Vortagsabend

Die italienische Frage am Wiener Kongress

Montag, 08. Juni 2015 | 13:16 Uhr

Bozen – Beim letzten Vortagsabend der Reihe „200 Jahre Wiener Kongress“ setzt sich der Historiker Marco Bellabarba (Universität Trient) in seinem Vortrag mit der Neuordnung der italienischen Staatenwelt am Wiener Kongress und den Möglichkeiten der italienischen Akteure, auf diese einzuwirken, auseinander. Der Vortrag – am 11. Juni um 18.00 Uhr in der Universitätsbibliothek Bozen – wird vom Kompetenzzentrum für Regionalgeschichte der unibz, dem Verein „Geschichte und Region“ und der Universitätsbibliothek Bozen organisiert und will die neuesten Forschungsergebnisse einem breiten Publikum präsentieren.

Am Wiener Kongress gab es zunächst keine „italienische Frage“: Kein italienischer Staat gehörte zu den führenden Mächten am Kongress, zur Neuordnung der italienischen Staatenwelt wurde keine eigene Kommission gebildet, selbst im gesellschaftlichen Leben in Wien dürften Italiener keine besondere Rolle gespielt haben, der wichtigste italienische Diplomat in Wien schließlich war wohl Ercole Consalvi, der Gesandte des Papstes. Metternich brachte diese Zweitrangigkeit während des Kongresses auf den Punkt, wenn er Italien als bloßen „geographischen Begriff“ abtat, ohne Anrecht auf Eigenstaatlichkeit bzw. nationalkulturelle Einheitlichkeit.

Zweitrangig war Italien jedoch keineswegs. Als eigentliche Konkursmasse der napoleonischen Ordnung rückte es rasch in den Interessensbereich aller Großmächte: Österreich sicherte sich große Teile Nord- und Mittelitaliens, Piemont wurde als antifranzösisches Bollwerk wiedererrichtet, der Papst als emblematische Märtyrerfigur, die sich Napoleon nicht unterworfen hatte, erhielt seinen Kirchenstaat zurück, Frankreich war stark daran interessiert, die Bourbonen im Süden wieder zu installieren. Diese rücksichtslose politische Neukartierung führte dazu, dass die italienische Geschichtswissenschaft und Öffentlichkeit den Wiener Kongress lange Zeit als despotische und konservativ-rückständige Versammlung deuteten. Er habe in Italien ein restauratives, antidemokratisches System, vor allem aber eine Periode der Fremdbeherrschung eingerichtet, die erst durch die italienischen Einigungen fünfzig Jahre später überwunden werden konnte. In dieser populären wie auch nationalistisch verengten Lesart war Italien dem willkürlichen Regime des Wiener Kongresses hilflos ausgesetzt, ja das prominenteste Opfer der restaurativen Politik Metternichs.

Erst in den letzten Jahren wurde dieses gängige italienische Bild vom Wiener Kongress relativiert und differenziert. Wie Historiker herausgearbeitet haben, gab es eine Vielzahl von italienischen Akteuren am Wiener Kongress, die sehr unterschiedliche Interessen verfolgten, die sich kaum auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen und schon gar nicht das Ziel einer nationalen Einheit verfolgten. Viele von ihnen suchten vielmehr selbst ihre Privilegien und Besitzungen zu „restaurieren“, so etwa die Vertreter der ehemaligen Republik Genua oder des sardischen Königreiches. Marco Bellabarba, ein ausgewiesener Experte der Geschichte Italiens und der Habsburgermonarchie, wird in seinem Vortrag diese komplexe Interessenslage analysieren und den Wiener Kongress aus der Perspektive der italienischen Kongressteilnehmer beleuchten. Er wird aber auch einen „österreichischen Blick“ einnehmen: Die österreichische Diplomatie erarbeitete im Umfeld des Kongresses erstmals einen Masterplan für Italien, der die Geschichte Italiens, Österreichs und auch Tirols im nachfolgenden Jahrhundert maßgeblich prägen sollte.

Termin: Der Wiener Kongress und Italien Die Wiener Ordnung in der Geschichte Europas nach 1815. Vortrag von Marco Bellabarba (Universtität Trient), am Donnerstag, 11. Juni 2015, ab 18.00 Uhr in der Universitätsbibliothek Bozen, Universitätsplatz 1. Der Eintritt ist frei.

Für weitere Informationen: florian.huber@unibz.it

Von: ©mk

Bezirk: Bozen