Fortsetzung ihres Bestsellers

Die “Bagage” und ihre Kinder: Monika Helfers Familienroman “Vati”

Freitag, 22. Januar 2021 | 06:10 Uhr

Kinder, die in einem Kriegsversehrtenheim aufwachsen, als wäre es ihr Schloss; ein Mann, der sich lieber mit Büchern als mit seinen Kindern beschäftigt, nach einem Selbstmordversuch lange im Spital und nach dem Tod seiner Frau schließlich im Kloster landet; eine weltgewandte Frau, die sich von Verwandten dazu überreden lässt, von Genf heimzukehren und den ihr unbekannten Mann durch Heirat vor dem totalen Absturz zu bewahren. In “Vati” von Monika Helfer ist ganz schön was los.

Gerade die spektakulärsten Szenen und unwahrscheinlichsten Konstellationen seien die reine Wahrheit, versichert die Vorarlberger Autorin. In ihrem Roman “Die Bagage” hatte sie sich erstmals ihrer Familiengeschichte zugewandt und das Leben der Großeltern als Außenseiter geschildert, am Rande eines Dorfes und am Rande der Gesellschaft. In ihrem neuen Roman rückt sie ein Stück weiter Richtung Gegenwart. Es sind ihre eigenen Eltern, von denen sie berichtet, und es ist sie selbst, die im Kreise von Geschwistern mit einer stillen, zurückgezogenen Mutter und einem verschrobenen, eigenbrötlerischen Vater auskommen muss.

Wie schon in ihrem unerwarteten Bestseller “Die Bagage” schlägt Helfer einen sanften, aber insistierenden Ton an, der Dinge nicht beschönigt und Schroffheiten ebenso wenig abschleift wie er Unklarheiten beseitigt. Die eigene Position des Erinnerns, Nachforschens und schreibend Festhaltens, wird immer wieder miteinbezogen – von dem über dem Schreibtisch angebrachten Gruppenfoto, auf dem der Vater abseitssteht (“Er sieht aus, als gehöre er nicht dazu.”), über den Austausch mit den Schwestern (“Das ist deine Version.”) bis zum Recherche-Besuch bei der Stiefmutter. “Stiefmutter” schreibe sie mit schlechtem Gewissen, denn das klinge nach einschlägigen Witzen oder nach Märchen, so Helfer. Tatsächlich hat ihr Buch etwas von einem bösen Märchen, manchmal aber auch von einem Psychothriller. Es pendelt zwischen Drama und absurdem Theater, lässt an düstere, kunstvolle Schwarz-Weiß-Filme denken, manchmal an Franz Kafka und gelegentlich auch an Charles Dickens.

Man erfährt viel von Helfers Vater Josef, doch wirklich nahe kommt man ihm nicht. Dabei kann man wohl ziemlich genau jenes Gefühl nachvollziehen, das seine vier Kinder hatten, als sie im Kriegsopfererholungsheim auf 1.220 Meter Seehöhe in der Nähe von Bludenz aufwuchsen, wo der Vater, dem in Hitlers Russland-Feldzug ein Bein abgefroren war, als Verwalter arbeitet und sich mehr um Chemie-Experimente und Bücher als um Familie und Gäste kümmert. Ein zarter, kleiner, unnahbarer Mann, seiner Frau, die ihm als Krankenschwester im Lazarett selbst den Heiratsantrag gemacht hatte, stets liebevoll zugetan, doch verschlossen wie eine Auster: “Wir waren Luft für ihn. Nur unsere Mutti galt etwas. Nicht etwas, sondern alles.” Es war ein Haushalt, in dem gelesen, aber nicht miteinander gesprochen wurde. Wenn Stimmen aus dem Eltern-Schlafzimmer gehört wurden, tuschelten die Geschwister: “Jetzt reden sie wieder.”

Auch die Mutter ist den Kindern keine Hilfe, gibt ihnen wenig Liebe und Zärtlichkeit. Das Aufwachsen ist voller Rätsel und Tragödien. Der Vater versucht sich umzubringen, weil er fürchtet, bei einer Revision könne herauskommen, dass er ihm anvertraute Bücher privat beiseitegeschafft hat. Die Onkel und Tanten rücken an, um angesichts der hilflosen Mutter die Dinge in die Hand zu nehmen. Später stirbt die Mutter an Krebs, die Kinder werden aufgeteilt. Vom weitläufigen Heim mit seinen Zimmerfluchten, Köchin und Dienstmädchen wechseln die drei Mädchen zur Tante in eine beengte Wohnung in der Bregenzer Südtirolersiedlung, der Bruder kommt zur anderen Tante. Der Vater zerbricht fast am Tod seiner Frau. Höhepunkt des Familiendramas ist ein Besuch der Kinder beim ausgezehrten Vater in der Klosterzelle, in die er sich zurückgezogen hat. Eine eindrucksvolle Szene, nicht von Selbstmitleid geprägt, sondern von kindlichem Staunen. Das ist überhaupt der Grundtenor des Buches.

“Vati” ist auch ein Buch der Bücher. Am Ende, der Vater hat sich erholt, mit seiner zweiten Frau eine neue Familie gegründet und im Finanzamt Karriere gemacht, erhält er eine unerwartete Chance. Von Kind an ein Büchernarr, darf er in der Pension eine Gemeindebibliothek aufbauen und ganz nach seinem eigenen Geschmack Bücher bestellen. Er ist im Paradies. Buchstäblich. Denn beim Auspacken der Pakete wird er von einem umstürzenden Bücherstapel begraben und stirbt. “Die Freude war ihm zu viel gewesen.” Erlebt hat er noch, dass ihm seine Tochter Monika ihre ersten eigenen Bücher überreichte. Mit der Widmung: “Für Vati, der schuld ist, dass ich die Bücher liebe.”

(S E R V I C E – Monika Helfer: “Vati”, Hanser Verlag, 176 Seiten, 20,60 Euro. Das Buch erscheint am Montag.)

Von: apa