"Ich wollte die Region mal klischeefrei porträtieren"

“Die Einsiedler”: Regisseur Trocker über seine Hassliebe zu Südtirol

Freitag, 19. Januar 2018 | 10:20 Uhr

Bozen/Berlin – “Die Einsiedler” des Südtirolers Ronny Trocker ist ein Abschied von der Lebensart der einschichtig gelegenen Bergbauernhöfe in 110 Spielfilmminuten – ein Abschied ohne Tränen und Trauer, aber einer, der nicht unberührt aus dem Kinosaal gehen lässt. Der Film, der auch “Die Elenden” hätte heißen können, kommt nach der Weltpremiere bei der Diagonale 2017 am Freitag in die Kinos.

Es sind wuchtige Bilder zu Beginn, wie aus den bekannten und erfolgreichen österreichischen Agrar- und Umweltdokus. Eine Begräbnisprozession zieht über die Wiesen ins Tal, wie ein Leitmotiv mit dem deutlichen Hinweis, dass alles dauerhafte menschliche Leben in den Höhenlagen über Meran – und anderswo in den Alpen – zu Ende geht.

Albert (Andreas Lust), der Sohn von Rudl (Peter Mitterrutzner) und Marianne (Ingrid Burkhard), hat den heruntergekommenen heimatlichen Hof verlassen und arbeitet in einem Marmorsteinbruch. Die beiden Alten kommen mit der schweren Arbeit nicht mehr zurande. Sie und der Sohn, der im Tal nicht wirklich Anschluss findet, sind herausgefallen aus der Zeit und dem Land, obwohl sie dessen Gesicht über Jahrhunderte mitprägten. In diesen Höhen, wo niemand hinkommt, wird alles in Eigenregie geregelt, wie das Begraben des plötzlich verstorbenen Rudl. Das Tal braucht die Bergbauernfamilie nicht und sie die Welt im Talgrund nicht, die zu schnell und zu gleichgültig ist.

Die Ostösterreicher Lust und Burkhard sowie der Südtiroler Mitterrutzner setzen die Zwiespalte, die verborgenen Regungen und die Furcht vor dem, was unweigerlich kommt, in ausdrucksstarker Wortkargheit um. Lust und Orsi Toth als ungarischer Kantinenwirtin gelingt eine wundervolle Darstellung zarter, patscherter gegenseitiger Bande, die sich am Schluss wohl verfestigen. Man erfährt es nicht. Als Albert den Zug von Meran hinaus in die Welt nimmt, geht die Abteiltür auf – und die Bahn fährt in einen Tunnel ein. Doch zeichnete sich kurz ein Lichtblick auf seinen Zügen ab.

“Die Einsiedler”, eine Art “Schöne Tage” in Endzeitstimmung, ist hochgradig spannend wie traurig – wie endet es mit dem Hof, kommt Albert wieder zurück auf den Berg? Die Anspannung löst sich lange nicht. Als der alten Bäuerin das Gebrüll der ungemolkenen Kuh im Stall unerträglich wird, gibt sie sich und das Anwesen auf. Die Milchkuh stürzt wenig später über einen Abhang zu Tode, Marianne nimmt die Flinte aus dem Schrank, zerschießt den Herrgottswinkel und tötet das letzte Stück Vieh. Ein Film der rauen Ausweglosigkeit. www.filmdelights.com/verleih/dieeinsiedler

Ronny Trocker, 39, ist in Südtirol aufgewachsen. Seine Muttersprache ist Deutsch. Mit 21 Jahren zog er nach Berlin, wo er unter anderem als Tontechniker arbeitete. Dann ging er für sein Filmstudium nach Argentinien und Frankreich und zog später nach Belgien. “Die Einsiedler” ist sein Debütfilm und lief im Vorjahr bei der Diagonale in Graz sowie den Filmfestspielen von Venedig.

apa

Im Interview mit der dpa spricht Regisseur Ronny Trocker über die Beziehung zu seiner Heimat und persönliche Erlebnisse, die in sein Spielfilmdebüt eingeflossen sind.

Frage: Sie sind in Südtirol aufgewachsen, leben aber seit Jahren nicht mehr dort. Was hat Sie dazu bewogen, für diesen Film zurückzugehen?

Ronny Trocker: Es gibt für mich so eine Art Hassliebe zu dieser Region. Ich finde es eine faszinierende Gegend, denn dort treffen sich verschiedene Sprachen und Lebensweisen. Wenn man da aufwächst, kommt man in den Genuss von beiden, das ist wie ein Schmelztiegel. Allerdings gibt es in solchen Regionen auch so eine Art Isolierung und Selbstbezug: “Wir deutschsprachige Minderheit” und so weiter. Man interessiert sich nur für sich.

Frage: Viele Menschen verbinden mit Südtirol schöne Urlaubserinnerungen. Sie zeigen aber eine sehr andere Welt…

Trocker: Ich wollte die Region mal klischeefrei porträtieren. Für den Tourismus sind die schönen Berge und schönen Fotos super. Aber für die Leute, die den Berg bearbeiten, ist der Berg ein Hindernis. Ich wollte diese Welt ohne Schnörkel zeigen.

Frage: Sind in den Film persönliche Erfahrungen eingeflossen?

Trocker: Ich bin selber in einem kleinen, modernen Touristenort aufgewachsen. Aber meine Mutter ist in einem sehr isolierten Bauernhof groß geworden. Als Kinder sind wir da alle drei Wochen den Großvater und Onkel besuchen gegangen. Und das war ein großer Kontrast zu dem, wie ich aufgewachsen bin. Der Bauernhof trug noch sehr archaische Züge. Da habe ich dieses Spartanische kennengelernt, das ist mit eingeflossen.

 

 

 

Von: dpa

Bezirk: Bozen