) gelingt eine wundervolle Darstellung zarter, patscherter gegenseitiger Bande, die sich am Schluss wohl verfestigen. Man erfährt es nicht. Als Albert den Zug von Meran hinaus in die Welt nimmt, geht die Abteiltür auf – und die Bahn fährt in einen Tunnel ein. Doch zeichnete sich ganz kurz ein Lichtblick auf seinen Zügen ab.

“Die Einsiedler”, eine Art “Schöne Tage” in Endzeitstimmung, ist hochgradig spannend wie traurig – wie endet es mit dem Hof, kommt Albert wieder zurück auf den Berg? Die Anspannung löst sich lange nicht. Als der alten Bäuerin das Gebrüll der ungemolkenen Kuh im Stall unerträglich wird, gibt sie sich und das Anwesen auf. Die Milchkuh stürzt wenig später über einen Abhang zu Tode, Marianne nimmt die Flinte aus dem Schrank, zerschießt den Herrgottswinkel und tötet das letzte Stück Vieh. Das Auflachen des Premieren-Publikums beim Schuss auf den Jesus im heiligen Land Tirol war wohl eher dem Bedürfnis nach Erleichterung in der rauen Ausweglosigkeit des Films geschuldet.

(S E R V I C E – Nähere Info unter http://www.diagonale.at abrufbar.)

Von: apa

Bezirk: Bozen, Burggrafenamt